25 Jahre Holocaust-Gedenken im Bundestag

Berlin  „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland": Die Gedenkstunde im Bundestag mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust am 27. Januar findet in diesem Jahr zum 25. Mal statt, wegen der Corona-Pandemie aber nur in kleinem Rahmen.

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Der Holocaust-Gedenktag wird am 27.01.2021 begangen. Foto: dpa

Es war eine bemerkenswerte Rede, die Roman Herzog als Bundespräsident im Januar 1996 vor dem Bundestag, damals noch in Bonn, hielt. Herzog begründete in bewegenden Worten die Proklamierung des 27. Januar als nationalem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Bundespräsident, der bis zu seinem Tode 2017 in Jagsthausen lebte, sagte damals: „Das Allerwichtigste ist es, den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus in den Anfängen erkennt.

Denn im Kampf gegen diese Grundübel des 20. Jahrhunderts kommt es vor allem anderen auf rechtzeitige Gegenwehr an. Die Erfahrung der NS-Zeit verlangt von uns und allen künftigen Generationen, nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt. Nicht abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern verhindern, dass sie überhaupt die Chance bekommt einzutreten.” 

Reden von Charlotte Knobloch und Marina Weisband

Seitdem findet jedes Jahr eine Gedenkstunde im Bundestag mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust statt, 2021 zum nunmehr 25. Mal. Das Datum nimmt Bezug auf den 27. Januar 1945, als das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Seit 2005 wird an diesem Tag auch international der Opfer des Holocaust gedacht. Dieses Mal wird die Gedenkstunde allerdings unter Corona-Bedingungen abgehalten, ohne größere Präsenz vor Ort. Unter anderem werden Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und die Publizistin Marina Weisband sprechen. 

In diesem Jahr steht die Gedenkveranstaltung zugleich im Zeichen eines besonderen Jubiläumsjahres: „312 - 2021“: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Einem Erlass aus dem Jahre 321 zufolge, dessen Abschrift heute in der Vatikanischen Bibliothek verwahrt wird, erlaubte Kaiser Konstantin den Kölner Stadträten, auch Juden zur Ausübung öffentlicher Ämter zu verpflichten - es ist der älteste dokumentierte Nachweis einer jüdischen Gemeinschaft nördlich der Alpen. 

Sulzbacher Torarolle - die letzten acht Buchstaben werden eingetragen

Ein Höhepunkt des Gedenkens wird die Präsentation der Sulzbacher Torarolle sein. 1793 für die neue Synagoge in Sulzbach (Oberpfalz) geschrieben, gilt sie heute als eine der ältesten noch erhaltenen Torarollen in Süddeutschland. Am Ende der Gedenkstunde wird die lange Zeit verschollene und inzwischen mit Bundesmitteln in Israel restaurierte Schrift im Andachtsraum des Reichstagsgebäudes fertiggestellt, indem in einer feierlichen Zeremonie - unter Beteiligung der Repräsentanten der Verfassungsorgane - die letzten acht Buchstaben in die Torarolle eingetragen werden und die Restaurierung förmlich vollendet wird.

Eröffnet wird zudem die vom Leo Baeck Institute im Auftrag des Bundestages konzipierte Ausstellung „Shared History”. Ort ist das Paul-Löbe-Abgeordnetenhaus in Berlin, bis zum 23. April dokumentiert sie 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum. Sie ist aber wegen der Pandemie zunächst nur digital zu sehen. Unterteilt in 5 Segmente präsentiert die Ausstellung auf 27 Glaspanelen eine Auswahl der Objekte des gleichnamigen virtuellen Projekts des Leo Baeck Institute. Gezeigt werden Gegenstände des gemeinsames Miteinanders, aber auch Objekte, die für gesellschaftlichen Ausschluss und den Holocaust selbst stehen - wie der aus der Erde Sobibors geborgene Anhänger eines Mädchens.

"Erinnern darf niemals eine lästige Pflichtübung werden"

David Marwell, Präsident des Leo Baeck Institute, würdigt den besonderen Ausstellungsort: „Es sollte niemandem entgehen, wie bedeutsam es ist, dass diese Ausstellung, die siebzehn Jahrhunderte jüdischen Lebens in deutschen Landen erzählt, an diesem Ort präsentiert wird. Im symbolischen Zentrum der deutschen Demokratie werden der Öffentlichkeit die Zeugnisse einer gemeinsamen Geschichte präsentiert, die von immer wiederkehrenden Themen geprägt und belebt wurde, von Inklusion als auch Exklusion, Akkulturation und Verfolgung, Exil und Erneuerung.” Wie wichtig die Kenntnis dieser „Geteilten Geschichte” ist, hebt auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hervor: „Dass wir uns erinnern, ist wichtig. Es darf niemals eine lästige Pflichtübung werden.”

Ruf nach neuen Erinnerungsformaten wird lauter 

Weil Geschichte derzeit schwer vor Ort erlebbar ist, wenn beispielsweise in Zeiten der Pandemie Hunderttausende Schüler auf Reisen zu Gedenkstätten verzichten müssen, wird auch in der Politik der Ruf nach neuen Erinnerungsformaten lauter. Die FDP-Politikern Linda Teuteberg betont: „Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch zukünftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir eine Form des Erinnerns finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.” Sie schlägt im Gespräch mit unserer Redaktion vor: „Der Besuch von Gedenkstätten sollte für Schulklassen verpflichtend sein und durch digitale Angebote, die in Zeiten der Pandemie an Bedeutung gewinnen und Präsenzformate ersetzen müssen, ergänzt werden. Sowohl die Bedeutung der Gedenkstätten als auch digitaler Formate wächst und dass immer weniger Zeitzeugen am Leben sind, ist Anlass dafür, erschütternde persönliche Berichte in digitalisierter Form bereitzustellen für schulische und politische Bildungsarbeit.”

Begehbare „Toleranz-Tunnel” auf öffentlichen Plätzen

Für neue Formate der Erinnerungskultur wirbt auch Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung. Er stellte nun als Schirmherr ein bundesweites Toleranz-Projekt vor, das im Gedenken an die Gräueltaten das friedliche gesellschaftliche Miteinander fördern soll. Die Pandemie habe einmal mehr gezeigt, dass es in Deutschland Antisemitismus gebe. Auch die Relativierung des Holocaust habe zugenommen, sagte Klein. Das in Mexiko entwickelte Projekt „Toleranz-Tunnel” ist eine Wanderausstellung. 

In Planung sind zehn begehbare Ausstellungstunnel, erklärte der Vorsitzende des Projekt-Vorstandes, Matitjahu Kellig. Sie sollen jeweils für vier bis sechs Wochen bundesweit auf öffentlichen Plätzen aufgestellt werden, und informieren sehr plastisch mit Fotos, Grafiken, Schautafeln und Videos über Völkermorde. Der erste „Tunnel” soll im September in Detmold aufgestellt werden. Begleitend sind Kultur-Veranstaltungen geplant, Informations- und Trainingsmaterialen sollen für Schulen, Unternehmen und Institutionen am jeweiligen Ausstellungsort zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt wird mit 6,25 Millionen Euro für die kommenden zwei Jahre vom Bundestag gefördert.

 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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