Würdiger Abschluss der späten Studio-Trilogie

Die überaus ergiebigen Funde aus dem Jimi-Hendrix-Archiv, die seine finale Schaffensperiode (1968 bis Frühjahr 1970) im Studio dokumentieren, kulminieren mit "Both Sides Of The Sky" in einem würdigen Finale.

Von Constantin Aravanlis

Jimi Hendrix: Both Sides Of The Sky
Jimi Hendrix - Both Sides Of The Sky

Es ist nach "Valleys Of Neptune" (2010) und "People, Hell And Angels" (2013) der dritte und letzte Teil einer Album-Trilogie mit unveröffentlichtem Studiomaterial, das Jimi Hendrix teilweise nicht mehr abschließen konnte. Und auch "Both Sides Of The Sky" steckt wieder voller Historie: Das Album erzählt die Geschichte von der Transformantion des Blues, dem Hendrix völlig neue, unvergleichliche Impulse gab. Von den letzten Tagen der Jimi Hendrix Experience und der Band of Gypsys. Vom letzten Aufbäumen des rohen Psychedelik-Rock, der sich bei Hendrix immer weiter zum R'n'B-induzierten, von Funk torpedierten Groove-Rock entwickelte. Und von einer experimentellen Suche nach neuen Ufern, begleitet von Musiker-Freunden und Kollegen: etwa Stephen Stills, Blues-Legende Johnny Winter und Sax-Man Lonnie Youngblood, den Hendrix noch aus seinen Anfangstagen als Sessionmusiker kannte. Zehn der versammelten 13 Tracks gibt es auf "Both Sides Of The Sky" neu zu entdecken.

Der mittlerweile 75-jährige Produzent Eddie Kramer, der in seiner Funktion als Toningenieur Hendrix' gesamte Karriere im Tonstudio begleitete und überaus fruchtbar unterstützte, fügte gemeinsam mit den Nachlassverwaltern des Hendrix-Family-Trust das Material so zusammen, dass daraus ein überaus stimmiges Album entstanden ist. Im Gegensatz zu den eruptiven, Jam-lastigen und manchmal ausufernden Live-Versionen, die man auf den zahllosen posthumen Live-Alben in unteschiedlichsten Varianten wiederentdecken kann, wirken ihre Studio-Pendants (vor allem "Lover Man" und "Hear My Train A Comin'") auf "Both Sides Of The Sky" spieltechnisch auf den Punkt fokussiert. Hendrix und seine Mitstreier formen immer wieder gekonnt den großen Moment und bündeln ausdifferenzierte Kleinigkeiten um die Hauptthemen der Songs.

Das funktioniert sogar, wenn Jimi mal die Gitarre beiseite legt und wie in "Woodstock" (aus der Feder von Joni Mitchell) den Bass bedient. Unter dem Groove-Teppich von Gypsys-Drummer Buddy Miles befeuern die beiden den Organ-Sound von Mr. Stills. Der mäandernde "Georgia Blues", einer der Höhepunkte des Albums, windet sich acht Minuten lang in wohliger Trance. Sogar drei Instrumentals gibt es zu hören: Auf "Sweet Angel" spielt Jimi neben den sechs Saiten auch Vibraphon und Bass, während Experience-Schlagwerker Mitchell das Tempo vorgibt. Das nachdenkliche Stück "Jungle" evoziert ausladende Funk-Schwaden, während der psychedelische Session-Brocken "Cherokee Mist" mit Sitar-Einlagen nach Räucherstäbchen, Peace & Love und Tribal-Gathering klingt.

Eddie Kramer und der Hendix-Clan haben mit "Both Sides Of The Sky" einen hervorragenden Abschluss für die Studio-Trilogie kreiert, die vor acht Jahren startete. Die Produktion lässt keine Wünsche offen, die Auswahl und das Arrangement des finalen Studio-Materials ist superb und weit davon entfernt, Gedanken an Ausverkauf aufkommen zu lassen. Jimi Hendrix, der im vergangenen November seinen 75. gefeiert hätte, wäre damit sicher mehr als zufrieden gewesen.

Bewertung ausgezeichnet
CD-Titel Both Sides Of The Sky
Bandname/Interpret Jimi Hendrix
Erhältlich ab 09.03.2018
Label Col
Vertrieb Sony Music

Jimi Hendrix: Both Sides Of The Sky
Auf "Both Sides Of The Sky" sind zehn bisher unveröffentlichte Studioaufnahmen von Jimi Hendrix enthalten.   Foto: Evening Standard/Getty Images