30 Jahre nach Gladbeck: "Ich war einer von denen"

Das Geiseldrama von Gladbeck gilt als Sündenfall deutscher Medien. 30 Jahre nach den Ereignissen übte Frank Plasberg harsche Selbstkritik. Er gehörte zu den Reportern, die Grenzen des Anstands überschritten.

Von teleschau - der mediendienst

Frank Plasberg
"Ich habe mich dort angestellt", bekannte Frank Plasberg in der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9" über seine Rolle als Reporter beim Gladbecker Geiseldrama. "Ich war einer von denen, das muss man mal so sagen."   Foto: Radio Bremen / Frank Pusch

Es ist ein "Sündenfall der deutschen Medien", wie "3nach9"-Gastgeber Giovanni di Lorenzo treffend bemerkte, und er jährt sich 2018 zum 30. Mal. Di Lorenzos Talk-Gast zum Thema "Geiselnahme von Gladbeck" war sein TV-Kollege Frank Plasberg. Der "Hart aber fair"-Moderator hat persönliche Erinnerungen an den medialen Rummel rund um die zweitägige Flucht der Bankräuber und Kidnapper Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner im August 1988. Es sind keine ruhmreichen.

"Das war eine Art journalistisches Drive-In", beschrieb Plasberg den Auflauf in der Kölner Innenstadt, wo Rösner und Degowski mit dem Fluchtwagen und ihren Geiseln Halt machten - umringt von Hunderten Reportern und Schaulustigen. "Ich habe mich dort angestellt", bekannte Plasberg offen. "Ich war einer von denen, das muss man mal so sagen." Er habe Roesner "drei oder vier Fragen gestellt", welche genau, wisse er nicht mehr. Er könne sich aus heutiger Sicht ohnehin "keine vernünftigen Fragen vorstellen", führte der 60-Jährige aus, der damals als Radioreporter für den Südwestfunk im Einsatz war.

Plasbergs Glück: Das Interview wurde nie gesendet und auch nicht archiviert. "Wenn ich Skrupel gehabt hätte, hätte ich es nicht gemacht", übte der heutige Polit-Talker des WDR gleichwohl Selbstkritik. "Es gehört zu meiner Biografie, und es ist keine Entschuldigung, dass es alle gemacht haben."

Beim Gladbecker Geiseldrama kamen im Sommer 1988 zwei Geiseln und ein Polizist zu Tode. Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner, die infolge eines eskalierten Bankraubs wie Fernsehstars durch die Republik eskortiert wurden, wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Während Rösner noch einsitzt, kam sein Komplize Degowski im Februar dieses Jahres frei.

Die verstörenden Ereignisse sind 30 Jahre später nun auch Gegenstand eines zweiteiligen Fernsehspiels, welches das Erste am Mittwoch, 7. März, und Donnerstag, 8. März, jeweils um 20.15 Uhr unter dem Titel "Gladbeck" ausstrahlt. Sascha Alexander Gersak und Alexander Scheer spielen im Film von Regisseur Kilian Riedhof die Geiselgangster. Am Donnerstag schließt sich um 21.45 Uhr die Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck - Danach war alles anders" an.

Ob sich Ereignisse wie jene wirklich nicht wiederholen können? Ob die deutschen Medien aus dem "Sündenfall" gelernt haben? Frank Plasberg ist skeptisch, wie er bei "3nach9" ausführte: "Wenn die Polizei es zulassen würde, würde es heute noch viel schlimmer werden. Weil die Finanzsituation von Reportern ist so prekär, dass sie für exklusive Töne alles mögliche machen würden. Dazu kämen noch die Handy-Reporter. Sie hätten einen Facebook-Livestream."

Moderator Frank Plasberg

Frank Plasberg
Auch ihn hatte Gastgeber Giovanni di Lorenzo am Freitagabend eingeladen: Johnny Bastiampillai gehörte als Siebenjähriger zu den Entführungsopfern von Gladbeck. Psychologische Unterstützung, so klagt er, habe er nach der Tat nie erhalten.   Foto: Radio Bremen / Frank Pusch
Frank Plasberg
Der Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner im August 1988 in der Kölner Innenstadt: Während eines Interviews mit der "Tagesschau" steckt sich der Geiselgangster seine Waffe in den Mund - um zu demonstrieren, wie weit er gehen würde.   Foto: WDR
Frank Plasberg
Das Gladbecker Geiseldrama endete am 18. August auf der Autobahn A3, kurz vor der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (dokumentarische Szene aus dem Jahr 1988).   Foto: WDR
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Reale Szenen wie diese - in der Hans-Jürgen Rösner Schaulustige und Journalisten bedroht, die seinen Wagen in der Kölner Innenstadt umringen - wurden für einen TV-Film eins-zu-eins nachgestellt.   Foto: WDR
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Schmerzhaft exakter ARD-Zweiteiler "Gladbeck": Geiselgangster Rösner (Sascha Alexander Gersak) inszeniert sich vor Medienvertretern als zu allem entschlossener Verbrecher.   Foto: ARD Degeto / Ziegler Film / Martin Valentin Menke
Frank Plasberg
Szenen aus dem kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland: Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak im ARD-Zweiteiler "Gladbeck") will die Kölner Fußgängerzone verlassen. Er zielt auf die Menge, damit sich seine "Pressekonferenz" auflöst.   Foto: ARD Degeto / Ziegler Film / Martin Valentin Menke
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Bizarres Schauspiel in der Kölner Fußgängerzone: Die Geiselnehmer präsentieren sich ihrem Publikum. Der ARD-Zweiteiler "Gladbeck" zeichnet die verstörenden Vorgänge aus dem Jahr 1988 detailgetreu nach.   Foto: ARD Degeto / Ziegler Film / Martin Valentin Menke
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Geiselnehmer Degowski (Alexander Scheer) ist ein schlichter, aber höchst gefährlicher Zeitgenosse.   Foto: ARD Degeto / Ziegler Film / Martin Valentin Menke
Frank Plasberg
Eine Geiselnahme, die sich selbstständig machte und zu einem dunklen Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurde: der Zweiteiler "Gladbeck" erzählt einen der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit nach.   Foto: ARD Degeto / Ziegler Film / Martin Valentin Menke