Tourismusbeauftragter: Weihnachten feiern mit Familie sollte möglich sein

Interview  Thomas Bareiß, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, glaubt an einen grundlegenden Wandel beim Reisen auch nach Corona: Menschen werden künftig verstärkt dorthin reisen, wo es sicher ist. Im Interview sagt er auch: Skiurlaub wird möglich sein - aber mit mehr Abstand. Für den Tourismus in Baden-Württemberg sieht er Hoffnungszeichen. 

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Thomas Bareiß ist Tourismusbeauftragter der Bundesregierung. Er glaubt, dass die Reisebranche einen grundlegenden Wandel erlebt. Foto: dpa

Herr Bareiß, nach dem jüngsten Corona-Bund-Länder-Gipfel hieß es: Der Bürger solle weiterhin auf „nicht notwendige private Reisen und touristische Tagestouren“ zu verzichten. Viele Hoteliers und Restaurantbetreiber hoffen, wenigstens zur Adventszeit wieder Gäste begrüßen zu dürfen - und verweisen auf ihre Hygienekonzepte. Was sagen Sie zur zunehmenden Verzweiflung der Unternehmer?

Thomas Bareiß: Die Branche steht unter einem unheimlichen Druck. Die großen Sorgen kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Schwierige an der Pandemie ist doch für uns alle, dass wir ihren weiteren Verlauf nur schwer abschätzen können, und dass wir in der Politik Schritt für Schritt entscheiden müssen. Klar ist, dass Regeln helfen, wie Abstand halten oder Maske tragen.  Für die Unternehmer im Tourismus oder im Gaststättengewerbe ist diese Pandemie nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine psychologische Belastung. Denn ganz unabhängig davon was der Staat macht: Viele Menschen verzichten derzeit aufs Reisen, weil sie Sorge vor zu vielen Kontakten, vor einer Ansteckung haben. Ob Urlaubs- oder Geschäftsreisen - wir sind ausnahmslos mit großen Einbrüchen bei den Gästezahlen konfrontiert.

 

Welche Botschaft kann vom nächsten Bund-Länder-Treffen am 25. November ausgehen?

Bareiß: Es geht jetzt darum, Strukturen zu erhalten und Überleben von Branchen zu sichern.  Wir alle sind mit einer beispiellosen Herausforderung konfrontiert, und wir werden sie nur gemeinsam meistern. Für den November wurden Maßnahmen getroffen, die die Ausbreitung des Virus verlangsamen und Infektionsketten brechen sollen. So verhindern wir eine Überlastung unseres Gesundheitssystems.  Und die Tourismusbranche leistet hier einen immens wichtigen Beitrag, der für die Betroffenen schmerzvoll ist. Wir sehen nun erste kleine Anzeichen, dass die Maßnahmen wirken. Ich hoffe daher, dass wir zumindest Weihnachten mit der Familie feiern können, und auch wieder gemeinsames Essengehen im kleinen Kreis möglich sein könnte.

 

Reichen die finanziellen Hilfen bisher aus?

Bareiß: Wir haben wie kaum ein anderes Land schnell reagiert: mit Sofort- und Überbrückungshilfen, mit Kurzarbeitergeld oder zinsgünstigen Darlehen, die mit einer 100-prozentigen Staatsgarantie belegt sind. So können gerade mittelständische Unternehmen, die vor der Krise stabil und gut gewirtschaftet haben, auch einmal eine Zeit lang ohne eigene Einnahmen überstehen. Viele Hilfsgelder wurden noch nicht abgerufen. Eine Billion Euro - also 1000 Milliarden Euro - nimmt der Staat für die Hilfspakete in die Hand. Das ist ein Drittel der Wirtschaftsleistung unseres Landes. Das ist möglich, weil wir in den vergangenen zehn Jahren eine hervorragende Konjunktur hatten. Mit Glück und dank unserer Tüchtigkeit sind wir leistungsstark und handlungsfähig in diese Krise gestartet. Das macht mir Hoffnung, dass wir ebenso stark nach der Krise wieder durchstarten werden.


