Quälende Anstiege und rauschende Abfahrten in den Pyrenäen

Pyrenäen  Eine einwöchige Radtour in den Pyrenäen über 690 Kilometer und 15.800 Höhenmeter, gespickt mit einigen Überraschungen in spektakulärer Landschaft.

Email
Der 2115 Meter hohe Tourmalet ist einer der populärsten Berge in den Pyrenäen. Fotos: Römer/privat

Oben auf dem Col du Tourmalet steht eine riesige Skulptur. Ein überdimensionaler, muskulöser Rennradfahrer, dem die Strapazen des nicht enden wollenden Berganstiegs ins Gesicht geschrieben stehen. Das Kunstwerk von Jean-Bernard Métais erinnert an den Einstieg der 1903 gestarteten Tour de France, die im Jahr 1910 erstmals ins Gebirge und zwar in die Pyrenäen kam. Erst mit dieser Entscheidung, die Berge ins Tour-Programm aufzunehmen, legten die Väter der Tour de France den Grundstein für den Mythos, den dieses einzigartige Radrennen bis heute umgibt, allen Doping-Exzessen zum Trotz.

Unvorhergesehene Ereignisse

Weder die enormen Strapazen der heutigen Profis, noch die der früheren Tage, können die sieben Hobbyfahrer aus Talheim, Brackenheim, Ilsfeld, Lauffen und Heilbronn erahnen. Aber sie bekommen ein Gefühl dafür, was es heißt, einen 32 Kilometer langen Anstieg mit 1650 Höhenmetern zu meistern. Die Fitness ist die eine Seite der Medaille. Die kann jeder selbst beeinflussen. Die Natur und unvorhergesehene Ereignisse sind die andere.

Quälende Anstiege und rauschende Abfahrten
Zügig unterwegs sind die Fahrer auf den Flachstrecken.

Die erste Etappe dieser siebentägigen Tour von Pau (100 Kilometer östlich der Atlantikküste) bis zum Mittelmeer nach Perpignan macht dem Team gleich deutlich, dass in den Pyrenäen nicht nur die Sonne scheint. Wenige Kilometer nach dem Anstieg zum Col d"Aubisque, dem ersten Höhepunkt der 19-Pässe-Tour über 690 Kilometer mit rund 15 800 Höhenmetern, drückt ein Gewitterregen mit Blitz und Donner auf Gemüt und Motivation. Eine kleine Scheune voller Heuballen bietet Unterschlupf. 20 Minuten später sitzt die Gruppe wieder auf den Rädern. Oben auf dem Berg bleibt nur wenig Zeit für eine Pause. Dicke Regenwolken ziehen auf und erreichen die Rennradfahrer mit einem erneuten Starkregen mitten in der Abfahrt.

Die Sonne ist trügerisch

Auch am zweiten Tag ist die Sonne über Pierrefitte-Nestales trügerisch. Mehr als 4000 Höhenmeter und insgesamt vier Pässe stehen auf dem Programm. Der härteste Tag dieser Tour quer durch die Pyrenäen. Der Anstieg zum Tourmalet ist lang und kräftezehrend. Aber auf die ausgiebige Pause auf der Passhöhe hoffen die Fahrer vergeblich. Denn auf 2115 Metern Höhe hat sich wieder eine dichte Regenwolkenschicht zusammengebraut. Getränkeflaschen auffüllen, Regen- beziehungsweise Windjacken anziehen, noch schnell ein Foto machen - und schon geht es wieder los. Diesmal aber steil bergab: 17 Kilometer und 1250 Höhenmeter runter. Das alles bei zwölf Grad und leichtem Nieselregen.

Quälende Anstiege und rauschende Abfahrten
Die Anstiege in den Pyrenäen sind oft mit Steigungsprofilen gekennzeichnet.

Sturz bei der Abfahrt vom Tourmalet

Doch es kommen nicht alle heil unten an: Es sind die Speichen seines Hinterrades. Erst eine. Der Ilsfelder Josef Kless hört ein lautes Krachen, realisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dann bricht die zweite Speiche, dann die dritte. Das Hinterrad blockiert, der Fahrer reduziert sein Tempo, gerät ins Schlingern, kann den Sturz aber nicht mehr verhindern. Schließlich sind sieben Speichen hinüber. Der 59-jährige erfahrene Radler kommt mit einer Schürfwunde am Ellbogen und einer Prellung an Hüftknochen und Einblutung am linken Oberschenkel davon. Der Neurologe im 48 Kilometer entfernten Krankenhaus gibt grünes Licht. Aufatmen im gesamten Team. Es hätte viel schlimmer kommen können. Die weiteren Pässe verfolgt er auf dem Beifahrersitz neben Begleitwagenfahrerin Friederike Schrape.

