Babylon Berlin: Der Untergang der Demokratie

TV-Serie  Das international gefeierte Fernsehereignis des Jahres startete am Sonntagabend in der ARD. Wir haben hinter die Kulissen in Babelsberg geblickt und erklären, warum aus Babylon Berlin ein so großer Erfolg wurde.

Von Uwe Ralf Heer
Babylon Berlin − Macht, Leidenschaft, Untergang
Das Berlin der 1920er-Jahre wurde in der Filmstadt Babelsberg originalgetreu nachgebaut.

 

Es weht ein eisiger Wind vor den Toren von Potsdam. In den Straßenschluchten der Filmstadt Babelsberg taucht man in das Berlin von 1929 ein. Gegenwind, Rückenwind, Aufstand, Untergang. Widrige Umstände − damals wie heute. Wie passend für die TV-Serie, ihre Vorgeschichte und ihre Erfolge: An diesem Sonntag startet zur besten Tatort-Zeit das Fernsehereignis des Jahres. Babylon Berlin. Vielfach preisgekrönt − vom Deutschen Fernsehpreis über den Grimme Preis, die Goldene Kamera bis zum Bayerischen Fernsehpreis.

In mehr als 100 Ländern der Erde wurde die Serie verkauft. Eine deutsche Produktion auf Weltniveau. Mit außergewöhnlichen Parametern und einer unerwarteten Zusammenarbeit. Produziert von der ARD-Filmgesellschaft Degeto in Zusammenarbeit mit dem Bezahlsender Sky, wo alle 16 Folgen vor Jahresfrist ausgestrahlt wurden. Seitdem ist das Fieber nochmals angestiegen. 40 Millionen Euro kostete die Serie, 190 Drehtage waren nötig, jede Folge doppelt so teuer wie ein normaler Tatort. Investitionen in den Filmstandort Deutschland, die man in jeder Einstellung erkennt. Mittendrin: Die Degeto-Chefin Christine Strobl aus Heilbronn.

Die Macher fiebern der Free-TV-Premiere entgegen

Babylon Berlin − Macht, Leidenschaft, Untergang
Sieben Monate lang drehte das Filmteam an den 16 Folgen der TV-Serie, die bereits in 100 Länder der Erde weiterverkauft worden ist.

Auch die Macherin fröstelt es an diesem eisigen Tag − nur wenige Stunden vor der Premiere in der ARD − bei der Besichtigung in Babelsberg. Ein wenig aber ist es auch die Anspannung, die ihr anzumerken ist. Das wichtigste Projekt ihrer Karriere, das größte im Ersten, das spannendste und ein weltweit gefeiertes. Selbst die Netflix-Macher waren voll des Lobes und übernahmen das Event.

"Es war international ein Riesenschritt für uns, dass wir gleich zu Beginn mit zweimal acht Staffeln aufgetreten sind", sagt Christine Strobl. Was kann da ab morgen denn noch passieren? "Normalerweise bin ich vor einer Ausstrahlung unserer Produktionen immer gelassen. Diesmal kribbelt es besonders. Aber schon jetzt ist Babylon Berlin unabhängig von der Quote ein Gewinn für uns", erläutert die Degeto-Chefin, während sie mit Uli Hanisch, der für das Szenenbild zahlreiche Preise erhielt, durch die Kulissen marschiert.

Der Glaube an den Erfolg ist groß. Bald geht es hier mit dem Dreh der dritten Staffel weiter. Und die wird nicht die letzte sein. "Ich glaube fest daran, dass es sieben, acht oder neun Staffeln geben wird. Von uns aus gerne", sagt Christine Strobl. Noch bevor es morgen erstmals im Free-TV ernst wird, verrät sie vorab, dass die dritte Staffel sogar zwölf Folgen umfassen wird.

Originalschauplätze sind nicht als Kulisse geeignet

Babylon Berlin − Macht, Leidenschaft, Untergang
Politische Unruhen und Straßenschlachten – jede Menge Handlungsstränge werden bei Babylon Berlin miteinander verknüpft.

Zum Erfolg einer atmosphärisch dichten Serie, die nicht nur das Berlin der ausgehenden 20er-Jahre, die beginnenden sozialen Unruhen der Weimarer Republik sowie kriminelle Machenschaften, wirtschaftliche Not, aber auch Exzesse und Luxus des Berliner Nachtlebens widerspiegelt, tragen die vielfältigen Handlungsstränge bei. Und natürlich die Kulisse. Berlin − ein Moloch, der die Menschen anzieht und auffrisst. Dieses Berlin, das es heute nicht mehr gibt, steht in Babelsberg.