 
Apropos Hoffnung: Sie sind selbst Skifahrer. Wird Skiurlaub möglich sein und unter welchen Bedingungen? Wir erinnern uns an Ischgl, ein sogenanntes Superspreader-Ereignis Anfang des Jahres.

Bareiß: Zu diesem Thema sind wir im Austausch mit unseren Nachbarländern, gerade erst habe ich mit meiner österreichischen Kollegin darüber gesprochen. Grundsätzlich habe ich eher das Gefühl, Europa rückt nun in der Krisenbewältigung wieder stärker zusammen.  Ich bin sicher, dass Skifahren möglich sein wird. Nur unter anderen Bedingungen, mit mehr Abstand beispielsweise. In Gondeln werden sicher weniger Menschen als üblich zusteigen dürfen. Das wird mit einem großen Aufwand für die Unternehmen vor Ort verbunden sein. Klar ist: Auf die Après-Ski-Party wird man verzichten müssen.


 
Wird sich die Art, wie und wohin wir Reisen, auch langfristig ändern?

Bareiß: Ich bin davon überzeugt,  dass sich generell das Kundenverhalten in den nächsten Jahren weltweit wandeln wird. Der Fokus wird insgesamt noch mehr auf Sicherheit liegen. Menschen werden eben dorthin reisen, wo es sicher ist. Hier haben wir aufgrund unserer sehr guten Tourismusinfrastruktur einen Vorteil, der mich ausgesprochen zuversichtlich stimmt, dass das Reiseland Deutschland wieder zu den Gewinnern gehören wird. Im Kulturbereich, bei Städtereisen, bei Tagungen oder Messen sind wir seit Jahren ganz vorne in der Welt, diesen Status wird auch die Pandemie nicht kaputt machen.

 

In der Gegenwart sind die Sorgen noch groß. Allein in Baden-Württemberg hängen rund 390 000 Arbeitsplätze von der Tourismus-Branche ab, die zuletzt einen jährlichen Umsatz von mehr als 25 Milliarden Euro verzeichnete. Wie können diese Jobs gerettet werden?

Bareiß: Mit dem Kurzarbeitergeld haben wir beispielsweise bis weit ins nächste Jahr hinein Sicherheit geschaffen. Unternehmen, die vor der Krise gesund waren, werden diese Krise auch überstehen. Mut macht mir die Rückbesinnung auf die Heimat als Reiseland.

 

Das heißt?

Bareiß: Hoteliers haben mir beispielsweise berichtet, gerade in den sehr guten Monaten Juli und August hätten viele Bayern wieder einmal in Baden-Württemberg Urlaub gemacht. So viele wie lange nicht kamen aus dem Nachbarbundesland. Manche kennen heute Mallorca besser als die Burg im Nachbarlandkreis. Wir haben in Deutschland eine große kulturelle, historische Vielfalt. Und wir erleben sogar insgesamt eine Art Renaissance des Reisens, es werden zunehmend die Orte wiederentdeckt, die man einst mit den Eltern besucht hat, das Allgäu oder den Harz.

 

Was wird sich noch verändern?

Bareiß: Mir machen bestimmte Entwicklungen Sorgen. Wie werden Kunden künftig ihre Reisen zusammenstellen? Steuert nur noch Google, ob der Reisende Mallorca oder das Allgäu wählt? Das sind Strukturen, die ich ablehne. Das Reisebüro mit der Spezialistin vor Ort muss und wird weiterhin sein Berechtigung haben. Natürlich werden auch Klimaveränderungen unser Reiseverhalten verändern.

 
Was ist Ihre persönliche Hoffnung für die Nach-Coronazeit?

Bareiß: Meine Erwartung ist, dass wir schnell einen Boom erleben werden.  Allerdings dürfen wir uns jetzt nicht dazu verleiten lassen, einfach so weiterzumachen wie vor der Pandemie. Da waren wir zwar sehr erfolgreich. Aber ich sagte bereits: Das Reisen wird sich verändern mit Corona, notwendig sind neue Ideen für die Nach-Pandemiezeit. Wir müssen uns weiterentwickeln. Auf Bundesebene erarbeiten wir derzeit eine Tourismusstrategie. Ein paar Fragestellungen sind: Wo können wir uns verbessern? Wo müssen wir Rahmenbedingungen ändern? Wie müssen wir auf internationale Mitbewerber reagieren? Wie lassen sich starke Produkte und Sicherheitsaspekte miteinander verbinden? Wir brauchen eine solche Strategie, damit Deutschland auch als Zielland Reiseweltmeister bleibt.


