"Das Feuer von Notre Dame fordert uns alle"

Paris/Ludwigsburg  Nach dem Großbrand von Notre Dame gibt es weltweit große Anteilnahme. Frank Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, erklärt, warum nun ein Ruck durch Europa geht.

Von Hans-Jürgen Deglow
Pariser Kathedrale Notre-Dame steht in Flammen
Eine riesige Rauchsäule stand am Montagabend über einem der berühmtesten Wahrzeichen der Welt - der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Foto: Christian Böhmer/dpa

Der Großbrand in der berühmten Kathedrale Notre Dame hat nicht nur die Franzosen geschockt. Weltweit ist die Anteilnahme riesig, es gibt Spendenzusagen für den Wiederaufbau. Im Interview erklärt Professor Frank Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, warum nun ein Ruck durch Europa geht.

 

Herr Professor Baasner, der Brand in der Kathedrale Notre Dame bewegt die Menschen. Wie bewerten Sie die Reaktion der Franzosen?

Frank Baasner: Es ist bemerkenswert, wie stark die Bereitschaft der Franzosen ist, diesen Schock anzunehmen, und wie sie daraus Tatkraft schöpfen. Mit Notre Dame stand das Herz von Paris in Flammen. Die Anteilnahme im Land ist immens, und es spricht für sich, dass einige sehr wohlhabende Familien sagen: Wir stehen nicht am Rande, sondern unterstützen den Wiederaufbau mit bis zu dreistelligen Millionensummen. Das sind positive Energien, die hier mobilisiert werden.

 

Warum werden diese positiven Energien freigesetzt? Ist hier auch eine Gegenbewegung zu spüren, nachdem zuletzt auf dem Pariser Prachtboulevard Barrikaden brannten und Geschäfte geplündert wurden ?

Baasner: Generell gibt es in unserer satt gewordenen Demokratien viel positive Energie, aber wir haben sie zuletzt wenig zu sehen bekommen. Wir sind ein wenig träge geworden, uns geht es gut, warum sollten wir am Status quo etwas verändern? Deshalb konnten leider in den vergangenen Jahren jene Kräfte dominanter werden, die Destruktion zum Ziel haben, die negativ eingestellt sind und keine zukunftsweisenden Ideen haben. Möglicherweise stellt das Feuer in Notre Dame unsere Gesellschaften auf die Probe, und mobilisiert positiv denkende Menschen. Diese erkennen: Es ist nicht selbstverständlich, dass diese Kirche dort steht, seit Jahrhunderten unbeschadet. Nun wütet ein Feuer in ihr, und fordert uns. Durch Frankreich scheint ein Ruck zu gehen, durch Europa. Nach dem Motto: Lasst uns endlich wieder für unsere Werte eintreten.

 

In welcher Gemütsverfassung trifft diese Katastrophe Frankreich?

Baasner: Das Land ist schon sehr gebeutelt, die schrecklichen Attentate von 2015 sind nicht vergessen, als unter anderem im Konzertsaal Bataclan wahllos Franzosen ermordet wurden. Die Zerstörungen in der Kathedrale Notre Dame berührt Bürger, die ohnehin verunsichert sind, die sich fragen, wie es mit Frankreich weiter geht, mit den zum Teil nachvollziehbaren Protesten der Gelbwesten, und die sich fragen, ob Präsident Emmanuel Macron jene Hoffnungen, die mit ihm verbunden waren, tatsächlich erfüllen kann. Dieses verunsicherte Kollektiv wird nun aufgerüttelt.

 

Wäre auch deutsche Wiederaufbauhilfe ein Signal an die Freunde in Frankreich?

Baasner: Wenn etwas zutiefst europäisch ist, dann ist es nicht nur die Einheit der EU, sondern das gemeinsame kulturelle Erbe Europas. Die gotische Baukunst von Notre Dame ist ein wirklich wunderbares Beispiel dafür, wozu europäische Baumeister in der Lage sind. Die Franzosen haben in der Gotik eine Führungsrolle gespielt, aber gotische Elemente finden sich in Riga, Mailand oder Köln. Auch die Baukünstler von heute sind europäisch vernetzt, deren Kenntnisse gilt es nun zu nutzen. Es wäre sicher ein ganz starkes Signal, wenn auch die vermögenden deutschen Unternehmer konkrete finanzielle Zusagen für den Erhalt der europäischen Kathedrale Notre Dame machen würden.

 

Ist in der Betroffenheit über die Grenzen Frankreichs hinweg ein neuer Sinn für die Bedeutung von Gemeinschaft erkennbar?

Baasner: Absolut. Wir suchen ja dauernd nach Dingen, die uns Europäer verbinden. Der Euro ist ein materielles Bindemittel. Aber in dieser Tragödie verbindet uns nun die Bestürzung über großartiges europäisches Kulturgut. Solche Baudenkmäler sind Teil unserer langen gemeinsamen Geschichte. Man muss kein Katholik sein, um die Kraft zu erkennen, die aus dieser Katastrophe erwächst. Viele denken sicher auch: Es hätte auch ein Bauwerk bei uns treffen können.

 

Wie ist es heute um das deutsch-französische Verhältnis bestellt?

Baasner: Das ist in der Tat derzeit etwas schwierig. Macron prescht nach vorne, er macht Vorschläge. Er tut das durchaus ambitioniert. Macron ist jung, er möchte und muss gestalten, er denkt nach vorne und eckt dabei auch an. Wir dürfen ihn aber nicht alleine lassen. Ich würde mir deshalb von der deutschen Politik sehr wünschen, dass sie konstruktiver auf Macrons Ideen antwortet. Es wäre auch zu wünschen, wenn wir eine politische Debatte unter Einbeziehung der Bürger führen würden - grenzüberschreitend. Derzeit fehlt mir etwas der Mut. Wir sollten vereint Europa gestalten, und nicht nur verwalten.


"Das Feuer von Notre Dame fordert uns alle"

Zur Person: Frank Baasner leitet seit 2002 das Deutsch-Französische Institut (dfi) in Ludwigsburg. Frank Baasner ist in Paris und Bonn aufgewachsen, sein Abitur legte er im französischsprachigen Belgien 1975 ab. Das Studium der Romanistik und Psychologie führte ihn an die Universitäten in Bonn, Bologna, Tübingen und Paris. Baasner war in dieser Woche auch in Heilbronn zu Gast. Im Bürgerhaus Böckingen moderierte er ein deutsch-französisches Bürgerforum mit Frédéric Petit, Abgeordneter der Auslandsfranzosen in der Nationalversammlung (Assemblée Nationale), und dem FDP-Bundestagsabgeordneten Michael Georg Link.

 

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