11. September 2001: Als die Welt still stand

New York/Heilbronn  Zwanzig Jahre nach dem 11. September erzählen vier Menschen, wie der Tag ihr Leben für immer verändert hat.

Von Thomas Spang und Carsten Friese

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Wenige Minuten nach dem Anschlag unterbrach der Sender RTL sein Programm. Moderator Peter Kloeppel berichtete den Zuschauern, was bis dahin bekannt war.

Das Flugzeug tauchte aus heiterem Himmel auf", erinnert sich Joan Mastropaolo. Dabei trübte keine Wolke die Aussicht über Manhatten.

Die heute 62-Jährige sitzt damals auf einem Logenplatz auf der anderen Seite des Hudson-Flusses in New Jersey – und sieht, wie eine Boeing 767 in den nördlichen der beiden Zwillingstürme des World Trade Centers einschlug.

Kurz drauf hört die Managerin eines großen Krankenversicherers wie eine zweite Maschine über sie hinweg donnert und sich wie eine Rakete in den anderen Wolkenkratzer bohrt.

Panisch ruft sie ihren Mann an, der zu Hause unter Dusche steht – einen Block entfernt von dem Südturm. Sie bedrängt Frank, sofort das Eckapartment in der 15. Etage zu verlassen. Als ihre Nachbarschaft in einer gewaltigen Giftwolke verschwindet, weiß sie nicht, ob es ihr Mann geschafft hatte oder es ihr Zuhause noch gab. "Mir war aber klar, dass ich meinen Frieden und meine Sicherheit verloren hatte."

Als die Welt still stand
Ein New Yorker Feuerwehrmann fordert Unterstützung in den Trümmern des World Trade Centers.

Zwanzig Jahre später bereut sie nicht, in ihre Wohnung zurückgekehrt zu sein. "Der 11. September wird Teil der Person", erklärt Joan. "Sie können nicht davor weglaufen."

Großer Gemeinsinn in den Tagen nach dem 11. September

Als Nachbarin erlebte sie die Freundschaft der Freiwilligen aus aller Welt, das bewegende Ende der Bergungsarbeiten nach acht Monaten, als Zehntausende den Helfern Beifall klatschten, die in den Trümmern oft mit bloßen Händen nach Überresten der 2735 Toten suchten. Und an den Wiederaufbau. Die gute Nachbarin von Ground Zero gehört zu den fast tausend Freiwilligen des 911-Tribute Museums (https://911tributemuseum.org), die Besuchern erzählt, was an diesem Tag passierte. Es habe einen großen Gemeinsinn in den Tagen nach dem 11. September gegeben, sagt Mastropaolo. Es bedrückt sie, dass er verloren gehen konnte.

Als die Welt still stand
Ginny Bauer verlor ihren Mann.

Ginny Bauer (65) kehrt genau deswegen regelmäßig an "Ground Zero" zurück. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern des nationalen 911-Museums, dessen Geschicke sie bis heute mitbestimmt. Zum Wiedersehen nach zehn Jahren wartet Ginny unweit des Eingangs an dem mit "N37" markierten Abschnitt des nördlichen Spiegelbeckens, in dem der Name ihres Mannes David eingraviert ist.

Der erfolgreiche Investment-Banker saß an seinem Schreibtisch im 105. Stockwerk, als Flug 11 der American Airlines um 8 Uhr 45 in den Nordturm einschlug. Kurz vorher hatte Ginny mit dem Vater ihrer drei Teenager telefoniert. Danach schaltete sie beim Spülen der Frühstücksteller den Fernseher ein. "Ich sah das Flugzeug in den Nachrichten und dachte, oh mein Gott", erinnert sie die surreale Situation. Für David gab es kein Entkommen.

Als die Welt still stand
Einsatzkräfte in den Trümmern: Feuerwehrleute und andere Helfer gingen an ihre körperlichen Grenzen.

"Zu dieser Jahreszeit holen mich die schlechten Erinnerungen ein", gesteht Ginny in der Vormittagssonne, die das 541 Meter hohe "One World Trade Center" hinter ihr im Becken spiegeln lässt. Er ist Teil des von Michael Arad entworfenen 9-11-Denkmals, dessen in die Tiefe stürzenden Wasserkaskaden die Abwesenheit sichtbar machen.

Milliarden Dollar an Entschädigungen

Die Powerfrau versteht es gut, ihre Gefühle hinter einer Fassade der Geschäftigkeit zu verbergen. In den Tagen nach den Terroranschlägen gelangte sie als Sprachrohr der "9-11-Witwe" zu ungewollter Berühmtheit. Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen setzte sie im US-Kongress sich Milliarden Dollar an Entschädigungen durch. Ihr Einsatz katapultierte Ginny aus der Privatheit ins öffentliche Leben. Sie traf mehrere US-Präsidenten, Papst Franziskus und Queen Elizabeth. Und sie machte politisch Karriere bis zur Wirtschaftsministerin von New Jersey.