Grenzstein am Col

Der Grenzstein am Col de Portillon ist zwar ein hässlicher, bemalter Quader, aber nicht zu übersehen. Der erste Pass des dritten Tages, mit einem maximalen Anstieg von 17,8 Prozent, bildet die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Es wird ein kurzer Abstecher nach España. Die Etappe führt von Luchon nach Seix. Wieder stehen vier Pässe und 3000 Höhenmeter auf dem Programm. Konzentration ist wichtig. Gefahren können überall lauern: In den Pyrenäen grasen Esel, Kühe und Pferde auch neben der Straße. Unbeeindruckt von den Radfahrern blockieren sie die Strecke. Dann wird aus der rauschenden Abfahrt plötzlich eine zaghafte Schleichfahrt. "Eine schwere Tour, bei der Tag für Tag wieder die nächsten Berge vor dir stehen", stellt der Lauffener Michael Koch fest.

Quälende Anstiege und rauschende Abfahrten
Traumhafte Strecken und Natur pur: Die Pyrenäen haben ambitionierten Rennradfahrern viel zu bieten.

Besondere Momente

Oft sind es die kleinen Dinge, die einen großen Eindruck hinterlassen. Ein Landschaftsbild, das sich im Vorbeifahren tief ins Gedächtnis brennt. Ein weißes Wolkenband, das am sonnigen Vormittag einen saftig grünen Berg, von dem ein Wasserfall in die Tiefe rauscht, in eine obere und eine untere Hälfte teilt. Der Radfahrer fährt seinen Rhythmus den Berg hinauf, ungeachtet der Anstrengung, die Stille in vollen Zügen genießend. Nur das leichte Plätschern der Gebirgsbäche sowie hier und da ein Vogelzwitschern ist zu hören. "Jeder Tag hat seine besonderen Momente. Die Pyrenäen sind viel schöner als das Bild, das ich von ihnen im Kopf hatte", wird der Heilbronner Tilo Besteher später sagen. "Auch die Schlecht-Wetter-Phasen haben etwas Schönes."

Trotz Gruppe wäre man bei einer solchen Tour ohne Navigationsgerät aufgeschmissen. Denn es gibt Situationen, da steht man plötzlich allein da. Und Mobilfunk-Empfang in den Bergen gibt es auch nicht immer. Wenn dann noch die Verpflegungsstelle verpasst wird, sind Riegel als Notration und gefüllte Getränkeflaschen unerlässlich. Außerdem genügend Kraft in den Beinen, um die letzten Pässe des Tages bis ins Ziel zu meistern.

Körper verlangt nach Regeneration

Der Col de Péguère hat einen fürchterlich giftigen Anstieg mit bis zu 18 Prozent auf 600 Metern. Das ist nicht für jedermann, aber im Gegensatz zu den Profis darf der Hobbyradler auch mal schieben. Auf der Passhöhe ist es ungemütlich: Dichter Nebel und kalte Luft. Also geht es schnell in die Abfahrt: 26 Kilometer runter bis zum Etappenziel nach Foix. Endlich Ruhetag. Der Körper verlangt nach Regeneration.

Quälende Anstiege und rauschende Abfahrten
Team mit Beiwagenfahrerin Friederike Schrape v. l.: Jörg Schick-Bringer, Tilo Besteher, Bernd Dannhorn, Michael Koch, Josef Kless, Friedhelm Römer, Günther Janiak.

Glücklicherweise wird das Wetter von Tag zu Tag besser. Das Mittelmeer ist nicht mehr allzu weit entfernt. Die letzten beiden Tour-Tage sind wie gemalt, und auch Josef Kless steigt wieder aufs reparierte Rad, genießt sein Comeback. Wer mit 7000 Saison-Kilometern auf dem Rad in diese Tour startet, möchte nicht gerne tagelang im Auto sitzen. Es wäre auch zu schade, den Col de Marmare, den Col du Chioula und den Col de Pailhères nicht auf dem Rennrad rauf und runter zu fahren. Es sind Tage, in denen die Pyrenäen ihr sonniges Gesicht zeigen.

Die schönste Strecke hat sich Teamchef Günther Janiak aus Brackenheim-Hausen für den letzten Tag aufgehoben. Vom verschlafenen Quillan geht es 20 Kilometer flach durch eine Schlucht: Rechts der Straße die hohe Felswand, links der Bach, und zwischendrin einige Felsüberhänge. Der siebenköpfige Radexpress zieht wie an der Perlenschnur gezogen in flottem Tempo durch die Schlucht. Nach dem Col de Jau folgt die 70 Kilometer lange Abfahrt nach Perpignan. Da lässt sich selbst ein platter Reifen am Hinterrad zwei Kilometer vor dem Ziel verschmerzen. Und Triathlet Jörg Schick-Bringer sagt: "Die Tour de France werde ich künftig mit anderen Augen sehen."


Freidhelm Römer

Friedhelm Römer

Autor

Friedhelm Römer hat Ende der 80er Jahre bei der Heilbronner Stimme volontiert, kam 2001 als Sportredakteur zurück und arbeitet seit 2009 in der Landkreisredaktion. Er kümmert sich sich hier um Schwaigern, Lauffen, Pfaffenhofen und Zaberfeld. Darüber hinaus ist er Mitglied des lokalen Bildungsteams.

Kommentar hinzufügen