Antisemitismusbeauftragter will Übergriffe zentral erfassen lassen

Heilbronn  Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn hält die Intensität der Debatte über Judenhass für gerechtfertigt. Er sagt: „Das Verhältnis zu Juden ist eine Chiffre, ein Indikator für Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit.“

Von Hans-Jürgen Deglow und dpa
Email
Michael Wolffsohn. Foto: Wolfgang Borrs/NDR/dpa

Der künftige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein will Übergriffe und Attacken auf Juden bundesweit zentral erfassen lassen. „Das ist eines der ersten Dinge, um die ich mich kümmern werde, wenn ich im Amt bin“, sagte er am Donnerstag im Inforadio des rbb. Zwar gebe es einige gute regionale Initiativen, die solche Fälle erfassen, wie die Recherche- und Informationsstelle gegen Antisemitismus in Berlin. Bundesweit gebe es das aber noch nicht.

„Antisemitismus hat es in Deutschland immer schon gegeben. Aber jetzt äußert er sich unverhohlener und auch aggressiver“, erklärte Klein. Um konkrete Maßnahmen gegen Antisemitismus entwickeln zu können, müsse man wissen, „wo sitzt der Antisemitismus ganz genau, wo kommt er her“. Das Vorgehen gegen solche Vorurteile in der Mitte der Gesellschaft sei allerdings eine nur mittel- und langfristig zu lösende Aufgabe.

Als Zeichen gegen den Antisemitismus waren am Mittwochabend in mehreren deutschen Städten Menschen mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa, auf die Straße gegangen. Juden und Nicht-Juden versammelten sich unter anderem in Berlin, Köln, Erfurt, Magdeburg und Potsdam zu Solidaritätskundgebungen.

Wolffsohn: Der islamische Antisemitismus ist derzeit viel gefährlicher

Der deutsch-israelische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn sagte der Heilbronner Stimme auf die Frage, warum die Debatte so wichtig ist: „Ein Wort und eine Zahl geben die Antwort: Auschwitz, 6 Millionen. Das war, aber es ist die moralische Grundsatzfrage schlechthin, global und erst recht national. Das Verhältnis zu Juden ist eine Chiffre, ein Indikator für Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit.“  Die Intensität der Debatte sein nachvollziehbar, „weil Juden in Westeuropa und nicht zuletzt in Deutschland immer mehr und wieder körperlich und verbal angegriffen, ja, zum Teil wieder ermordet werden. Die Tätergruppen sind in Europa und Deutschland neu, nicht aber die Opfergruppe. Deshalb schrillen die Alarmglocken. Zurecht.“

Auf die Frage, ob es notwendig sei, dass Deutschland bei diesem Thema auch international deutlich machen muss, dass es beim „NIE wieder“ auch tatsächlich bleibt, sagte Wolffsohn: „Was denn sonst? Das Wort sei die Tat. Das sagte schon der Jude Jesus. Das Nie wieder bedeutet: Wer auch immer DEN Anderen diskriminiert oder gar liquidiert, wird bestraft. Egal, woher oder sie kommt, glaubt oder nicht glaubt.“

Mehr zum Thema: Warum Deutschland intensiv über Antisemitismus diskutiert 

Seit Tagen sorgt die Gürtel-Attacke vom Prenzlauer Berg für Empörung. Dort wurde ein junger Mann angegriffen, der eine Kippa trug, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung. Gegen den mutmaßlichen Täter erging ein Haftbefehl gefährlicher Körperverletzung. Es handelt sich um einen 19-jährigen Palästinenser aus Syrien, der seit 2015 in Deutschland lebt. Wolffsohn sieht jüdisches Leben derzeit vor allem durch islamischen Antisemitismus bedroht. Er sagte: „Fakt ist, dass Juden vor allem islamischer Gewalt in Wort und Tat ausgesetzt sind. Die amtlichen Statistiken, die bezüglich antisemitischer Delikte vornehmlich die Rechte nennen, sind Kosmetik und verdecken die Tatsachen. Ich kenne mich hier aus und spreche es aus. Ja, es gibt Antisemitismus von rechts, aber der islamische ist derzeit viel gefährlicher und wird zusätzlich importiert.“

Wolfgang Benz: Nicht mit dem Finger auf andere zeigen

Nach Einschätzung des Historikers Wolfgang Benz gibt es keinen neuen Antisemitismus in Deutschland. „Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn überhaupt gibt“, sagte Benz dem Bayerischen Rundfunk.

Er widersprach der These, muslimische Flüchtlinge hätten neuen Judenhass nach Deutschland gebracht. „Die Zuwanderer sind nicht gekommen, um Antisemitismus zu forcieren, aber es ist so schrecklich einfach von unserem selbstgemachten, deutschen Antisemitismus abzulenken, indem man mit dem Finger auf andere zeigt.“

 

 

 


Top-Kommentare

Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.