"Viele wundervolle Dinge sind in meinem Leben passiert", zieht Ginny Bilanz der vergangenen Jahre. Beruflicher Erfolg, Gesundheit und vier Enkelkinder gehören dazu. "Aber ich würde sofort wieder an die Spüle zurückkehren, wenn ich Dave wiederhaben könnte."

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Dies ist der Anblick, der sich den Menschen auf der Straße bietet, nachdem die Flugzeuge in die Türme geflogen waren.

Einmal im Monat kommt sie nach "Ground Zero", um ihren Aufgaben im Aufsichtsrat des nationalen 911-Museums nachzukommen. Ein Ort, dem sie sich auch nahe fühlt, weil dort hinter einer Wand mit 2983 Fliesen in unterschiedlichen Blautönen sterbliche Überreste von Opfern – womöglich auch Davids – aufbewahrt werden. Das Virgil-Zitat versteht sie als Auftrag: "Kein Tag soll Dich aus dem Gedächtnis der Zeit löschen".

81.000 Bergungsarbeiter am "Ground Zero"

Für den Fotografen Gary Suson (44) klingt das wie der Appell an eine Nation, die Mühe hat, ihre Geschichte in allen Teilen zu erinnern. Und ihre Helden zuweilen vergisst. Dazu gehören die rund 81.000 Bergungsarbeiter von "Ground Zero", deren Einsatz Gary im Auftrag der New Yorker Feuerwehr exklusiv über acht Monate lang begleitete. "Sie sterben wie die Fliegen", klagt der Fotograf beim Wiedersehen in seinem "Ground Zero Workshop" im Meatpacking District.

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Eines der entführten Flugzeuge wurde in das Pentagon gelenkt, dem Hauptsitz des US-Verteidigungsministeriums.

Mehr als die Hälfte der vom "WTC Health Program" registrierten Bergungsarbeiter leiden an einer der typischen Ground-Zero-Folgen: Erkrankungen der Atemwege, Lunge, Speiseröhre, Herz sowie alle möglichen Krebsarten und posttraumatischen Stress.

Viele sterben an den Folgen ihres Einsatzes 

Nach dem 11. September starben mehr Helfer an den Folgen ihres Einsatzes als es an dem Tag selbst an Opfer gab. Es dauerte achtzehn Jahre bevor der Kongress einen 6,8 Milliarden Dollar schweren Hilfe-Fonds beschloss. Doch die Auszahlung verläuft zäh. "Ich frage mich, ob die darauf warten, bis alle Betroffenen verstorben sind", klagt Gary, der selbst vor etwas mehr als zwei Jahren seinen Antrag stellte und bis heute auf eine Antwort wartet.

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Der Einsturz des World Trade Centers erzeugte eine riesige Staubwolke, die Manhatten unter sich begrub.

Der Fotograf zeigt die Sauerstoff-Maschine, die ihn auf Schritt und Tritt begleitet. Einmal in der Woche träufeln Vitamin-C-Gaben in seine Venen und seit Gedenken macht er Therapie, um mit dem klarzukommen, was er durch die Objektive seiner Kamera sah: abgerissene Gliedmaßen, Hautfetzen und halb verweste Körper.

An "Ground Zero" kehrt er nur zurück, wenn es nicht anders geht. Als er zuletzt im August eine Leihgabe aus dem 911-Museum abholte, überkamen ihn "fürchterliche Schmerzen im Rücken und Lähmungserscheinungen in beiden Beinen". Er halte es dort einfach nicht aus. "Ich vermute, das ist psychosomatisch." Gary sorgt sich, dass der 11. September in Vergessenheit gerät. Zum Jahrestag eröffnet er deshalb einen Ableger seines Museums in seiner Heimatstadt Chicago.

Monatelange Suche nach Vermissten

Als die Welt still stand
Lee Ielpi verlor seinen Sohn.

Lee Ielpi (76) erinnert sich nostalgisch an die Meere an Sternenbanner. "Die kamen nicht hinterher, Flaggen zu nähen", sagt der pensionierte Feuerwehr-Offizier, der mit anderen Vätern der "Band of Dads" acht Monate lang nach ihren Söhnen suchten, die vom Einsatz am 11. September nicht zurückgekehrt waren.

Der Feuerwehrmann ist erschüttert, wie wenig junge Amerikaner von New York bis Texas über den 11. September Bescheid wissen. "Es gibt immer noch kein einziges Curriculum für den Schulunterricht in einem der 50 Bundesstaaten", kritisiert Ielpi.

Er stoße auf ungläubige Gesichter, wenn er bei seinen Vorträgen davon erzählt, dass nicht nur zwei, sondern alle sieben Gebäude des World Trade Centers nicht mehr stehen. Dass die Rettungshelfer 19.979 Leichenteile an Ground Zero fanden und von 1100 Opfern jede Spur fehlt. Oder nur 174 Leichen ganz geborgen werden konnten. Eine dieser Leichen war sein Sohn Jonathan. "Ich vermisse meinen besten Freund seit 20 Jahren", sagt Ielpi.

