Zahl der Todesopfer nach Unwettern steigt weiter

Koblenz/Köln  Dauerregen hat im Westen Deutschlands Flüsse und Bäche in reißende Fluten verwandelt. Dutzende Menschen sterben nach den heftigen Unwettern. Zahlreiche werden vermisst, die Lage bleibt extrem angespannt. Politiker eilen ins Katastrophengebiet.

Von dpa und unserer Redaktion
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Update Freitag, 16. Juli: Nach der Hochwasserkatastrophe im Westen von Deutschland ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. Rund 1300 Menschen werden in Nordrhein-Westfalen vermisst.

 

Ganze Landstriche sind verwüstet, Häuser weggespült: Nach Unwettern im Westen Deutschlands sind mindestens 58 Menschen gestorben. In Rheinland-Pfalz werden Dutzende Menschen vermisst. Politiker äußerten ihr Mitgefühl, dankten den Helfern und Einsatzkräften und machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet.

Die Lage war nach dem Dauerregen vielerorts in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen unübersichtlich. Retter und Retterinnen brachten Menschen in überschwemmten Orten zum Teil mit Booten in Sicherheit. Viele suchten auf Bäumen und Hausdächern Schutz vor den Fluten, Rettungshubschrauber waren im Einsatz. Es sei schwierig, die Vermissten zu erreichen, da das Mobilfunknetz zum Teil ausgefallen sei, sagte die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), am Donnerstag in Mainz. „So eine Katastrophe haben wir noch nicht gesehen. Es ist wirklich verheerend.“

NRW-Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) machte sich in Altena und in Hagen ein Bild von der Lage. Rund 440 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk und 100 Kräfte der Bundeswehr waren allein in Hagen unterwegs, um der Wassermassen Herr zu werden. Eine Reise durch Süddeutschland hatte Laschet abgebrochen und auch seine Teilnahme an der CSU-Klausur im bayerischen Seeon abgesagt.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) unterbrach wegen des Hochwassers seinen Urlaub. Der Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat machte sich zusammen mit Dreyer ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet. Er zeigte sich betroffen von der „gewaltigen Zerstörung, die die Natur angerichtet hat“. Aber diese Naturkatastrophe habe „sicher auch etwas damit zu tun“, dass der Klimawandel mit Geschwindigkeit fortschreite, sagte er. Auch die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock kehrte vorzeitig aus dem Urlaub zurück.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte den Betroffenen Unterstützung zu. „Dies sind für die Menschen in den Überschwemmungsgebieten entsetzliche Tage. Meine Gedanken sind bei ihnen.“ Sie könnten darauf vertrauen, dass alle Kräfte des Staates gemeinsam alles daran setzen würden, auch unter schwierigsten Bedingungen Leben zu retten, Gefahren abzuwenden und Not zu lindern. „Ich möchte den Helfern von ganzem Herzen für ihren Einsatz danken, von dem wir wissen, dass er zum Teil wirklich sehr, sehr gefährlich ist.“

Die Bundesregierung plant nach Angaben von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ein Hilfsprogramm für die Betroffenen. „Wir werden als Bundesregierung ein Soforthilfeprogramm auflegen“, kündigte Klöckner am Donnerstag an. Die Bundeswehr schickte mindestens 850 Männer und Frauen zur Unterstützung der Rettungsarbeiten in die betroffenen Regionen, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur am Abend sagte.

Mindestens 28 in  Rheinland-Pfalz

In Rheinland-Pfalz waren mehrere Orte in der Eifel besonders schwer von dem Hochwasser betroffen. Mindestens 28 Menschen kamen in dem Bundesland ums Leben. Auch mögliche weitere Opfer seien angesichts der großen Zahl von rund 40 bis 60 weiterhin vermissten Menschen zu befürchten, machte Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) am Abend deutlich. Mehrere Tausend Bürger seien vor den Fluten in Sicherheit gebracht worden. An allen Behörden in Rheinland-Pfalz werden die Fahnen am Freitag auf halbmast gesetzt.

In Schuld an der Ahr wurden in der Nacht zum Donnerstag nach Angaben der Polizei in Koblenz vier Häuser völlig und zwei weitere Häuser zur Hälfte weggespült. Eine Vielzahl weiterer Gebäude ist einsturzgefährdet. Die Fluten schnitten mehrere Orte von der Außenwelt ab. Etwa 50 Menschen wurden von Hausdächern gerettet, auf denen sie Zuflucht gesucht hatten.

In dem Stadtteil selbst lief die Evakuierung der Wohnhäuser. „Es geht um etwa 100 bis 150 Menschen“, sagte Schmitz. „Wir nutzen Boote oder dort, wo die Strömung zu stark ist, eben Radlader.“ Rund 200 Rettungskräfte seien im Einsatz. „Plus 60 bis 70 Menschen von der Stadt. Jeder, der laufen und eine Schaufel halten kann, hilft.“ Auch im Eifelkreis Bitburg-Prüm wurden Menschen in ihren Häusern von den Wassermassen eingeschlossen. Die Bewohner von mehreren Gemeinden waren von Stromausfall und Einschränkungen der Trinkwasserversorgung betroffen.