Uli Hanisch ist zurecht stolz darauf, was hier entstanden ist. Eine Stadt als Bühne − 100 Jahre später. Etwas, was an Originalschauplätzen gar nicht mehr darstellbar gewesen wäre. Damals, als die Städte noch grau und weniger grün waren. Auf einem Viereck im Industriegebiet von Potsdam wandeln die Schauspieler fast nahtlos vom reichen Charlottenburg ins arme Wedding. Und direkt daneben ist die Kulisse des Nachtklubs an der Friedrichstraße. Dazwischen das dunkle System der Berliner Innenhöfe. Alles echt, eine Kulisse, die in den Film hineinzieht. "Die Bauzeit betrug gerade mal fünf Monate, das war eine Rekordzeit", erzählt Hanisch. Sein Team zeichnete die Entwürfe, gestützt auf tausende Fotografien aus den 20er Jahren, allesamt von Hand. Mehr als 50 Fassaden sind entstanden, 500 Tonnen Stahl wurden verbaut.

Parallelen zur Gegenwart

Babylon Berlin − Macht, Leidenschaft, Untergang
Starke Hauptdarsteller: Die Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) findet ihren Kollegen, den Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch).

Wer die Serienteile schon gesehen hat und durch die Kulisse wandelt, der kann fast jede Szene fühlen, hören, einatmen. Eine Ausstattung nicht als Kulisse, sondern als Mitspieler. "Es war immer wieder eine tolle Überraschung, was Uli Hanisch da gezaubert hat. Jeder Tag war ein Geschenk, wie ein Adventskalender, der sieben Monate lang ging", erzählt Hauptdarsteller Volker Bruch in der ARD-Dokumentation zum Making-of des Films. Seine Partnerin ist Liv Lisa Fries, die nicht nur seine Assistentin wird, sondern auch alle Stationen des Berliner Lebens durchlebt.

Zahlreiche Top-Schauspieler von Matthias Brandt über Lars Eidinger bis Hannah Herzsprung und Benno Fürmann tragen die Geschichte ebenso wie die ganz spezielle Musik, die eigens eingespielt wurde. "Zu Asche zu Staub" − so lautet der Titelsong, der einem nicht mehr aus dem Ohr geht. Es ist einer der vielen Höhepunkte des Filmes, wenn dieser Song im Nachtklub performt wird und alle Akteure dazu auf eine ganz spezielle frivole Art tanzen. Es geht um Sehnsüchte, um Tränen und Abgründe. Um Deutschland auf dem Weg in den Untergang. 100 Jahre ist das her − und doch sind viele Parallelen zur Gegenwart erkennbar.

Der Zuschauer muss sich konzentrieren

Babylon Berlin − Macht, Leidenschaft, Untergang
Eine fulminante Tanzszene im Nachtklub Moka Efti zu den Klängen des Titelsongs „Zu Asche, zu Staub“, der schnell zu einem Ohrwurm geworden ist.

Deutsche Partner, deutsche Drehorte, deutsche Schauspieler − daraus wurde ein unerwartet großer internationaler Erfolg. Die Geschichte von Gereon Rath, der als junger Kommissar aus Köln nach Berlin versetzt wird, um dort den Kriminalfall eines von der Berliner Mafia geführten Pornorings zu lösen. Es folgen Skandale, ein Dschungel aus Korruption, Drogen- und Waffenhandel. Internationale Verstrickungen, Liebe, Leidenschaft, Aufstände und die Vorboten der untergehenden Demokratie.

Ziemlich viel auf einmal. Der Zuschauer muss dran bleiben, sich konzentrieren, dann aber gerät er in den Bann der Serienfolgen. Schnell finden alle Stränge zueinander. Und fesseln − schon bei Sky waren trotz Bezahlschranke zwei Millionen Zuseher dabei. Mit Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben drei Drehbuchautoren, die gleichzeitig auch gemeinsam Regie führten, den Roman "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher opulent in Szene gesetzt.

So etwas elektrisiert. Babylon Berlin ist schon jetzt eine deutsche Marke mit Weltruf geworden. Ab diesem Sonntag in der ARD. Und dann wird Christine Strobl den eisigen Wind von Potsdam gegen einen gemütlichen TV-Abend auf der Couch in ihrer Heilbronner Innenstadt-Wohnung eintauschen. Und auf die Quotenzahlen vom Montag gespannt sein. Rückenwind für eine Erfolgsserie garantiert.


Serienstart: Die Serie startet am Sonntag um 20.15 Uhr mit drei Folgen am Stück. Weiter geht es am Donnerstag, ebenfalls ab 20.15 Uhr, und wieder mit drei Folgen hintereinander. Danach werden immer donnerstags jeweils zwei Folgen ausgestrahlt.

 

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