 

 

Erfolglos Überlebende gesucht

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Markus Albrecht

Er war als Tourist nach New York gereist und fuhr am Tag des Terroranschlags spontan in die Trümmerzone von Manhattan, um zu helfen. Markus Albrecht, Ingenieur, Stabsarzt der Reserve der Bundeswehr und ausgebildeter Sanitäter vom DRK-Ortsverein Frankenbach, hatte vor 20 Jahren seine Freundin in New York besucht, die dort ein Work- und Travelprogramm absolvierte.

Am Morgen des 11. September hörte er von einem Freund am Telefon von dem Anschlag – und nahm die U-Bahn nach Manhattan. Aus dem wunderbar sonnigen Stadtteil Queens kam er mit Hilfe eines Feuerwehrmann, der ihn durch die Polizeabsperrung mitnahm, zu den Trümmern des eingestürzten World Trade Centers. „Der Himmel war schwarz, überall lag eine Schicht aus Staub und Papier aus den Büros der Türme“, blickt er zurück. An einigen Stellen brannte es noch, Feuerwehr- und Rettungswagen seien von herabfallenden Gebäudeteilen zerstört worden. Es sei ein Trümmerfeld gut zehn Mal so groß wie die Heilbronner Theresienwiese gewesen. Die Szenerie erinnerte ihn an an das zerbombte Heilbronn von 1944.

Mit Schaufeln und Eimern wurde gegraben

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Mit Eimern und Schaufeln versuchten die Helfer, im Schutt der World Trade Center-Türme noch lebende Menschen zu finden. Markus Albrecht packte vor Ort drei Tage mit an. Foto: Privat

T-Shirt, Shorts und Turnschuhe hatte der damals 31-Jährige an, erhielt eine Staubmaske, später einen Helm. Er kletterte mit den anderen Einsatzkräften über die riesigen Stahlträger, die wie gefällte Bäume umherlagen. Seine Annahme, dass dort überall Verletzte sein müssten, war falsch. „Wer laufen konnte, war weg. Die anderen lagen unter den Trümmern“, schildert er die Szenerie. Albrecht half stundenlang bei der Suche nach Überlebenden.

Mit Schaufeln und Eimern habe man zwischen den Stahlträgern gegraben; zwischendrin wusch er Feuerwehrmännern die verdreckten Augen aus oder versorgte erschöpfte Helfer mit Sauerstoff. Bis zum Einbruch der Dunkelheit half Albrecht mit – dann fuhr er mit dem Bus durch das menschenleere Manhattan, das ihm „wie eine Geisterstadt“ vorkam.

9-11 Memorial Museum

Das Museum wurde 2014 vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama eröffne. Die Ausstellungsfläche von 10?000 Quadratmetern erstreckt sich über sieben Etagen. Die Besucher werden über eine Rampe in den Bau und die Geschichte des 11. September hineingezogen. Das Herz des Museums findet sich hinter gläsernen Türe und ist erst für Jugendliche über zehn Jahre in Begleitung Erwachsener offen. Neben einer audiovisuellen Zeitreise gibt es Artefakte zu sehen, etwa Stahlträger der Türme und ein schwerbeschädigter Feuerwehrwagen. 
www.911memorial.org

Drei Tage half Albrecht vor Ort. Überlebende fand seine Gruppe nicht, nur Leichen und Leichenteile. Immer wieder seien Tote mit der US-Flagge bedeckt worden. „Wie Gefallene eines Krieges“ hätten die Amerikaner die Toten angesehen.

Am ersten Tag sei die Suche noch sehr planlos abgelaufen. Polizei und Feuerwehr hätten auch einen Handwerkermarkt aufgebrochen, um an Werkzeug – Brecheisen, Schaufeln, Eimer,  Seile – zu kommen. Um die hunderten Helfer mit Getränken und Essenssnacks zu versorgen, habe man sich in teilweise zerstörten Läden oder Bars bedient. „Es war ein Katastropheneinsatz“, erklärt der Heilbronner das Vorgehen. Am zweiten Tag wurden Materialzelte und Verpflegungsstationen aufgebaut. Nach dem dritten Tag fand Albrecht, es reiche – da inzwischen genug Helfer vor Ort waren.

Wieder zurück Per Zufall war er bei einem Einsatz an einem historischen Datum dabei, das für ihn eine ähnliche Bedeutung wie das Attentat von Sarajevo als Auslöser des Ersten Weltkriegs hatte. Seine damalige Freundin fand seinen Hilfsdienst gut. Heute ist sie seine Ehefrau, sie haben zwei Kinder. Ob es ein heldenhafter Einsatz war? Albrecht winkt ab. „Ich habe meine Pflicht getan. Für Katastropheneinsätze ist ein Sanitäter doch auch ausgebildet.“
Irgendwann will der 51-Jährige einmal wieder nach New York reisen. Er möchte die heutigen Plätze in Manhattan dann mit seinen Fotos von damals vergleichen. Sein erster Gedanke an die rastlose Stadt mit den vielen Wolkenkratzern, dem Central Park und der Liberty-Statue sei immer das Trümmerfeld des World Trade Center. „Das ist mein New York – immer noch.“


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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