Das sind die Fakten zum Thema Plastikmüll

Umwelt  Wie viel Plastikmüll im Meer schwimmt, ist schwer vorstellbar. Schwer zu erklären ist außerdem, warum Plastik nicht einfach wiederverwendet werden kann. Wir haben mit einer Wissenschaftlerin gesprochen und Fakten gesammelt.

Von Christoph Donauer

Wie viel Plastikmüll im Meer schwimmt, ist schwer zu sagen. Eine Wissenschaftlerin, die das herausfinden möchte, ist Annika Jahnke. Sie forscht am Leipziger Helmholtz Zentrum für Umweltforschung im Bereich Umweltchemie. Im Juli war sie auf einer Forschungsexpedition und ist dabei zum großen pazifischen Müllstrudel gefahren.

Annika Jahnke
Annika Jahnke forscht am Leipziger Helmholtz Zentrum für Umweltforschung im Bereich Umweltchemie. Foto: Sebastian Wiedling/UFZ

Der Strudel ist eines von fünf Gebieten, in denen sich Plastik im Meer sammelt. Das passiert durch die Meeresströmung. Frühere wissenschaftliche Arbeiten ergaben, dass im nordpazifischen Müllstrudel rund 80.000 Tonnen Plastik schwimmen könnten.

Fischernetze, Plastikkisten und Kanister 

Jahnke und 18 weitere Forscher aus aller Welt wollten dazu weitere Daten sammeln. Denn bisher beruhten die meisten Angaben auf Hochrechnungen und Computermodellen. Fünf Wochen lang hat das Team von Wissenschaftlern nun Plastikteile im Meer gesichtet und Proben genommen. Oft wird Jahnke gefragt, ob der Müllstrudel mit dem Schiff überhaupt passierbar ist. "Es ist kein eigener Kontinent oder eine Insel, auf der man laufen kann.“ Manchmal hat das Team stundenlang Plastik im Meer schwimmen sehen. Andererseits habe es auch Zeiträume gegeben, in denen kein Plastik zu sehen war.

Was die Forscher gesichtet haben, ist unterschiedlich. „Wir haben viele Fischernetze gesehen, Plastikkisten und Kanister. Es gibt aber auch viele Fragmente, bei denen es schwierig ist, zu sagen, was das einmal war.“ Wie viele Tonnen Plastik insgesamt im Pazifik schwimmen, könne niemand sagen. „Dazu ist es viel zu punktuell verteilt.“ Deshalb will Jahnke auch den oft zitierten Satz nicht unterschreiben, dass im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch in den Ozeanen schwimmen würde. „Diese Abschätzung ist häufig hinterfragt worden.“

Praktisch aber problematisch - Plastik im Urlaub vermeiden
Plastiktüten im Meer - das Verpackungsmaterial verrottet nicht. Foto: dpa

Plastik in der Nahrungskette

Der Großteil des Plastiks in den Meeren schwimmt ohnehin nicht sichtbar an der Oberfläche, sondern sinkt mit der Zeit ab. Das passiert durch die Sonneneinstrahlung oder einen sogenannten Biofilm, der sich auf dem Material bildet und seine Dichte verändert.

Neun Mal stoppte das Team deshalb, um Proben aus der Tiefsee zu holen. In 5670 Metern Tiefe haben Pumpen Wasser gefiltert und Plastikpartikel in feinen Sieben aufgefangen. Nun wird das Material untersucht, die Ergebnisse sollen in zwei Jahren vorliegen. 

Große Plastikteile zerfallen in kleine Teile

Was Plastik im Menschen anrichtet, ist derzeit noch unklar. Zu den Auswirkungen der Teilchen im menschlichen Körper wird weltweit geforscht. Fest steht aber, dass Mikroplastik von Meerestieren gefressen wird und in der Nahrungskette landet. „Das Plastik verwittert mit der Zeit und wird fragmentiert. Je kleiner es wird, desto größer wird die Zahl der Tiere, die es als Nahrung aufnehmen könnten“, erklärt Jahnke. Wie gefährlich das sein kann, zeigen zahlreiche Bilder und Videos im Netz. Immer wieder sind dort verendete Seevögel oder Wale zu sehen, deren Magen voller Plastik ist.

