"Die Bindung an die Türkei wächst"

Interview  Der Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan warnt im Stimme-Interview vor einer wachsenden Entfremdung der hier lebenden Türken mit Deutschland.

Von Jens Dierolf
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Haci-Halil Uslucan leitet das Zentrum für Türkeistudien in Essen. Foto: privat

Das anstehende Referendum über eine Verfassungsänderung in der Türkei hat zu Verwerfungen zwischen Berlin und Ankara geführt. In den vergangenen Jahren hat die Bindung der hier lebenden Türken zu Deutschland abgenommen, sagt der Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan.

 

Man hat das Gefühl, das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken ist so schlecht wie nie. Teilen Sie die Einschätzung?

Haci-Halil Uslucan: Es ist in der Tat eine sehr kritische Situation. Aber solche haben wir häufiger erlebt. Spannungen gab es auch schon vor der Präsidentschaftswahl oder wegen innertürkischen Konflikten im Osten der Türkei. Dass wir gerade einen Tiefpunkt erleben, würde ich nicht unterschreiben wollen.

 

Einige Türken klagen selbst über Anfeindungen von AKP-Wählern?

Auch das wird häufig verzerrt wahrgenommen. Man muss die Gesamtzahl der Türkischstämmigen betrachten. In Deutschland sind 1,4 Millionen wahlberechtigt, zuletzt sind 40 Prozent tatsächlich zur Wahl gegangen. Davon haben zwar 60 Prozent die AKP gewählt, aber das sind insgesamt nur 340 000 Personen − bei drei Millionen Türkeistämmigen.

 

Auffällig ist aber die hohe Bindung vieler Türken in Deutschland an ihre alte Heimat. Die scheint bei keiner anderen Migrantengruppe so ausgeprägt zu sein, oder?

Da fehlt mir ein genauer Vergleich. Was wir aber festgestellt haben, ist, dass die Verbundenheit dieser Personen mit der Türkei seit 2010 größer ist als mit Deutschland, wie eine Langzeitstudie zeigt. Das hat sich verändert. In den Jahren 2001 bis 2003 war die Bindung zu Deutschland noch sehr viel höher.

 

Woran liegt das? Dass Türken bei uns in ihrer Heimat wählen dürfen?

Dass sie sich einfacher politisch beteiligen können, hat sicher mit dazu beigetragen. Es hängt aber sicher stärker mit Integrationsfragen in Deutschland zusammen. Seit einigen Jahren stehen zwei Gruppen besonders im Fokus: Muslime und Türkeistämmige. Diese Debatte läuft zum Teil sehr gehässig und abwertend. So wird das Gefühl vermittelt, nicht dazuzugehören. So findet eine Entfremdung statt.

 

Warum umwirbt Erdogan die Türken in Deutschland so sehr?

Die AKP setzt sehr stark auf eine Identitätspolitik, das zeigt sich auch daran, dass sie 2010 ein eigenes Amt für Auslandstürken gegründet hat. Bis in die 80er und 90er Jahre gab es das Bild der verlorenen Söhne, die bald wieder zurückkommen. Ab den 1990er Jahren hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass sie bleiben werden. Also verstand man sie auch als Brücken, als Interessenverwalter der Türkei. Erdogans Botschaft lautet nun: Wir haben euch nicht vergessen. Ich bin euer Schutzpatron. Diese Bindung gelingt auch wegen Versäumnissen in der deutschen Integrationspolitik. Es wurde nicht stark genug gesagt: ihr seid ein Teil von Deutschland. Alle Menschen haben das Bedürfnis, sich als Teil eines Kollektivs zu verstehen.

 

Wie erklären sich die innertürkischen Spannungen in Deutschland?

Es gab Migrationswellen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen. In den 60er und 70er Jahren kamen viele Menschen aus dem ländlichen Zentralanatolien. Sie waren meistens eher gering gebildet und konservativ − das ist das Reservoir für die AKP. In den 1980er Jahren, nach dem Putsch, kamen dann eher politisch Aktive und Kurden. Diese Gruppen nimmt man auch wahr. Es gibt aber auch eine beträchtliche Anzahl nicht politisch Aktiver − Sportler, Künstler, Unauffällige. Über sie wird kaum gesprochen.

 

Wen will Erdogan mit seinen Nazi-Vergleichen und Provokationen ansprechen?

Es geht ihm wohl vor allem darum, von innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Seine Botschaft lautet: Wir Türken gegen den Rest der Welt. Erdogan bedient sehr stark nationalistische Stimmen. Die islamische Ausrichtung ist gerade weniger zu hören. Er beschwört die Einheit der Nation. Kritik ist kaum möglich. Kritik von Links wird mit PKK-Terror gleichgesetzt, Kritik von weiter rechts ist ebenfalls Terror.

 

Was müsste die Politik tun, damit Erdogan die Türken hier nicht erreicht?

Man muss die Türken stärker hier politisch einbinden. Sie müssen in den Kommunen aktiv mitbestimmen können. Dann würde man sie davon abhalten, dass sie sich für eine Politik einsetzen, von deren Folgen sie gar nicht betroffen sind. Das ist ja das Fatale.

 

Also ein klares Plädoyer für ein kommunales Wahlrecht für Türken bei deutschen Kommunalwahlen?

Sowohl ein Kommunalwahlrecht, eine leichtere Einbürgerung und eine stärkere aktive Einbindung in den politischen Parteien.

 

Es ist noch gut eine Woche bis zum Referendum. Glauben Sie daran, dass es fair abläuft?

Ich glaube schon, dass die Auszählung fair ablaufen wird. Nur die Voraussetzungen für die Wahl sind alles Andere als gerecht. Die AKP-Propaganda ist allgegenwärtig. Es wird gefragt, bist du für eine starke Türkei? Da ist es kaum möglich, nein zu sagen. Dazu kommt ein psychologischer Effekt. Die Tendenz Ja zu sagen, ist sehr viel stärker ausgeprägt, wenn man sich mit den Folgen nicht wirklich auskennt.

 

Sie haben kritisiert, dass ein Referendum nicht zulässig sei, während der Ausnahmezustand herrscht...

Der Ausnahmezustand sollte vor der Wahl beendet werden, jetzt wurde er noch einmal verlängert. Ruhe und Frieden sind nicht eingekehrt, was für eine Wahl nötig wäre. Außerdem: Wahlkampf im Ausland ist ja per Gesetz untersagt. Deshalb bezeichnet die AKP die Auftritte als Informationsveranstaltung, dabei haben sie einen anderen Charakter. Erdogan darf sich als Staatspräsident eigentlich nicht politisch äußern, er soll neutral sein, was er aber nicht ist.

 

Ist die Wahl eine Farce?

Die Verfassungsänderung, genauer, einige der zur Debatte stehenden Paragrafen, haben starke legitimatorische Züge: Was Erdogan de facto schon macht, will er sich nachträglich absegnen lassen und juristisch wasserdicht haben.

 

Glauben Sie, dass Erdogan ein Nein akzeptieren würde?

Das ist schwer einzuschätzen. Umfragen zeigen ja ein enges Rennen. Angesichts der Umstände erscheint jede Nein-Stimme so deutlich gewichtiger. Das zeigt, wie groß das Protestpotenzial ist.

 

 

Zur Person

Haci-Halil Uslucan ist Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Außerdem ist er Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung. Der 52-Jährige hat Psychologie, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Er ist seit 2012 Mitglied im Sachverständigenrat für Migration und Integration (SVR) sowie seit 2015 im wissenschaftlichen Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung. 


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