Das Leid der Rohingya

Interview  Vor einem Jahr eskalierte der lange schwelende Konflikt in Myanmar. Schätzungsweise eine Millionen Angehörige der Rohingya flohen seitdem aus ihrer Heimat. Sie leben seit Monaten in Flüchtlingscamps in Bangladesch. Wie es weitergeht, ist ungewiss.

Von Bianca Zäuner
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Flüchtlinge der muslimischen Minderheit der Rohingyas sitzen in einem Boot. Foto: dpa

Über die Entwicklung des Konflikts sprach unsere Redakteurin Bianca Zäuner mit Bernt Berger, Asien-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Der Konflikt ist nicht neu, in der Vergangenheit kam es mehrfach zu Flüchtlingsströmen der Rohingya aus Myanmar. Wie entstand der Konflikt?

Bernt Berger: Letztlich geht er auf die Kolonialzeit zurück. Myanmar gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zur kolonialen Verwaltungszone Britisch-Indiens und die englischen Besatzer haben auch hier einzelne Volksgruppen umgesiedelt. Allerdings war die Region nie homogen. Nach der Befreiung von Kolonialismus hat man versucht, einen demokratischen Staat aufzubauen, aber das ist bis bisher immer gescheitert. Die Konflikte zwischen Zentralregierung und verschiedenen Volksgruppen bleiben weiterhin ungelöst.  Ein weiteres Problem sind Strömungen des buddhistischen Nationalismus im Land.
 

Im vergangenen Jahr eskalierte der Konflikt erneut. Schätzungsweise eine Million Rohingya flüchteten aus Myanmar. Was war der Anlass?

Berger: Sicher weiß man nur, dass mehrere Anschläge passiert sind, zu denen sich die Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army bekannt hat. Nicht ganz klar ist hingegen, wer wie darauf reagiert hat. Polizei und Militärreaktionen sind nachweisbar, aber auch lokale Milizen haben wohl eine Rolle gespielt. Es war ein wildes Durcheinander. Es gibt auch Vermutungen, dass es innerhalb des Militärs Spaltungen zwischen der Zentrale und den Regionen gab und in den Provinzen teilweise autonom gehandelt wurde. Beim Besuch eines Flüchtlingslagers im Distrikt Cox’s Bazar habe ich im Gespräch mit Geflüchteten öfter gehört, dass sie selbst gar nicht wissen, wer sie verfolgt.

 

Wie wurden die Geflüchteten in Bangladesch empfangen?

Berger: Zunächst wurden sie in Bangladesch von der Bevölkerung aufgenommen. Das wurde in Anbetracht der großen Zahl schnell zum Problem: Eine Million Geflüchtete trafen auf eine  Bevölkerung von 600.000. Die Regierung Bangladeschs hat eingegriffen und Camps errichtet. In dem größten im Distrikt Cox’s Bazar Leben allein in dem Kutupalong Flüchtlingscamp schätzungsweise 600.000 Menschen, so viele wie in manch deutscher Großstadt.

 

Wie hat sich die Situation in diesen Camps entwickelt?

Berger: Anfangs hat Bangladesch sehr gute Arbeit geleistet. Sie wollten unter den Geflüchteten ein kommunales Bewusstsein schaffen, haben die Lager nicht umzäunt und versucht, die Campbewohner für Aufgaben zu rekrutieren. Gleichzeitig hat man versucht, Radikalisierung zu verhindern. Aber mit der Monsunzeit gehen auch die mitgebrachten Mittel der Flüchtlinge zur  Neige, dem hätte man vorbeugen müssen.  Es wuchsen zunehmend kriminelle Strukturen  und es kam zu Entführungen. Die Situation ist für die Bangladeschis kaum noch kontrollierbar. Da hätte viel mehr gemacht werden müssen.

 

Wie ist die Versorgungslage?

Berger: Um die Versorgung kümmern sich oft die internationalen Organisationen. In Anbetracht der immensen Größe der Camps müssen diese aber an einem Strang ziehen. Das passiert nur bedingt, da jeder seine eigene Aufgabe und ethnischen Voraussetzungen hat. Es kommt immer wieder zu Problemen. 
 

Im November 2017 unterzeichnete Myanmar eine gemeinsame Absichtserklärung mit Bangladesch, die eine Rückführung der geflohenen Rohingya ermöglichen soll. Hat sich in puncto Rückführung seitdem etwas getan?

Berger: Eine mögliche Rückführung wäre ein Prozess, der Jahre dauern wird.  Bevor die Geflüchteten zurück in ihre Heimat können, muss geklärt sein, dass sie ihre alten Besitztümer, Häuser oder ihre Felder zurückbekommen. Weiterhin besteht das Problem mit Registrierung und Staatsbürgerschaft. Hier hat sich die Regierung Myanmars noch nicht bereiterklärt, etwas zu unternehmen. Auch Reformen, die die Lage der Rohingya verbessern, werden auf die lange Bank geschoben. Hinzukommen öffentliche Ressentiments gegen die Volksgruppe, die deren Rückkehr ebenfalls erschweren.
 

Sehen Sie Chancen auf Beilegung des Konflikts?

Berger: Ein positiver Trend ist daran zu sehen, dass sich die buddhistische Sangha inzwischen politisch äußert und aktiv wird.  Bisher hatten sich die Mönche immer geweigert, sich in Politik einzumischen. Außerdem gibt es Gruppen, die Bemühungen für interreligiöse Dialoge anstellen. Diese kommen aus der Gesellschaft, ich denke das ist das Wichtigste.
 

Welche Rolle spielt Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Ky?

BergerAung San Suu Kyi ist nur teilweise an der Macht und nicht für das Militär und die Sicherheitsorgane zuständig. Sie hat bisher immer versucht, auf Zeit zu spielen. Das ist nach hinten losgegangen. Nach der Eskalation stand sie im Mittelpunkt der Kritik, obwohl sie relativ wenig machen kann.  Sie hat nicht die Kapazitäten und will sich nicht gegen die Bevölkerung stellen und sich damit unbeliebt machen. Von ihr wurden Lösungen erwartet, die sie gar nicht bringen kann.

 

 

 


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