Nicht rumbitchen, Digga!

Pass auf, Digga: Klaus Lemke, Bad Boy des deutschen Films, spricht im Interview über seine Frauen, die Münchner Schellingstraße und den "schönsten Jungssport aller Zeiten".

Von Sven Hauberg

Klaus Lemke
Nicht ohne schöne Frau an seiner Seite: Klaus Lemke und seine Hauptdarstellerin Judith Paus, die schon in den letzten beiden Filmen des Regisseurs mitspielte.   Foto: FILMFEST MÜNCHEN 2018

Wenn Klaus Lemke zum Interview bittet, hat man als Journalist nicht viel zu melden. Diktiergerät? "Lass stecken, Digga." Immerhin, ein paar Sätze darf man beim Gespräch in einem Café in der Münchner Türkenstraße dann doch notieren. Lemke, 77, wohnt hier gleich ums Eck, und ein paar Meter weiter, in der Schellingstraße, hat er seinen neuen Film gedreht. "Bad Girl Avenue" (ZDF, Montag, 27. August, 0.00 Uhr) heißt das schräge Machwerk des Schwabinger Anarcho-Regisseurs, der in den 70er-Jahren mit Filmen wie "Rocker", "Sylvie" und "Amore" Kultstatus erlangte und heute seine Rolle als Außenseiter des deutschen Films sichtlich genießt.

teleschau: Herr Lemke, was macht die Schellingstraße für Sie zur Bad Girl Avenue?

Klaus Lemke: Das ist diese fiese Gier nach Authentizität. Mal so bad zu sein, wie man das immer schon wollte. Und wenn auch nur für paar Stunden im Süden der Nacht.

teleschau: Sie haben auch "Bad Girl Avenue" nur mit Laien gedreht. Woher haben Sie Ihre Hauptdarstellerin, Judith Paus?

Lemke: So wie auch Sylvie Winter und Cleo Kretschmer und Saralisa Volm - aus dem Nachtleben. Nach Mitternacht. Digga, Judith wird die neue Cle. Weil sie wie Cleo dem Zuschauer dieses schiefe Lächeln ins Gesicht zaubern kann, auf das es im Leben zum Schluss ganz allein ankommt.

teleschau: Sie drehen immer ohne Drehbuch. Wie finden Sie Ihre Geschichten?

Lemke: Ich tu alles, um den Widersprüchen meiner Personen so nah wie möglich zu kommen. Und ich akzeptiere, dass es im Leben immer mehr aufs Maul gibt als Küsse im Dunkeln. Es geht darum, nicht als Abstiegskandidat am Leben rumzubitchen. Die beste Antwort auf die geballte Irrationalität des Lebens ist: sich von einer Katastrophe in die nächst größere zu retten.

teleschau: Auch "Bad Girl Avenue" ist ganz ohne Filmförderung entstanden …

Lemke: Man braucht kein Geld für Film. Es genügt, dass man sein Handy bezahlen kann. Ganz egal, wie teuer ein Film ist - es geht immer nur um fehlendes Geld. Und das sollte man nicht durch Rumgeheule, sondern durch erhöhten Kampfgeist ersetzen. Nur dann kann das Erzählen zum eigentlichen Abenteuer eines Films werden. Es sollte nicht darum gehen, ein paar arme Gesichtsverleiher an den Strippen eines meist bescheuerten Plots durch den Film zu quälen.

teleschau: Ist das so in Deutschland?

Lemke: Schlimmer noch: in der ganzen EU! Ein paar Megafirmen plündern den Steuerzahler - wie früher die Päpste die Kirche. Ich sag' dir: Ohne weiteres kann man drei von zwei deutschen Filmregisseuren durch Frauen ersetzen. Aber nichts würde sich ändern. Noch nicht einmal vielleicht. Das System ist kaputt. Zu Tode subventionierter Kaffeeklatsch. Brav, banal und frigide. Und selber schuld!

teleschau: Aber Sie bekommen für Ihre Filme Geld vom Beitragszahler ...

Lemke: Ich finanziere meine Filme ganz allein, mit meinem eigenen Geld, das ich mit dem Drehen von Werbefilmen verdiene. Jeden zweiten Film breche ich ab. Erst, wenn ein Film fertig ist und mir hundertprozentig gefällt, gehe ich zum ZDF und rede über eine mögliche Koproduktion.

teleschau: Und wovon leben Sie?

Lemke: Digga, ich habe keine Lebensversicherung, kein Smartphone, kein Internet, ich habe keine Kinder und keinen Anzug. Ich drehe meine Filme nur mit Kameramann. Sonst hab ich kein Personal. Nur so kann man es sich leisten, Filme auf hundertprozentiges Risiko zu drehen. Und nur so ist Film der schönste Jungssport aller Zeiten.

Regisseur Klaus Lemke

Klaus Lemke
Auf dem Münchner Filmfest präsentierte Klaus Lemke seinen neuen Film "Bad Girl Avenue".   Foto: FILMFEST MÜNCHEN 2018 / Bernhard Schmidt
Klaus Lemke
Seit Ende der 60er-Jahre drehte Klaus Lemke Dutzende Low-Budget-Filme, die meisten davon in Hamburg und München.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images for Filmfest München
Klaus Lemke
Der Cast von "Bad Girl Avenue": Panagiotis Matsangos, Daidy Mair, Anabell Griess-Nega und Judith Paus (von links).   Foto: ZDF / Paulo da Silva
Klaus Lemke
Sein Markenzeichen: Mütze und schöne Frauen. Regisseur Klaus Lemke zusammen mit seiner Darstellerin Saralisa Volm. Sie spielt Hauptrollen in den Lemke-Werken "Berlin für Helden" (2012) und in "Dancing with Devils" (2007).   Foto: ZDF / Klaus Lemke
Klaus Lemke
Für Klaus Lemkes "Das Flittchen und der Totengräber" (1995, von Universum Film auf DVD herausgebracht) feierte das Traumpaar des deutschen Undergroundkinos der 70-er, Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek, ein gemeinsames Comeback. Kultregisseur Lemke hatte Fierek einst in einer Münchner Eisdiele entdeckt.   Foto: Universum Film
Klaus Lemke
Saralisa Volm spielt in Klaus Lemkes Klassiker "Dancing with Devils" (2007) die Hauptrolle.   Foto: ZDF / Paulo da Silva
Klaus Lemke
"Papas-Staatskino ist tot" - Klaus Lemke sieht sich als letzten unabhängigen Filmemacher. Eine Aktion zum Film "Berlin für Helden" (2012, erhältlich auf DVD).   Foto: Senator
Klaus Lemke
Film-Anarcho Klaus Lemke ist der "König von Schwabing".   Foto: WDR / K. Lemke
Klaus Lemke
Der Meister und zwei seiner Musen: Klaus Lemke mit den "Schmutziger Süden"-Schönheiten Sheila Malek (links) und Indira Madison. Der Film sorgte 2010 für Aufsehen.   Foto: ZDF / Klaus Lemke
Klaus Lemke
Der Mann mit der Mütze: Klaus Lemke ist der Rock'n'Roller unter den deutschen Filmemachern.   Foto: ARTE
Klaus Lemke
Klaus Lemke und Hauptdarstellerin Saralisa Volm arbeiteten schon bei dem Film "Finale" (2006) zusammen.   Foto: ZDF / Paulo da Silva