Durch ihre Arbeit reagiert die Wissenschaftlerin mittlerweile anders auf Plastik und Verpackungen. „Das macht einen ganz aufmerksam. Sobald man anfängt, sich näher mit diesem Thema zu beschäftigen, sieht man Plastik überall.“ Auch der Erholungseffekt, den Wasser normalerweise auf Menschen hat, werde beeinträchtigt.

Jahnke bezweifelt, dass Plastik wieder aus den Ozeanen geholt werden kann

Den Plastikmüll aus den Ozeanen herauszuholen, wie es manche Visionäre planen, hält Jahnke für unmöglich. Stattdessen müsse es darum gehen, zu verhindern, dass noch mehr ins Meer kommt. Denn der Müll komme größtenteils vom Festland. „Wenn ich Plastik einfach liegen lasse, wird es möglicherweise vom Wind in den Fluss geweht und kann dann ins Meer gelangen.“ Deshalb sei es sinnvoll, zuerst an großen Flüssen zu verhindern, dass sie Plastikmüll ins Meer treiben. „Aber auch das ist nur Schadensbegrenzung.“ 

Außerdem rät Jahnke, auf die eigene Umgebung zu achten: „Es fängt beim Einzelnen an. Jeder kann Plastik reduzieren und Alternativen nutzen. Und man sollte sich darum kümmern, dass Müll nicht in der Umwelt landet, sondern in die Entsorgung kommt.“

 

 

Drei Fakten zu Plastikmüll

Eine Glasflasche, die im Container landet, wird eingeschmolzen und wieder zu einer Glasflasche. Warum funktioniert es mit Plastik nicht genauso?

1. Plastik wiederzuverwenden ist technisch möglich.

Ist Plastikmüll fein säuberlich getrennt, kann er wiederverwendet werden. Ein Beispiel hierfür sind Pfandflaschen aus PET. Sie werden geschreddert und wieder zu neuen Flaschen verarbeitet. Das Problem: Lebensmittel dürfen nicht ausschließlich in Material verpackt werden, das aus dem Gelben Sack stammt. Deshalb muss immer neuwertiges Plastik hinzugemischt werden. Das Unternehmen Werner & Mertz, das die Marke Frosch herstellt, stellt Flaschen für Spülmittel und Duschgel etwa mit 20 Prozent Material aus dem Gelben Sack und 80 Prozent aus Pfandflaschen her. Das Sortiment soll bis 2025 auf hundert Prozent Altplastik umgestellt werden. Das kostet Geld, wie eine Sprecherin bestätigt: "Der Einsatz von Rezyklat aus dem Gelben Sack ist um etwa 20 Prozent teurer als der Einsatz von Neuware aus Rohöl."

 

2. Im Einzelhandel wird Plastik stellenweise reduziert.

Dass Verbraucher weniger Plastik wollen, ist beim Einzelhandel angekommen: Die Schwarz-Gruppe etwa will die Eigenmarken von Lidl und Kaufland bis 2025 recyclingfähig machen und Kunststoff um 20 Prozent reduzieren. Rewe will Eigenmarken bis 2030 umweltfreundlicher verpacken. Vor allem Bio-Obst und -Gemüse sollen ohne Plastik auskommen. Andere Supermarktketten fahren ähnliche Strategien. Verpackungen verursachen dennoch einen Großteil des Plastikmülls: Bei einer Stichprobe am Strand fand Greenpeace vor allem Verpackungen der Marken Nestlé, Unilever und Procter & Gamble.

 

3. Trennen ist nach wie vor wichtig.

Je besser Plastikmüll getrennt wird, desto eher kann er recycelt werden. Der berühmte Joghurtbecher kann am einfachsten sortiert werden, wenn der Deckel aus Aluminium entfernt wird. Duschgelflaschen aus schwarzem Plastik können teilweise nur schwer von den Anlagen erkannt und sortiert werden, besser sind durchsichtige Produkte. Oft bestehen Verpackungen für Wurst und Käse oder Einweg-Kaffeebecher aus mehreren zusammengesetzten Materialien. Diese Verbundstoffe lassen sich quasi nicht mehr nachträglich trennen und sollten vermieden werden. Ebenfalls sinnvoll: Biomüll sollte nicht im Restmüll landen, sondern gesondert gesammelt werden. Bio-Plastik ist nicht ratsam, es verrottet zu langsam.

 


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