Laut einer aktuellen Umfrage planen knapp 53 Prozent der Deutschen innerhalb der nächsten sechs Monate eine Reise. Eine gute Nachricht, oder?

Bareiß: Die Reisefreude wird nach der Pandemie mit Wucht zurückkehren. Videokonferenzen ersetzen auch künftig nicht die persönliche Begegnung. Die Erkenntnis »Reisen verbindet« ist eine richtige. Eine Burg Hohenzollern oder das Schloss Ludwigsburg vor Ort anzuschauen, mit all den Menschen drumherum, das spricht einfach viel mehr die Sinne an, als sich diese wundervollen Denkmäler nur im Internet anzuschauen.  Diese Lust auf echte Erlebnisse wird uns die Pandemie nicht nehmen.

 

Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus Ihrem Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen zur allgemeinen Corona-Lage?

Bareiß: Ich höre vor allem, dass die Menschen sehr besonnen, sehr rücksichtvoll mit dieser Situation umgehen. Der Großteil hält sich an die Regeln. Natürlich stellen viele Menschen auch kritische Fragen. Jeder von uns ist ja inzwischen Hobbyvirologe. Aber diese Sorgen muss man ernst nehmen.  Insgesamt erlebe ich, dass die Leute uns vertrauen, dass wir auch mit einschneidenden Maßnahmen den richtigen Weg beschreiten.

 

Zur Person:

Thomas Bareiß, geboren am 15. Februar 1975 in Albstadt-Ebingen geboren, war von 2002 bis 2006 Landesvorsitzender der Jungen Union Baden-Württemberg. Seit 2011 ist Thomas Bareiß Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Württemberg-Hohenzollern und somit auch Mitglied im Landesvorstand der CDU Baden-Württemberg. Seit 2005 sitzt er für den Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen Im Bundestag. Seit 2018 ist Bareiß Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Beauftragter der Bundesregierung für Tourismus.

 

Tourismus in Baden-Württemberg

Der Tourismus in Baden-Württemberg leidet weiterhin stark Die Zahl der ankommenden Gäste schrumpfte im dritten Quartal im Vorjahresvergleich um 36,7 Prozent auf 5,3 Millionen, wie kürzlich vorgestellte Zahlen des Statistischen Landesamts in Stuttgart ergaben. Die Zahl der Übernachtungen fiel in diesem Zeitraum ebenfalls deutlich um 18,8 Prozent auf 15 Millionen. Damit setzte sich der Trend aus den Vormonaten fort. Den Tiefpunkt erlebte die Branche im coronabedingten Lockdown-Monat April, als die Zahl der Gäste (minus 94 Prozent) und der Übernachtungen (minus 88,3 Prozent) besonders stark einbrachen. Für das Gesamtjahr steht bei den Gästeankünften bisher ein Minus von 43,1 Prozent, bei den Übernachtungen eines von 36,0 Prozent.

Neben Betrieben aus anderen Branchen müssen wegen der bundesweit steilen Zunahme von Corona-Infektionen auch Hotels und andere Beherbergungsstätten seit Monatsbeginn ihre Arbeit weitgehend einstellen - wohl mindestens noch bis Ende November. Als Entschädigung sollen betroffene Betriebe mit einer außerordentlichen Wirtschaftshilfe des Bundes Zuschüsse von 75 Prozent des durchschnittlichen Umsatzes im Vorjahres-November erhalten. Erste Gelder sollen laut Bund ab Ende des Monats ausgezahlt werden. Geplant seien zunächst Abschlagszahlungen. In Baden-Württemberg hängen insgesamt etwa 390.000 Arbeitsplätze von der Tourismus-Branche ab, die zuletzt einen jährlichen Umsatz von mehr als 25 Milliarden Euro verzeichnete. dl/dpa


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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