In Trier wurden wegen des Hochwassers Teile der Ortslage Alt-Ehrang sowie ein Krankenhaus und ein Seniorenheim evakuiert. „Aus dem Heim wurden etwa 125 Menschen und aus dem Krankenhaus etwa 70 bis 80 Menschen weggebracht - einige frisch operiert“, sagte Stadtsprecher Michael Schmitz.

Steinbachtalsperre  droht zu bersten

In Nordrhein-Westfalen blieb die Lage ebenfalls weiter angespannt. Nach dem Abklingen des Starkregens kämpften Feuerwehr und andere Einsatzkräfte an vielen Orten mit einer sich verschärfenden Hochwasserlage. Mindestens 30 Menschen starben nach Angaben des Innenministeriums. 57 Personen seien zudem verletzt.

Im Sauerland starben zwei Feuerwehrleute. Einer von ihnen war in Altena bei der Rettung eines Mannes ertrunken. In einem überfluteten Keller eines Hauses in Geilenkirchen wurden zwei leblose Menschen gefunden. Nach ersten Ermittlungen handelte es sich um zwei Bewohner im Alter von 74 und 78 Jahren.

An der Steinbachtalsperre wurden die Orte Schweinheim, Flamersheim und Palmersheim evakuiert. Die Talsperre sei von einem Sachverständigen als „sehr instabil“ eingestuft worden, sagte der Landrat des Kreises Euskirchen, Markus Ramers (SPD), der Deutschen Presse-Agentur. Von der Evakuierung seien 4500 Einwohner betroffen. Gerüchte, wonach die Talsperre bereits gebrochen sei, hatte der benachbarte Kreis Ahrweiler zuvor dementiert.

Kaufland möchte nach eigenen Angaben den Helfern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Pakete mit Verpflegung und Getränken zur Verfügung stellen. Das gab das Unternehmen auf Twitter bekannt. 

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Im Rhein-Erft-Kreis appellierte ein Sprecher der Polizei an Schaulustige, die Rettungsarbeiten nicht zu behindern. „Die aktuelle Situation, in der viele Menschen um Angehörige bangen und sich um ihr Hab und Gut sorgen, ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schaulust“, sagte Thomas Held der dpa.

Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist der Höhepunkt der extremen Niederschläge in Teilen Deutschlands überschritten. Für Wuppertal und Teile des Ennepe-Ruhr-Kreises warnte der DWD am Donnerstagabend allerdings erneut vor schweren Gewittern mit heftigem Starkregen.

Meimsheimer im Einsatz

Jochen Killius ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Wiersdorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm). „Viele Dörfer mussten wir aufgeben“, sagt der 45-Jährige, der in Brackenheim-Meimsheim aufgewachsen ist. Der Pegel des kleinen Flüsschens Prüm sei von 60 Zentimetern auf 3,70 Metern angestiegen und habe eine Breite von bis zu 40 Metern erreicht. Mittwoch gegen 20.50 Uhr sei der Katastrophenalarm ausgerufen worden. „Sämtliche Brücken über die Prüm sind gesperrt.“ Im Nachbardorf Echtershausen mit 160 Einwohnern ist die Hälfte der Häuser nur bis zur Decke des Erdgeschosses überflutet. „Es ist dramatisch, wenn man vor den Wassermassen steht und sieht, wie das Wasser alles mit sich reißt.“ In Rittersdorf habe es die Brücke zur Burg weggespült. Das Restaurant der Burg stehe bis zum zweiten Obergeschoss unter Wasser. Viele Häuser musste über Nacht evakuiert werden.

 

Niederschläge von 148 Litern pro Quadratmeter

Bei den Unwettern im Norden von Rheinland-Pfalz sind bis zu 148 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Diese Menge ging im Laufe des Mittwochs und in der Nacht nieder, wie das Klimaschutzministerium in Mainz mitteilte. Für den Hochsommer sei das „ein neues Phänomen“, erklärte Ministerin Anne Spiegel (Grüne). „Die aktuellen Extremwetterereignisse in Form von Starkregen sind dramatisch.“ Aus kleinen Bächen seien unberechenbare Fluten geworden. Am stärksten betroffen seien die Landkreise Ahrweiler, Bitburg-Prüm, Vulkaneifel und Trier-Saarburg.

Auch an der Mosel verschärft sich die Lage nach Angaben des Ministeriums. Zurzeit werde am Pegel Trier ein Wasserstand bis 9,15 Metern erwartet. Am Oberrhein bilde sich am Pegel Maxau ein erster Hochwasserscheitel aus. Nach kurzem, leichtem Rückgang seien wegen der für den Südwesten vorhergesagten Niederschläge dann ab Donnerstagabend wieder steigende Wasserstände zu erwarten.


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