Neues Stück von Peter Handke in Salzburg uraufgeführt

Salzburg  Poetisch-heiteres Requiem: In "Zdenek Adamec" fragen sieben Schauspieler, warum sich ein junger Mann verbrennt. Ein sprachgewandtes Erklären und Verklären, das mit der Zeit gleichförmig wirkt.

Email
„Ein potenzieller Weltuntergang von Zeit zu Zeit kann nicht schaden“: Nahuel Pérez Biscayart und Kollegen umkreisen in Rede und Gegenrede die Beweggründe eines Selbstmörders.

Im März 2003 verbrannte sich der 18 Jahre alte Zdenek Adamec auf dem Wenzelsplatz in Prag. Um halb acht am Morgen trat er auf eine der kleinen Terrassen am Nationalmuseum und übergoss sich mit Benzin. An der Stelle, an der sich 1969 der Student Jan Palach angezündet hatte - aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts. Palach wurde zum Nationalhelden. Aber Adamec? Warum tut einer so was? Aus Protest gegen den Zustand der Welt?

Altersmildes Werk

Als "eine Szene" kategorisiert Nobelpreisträger Peter Handke sein jüngstes Drama, das jetzt bei den Salzburger Festspielen im Landestheater uraufgeführt wurde. Der titelgebende Zdenek Adamec aus der tschechischen Kleinstadt Humpolec tritt selbst gar nicht auf. Sieben Schauspieler, drei Frauen und vier Männer, unternehmen die Annäherung an die tragische Figur. Eine Geschichtsbefragung, eine spekulative Recherche, vor allem ein Infragestellen, ein Handke-typisches Geflecht aus Rede und Gegenrede, aus Widersprüchen, die sich aufzulösen scheinen.

Das Requiem auf einen jungen Mann kommt bei aller Schwere des Themas poetisch-heiter daher, als Feier der Schönheit der Sprache und des Lebens, als ob Handke altersmilde hinter den Zeilen hervorlächelte. "In Peter Handkes Texten lauert der Schalk", sagt Friederike Heller. Die mit Handke-Inszenierungen erfahrene Regisseurin bleibt nah an Handkes wortgewaltigen Monologen, die sie auf die Spieler verteilt, die sich als zufällig zusammengewürfelte Truppe auf der Bühne einfinden. Szenisch wagt Heller wenig, ehrfürchtig lässt sie den Dichter zu Wort kommen.

Das ermöglicht einerseits ein Eintauchen in Handkes Kosmos - wann überhaupt hört man noch so intensiv im Theater zu? Zumal fantastischen Schauspielern und Sprachkünstlern wie Eva Löbau, Luisa-Céline Gaffron, André Kaczmarczyk, Hanns Zischler, Christian Friedel, Nahuel Pérez Biscayart und Sophie Semin, der Ehefrau von Peter Handke, deren französierendes "Bitte kuuurze Säätze" wohl ironisch klingen soll.

Neues Stück von Peter Handke in Salzburg uraufgeführt

Wieder in Salzburg: Nobelpreisträger Peter Handke besucht einen Tag vor der Uraufführung seines jüngsten Stückes die Premiere der Oper "Elektra".

Fotos: dpa

Andererseits geraten die Spurensuche zu Zden?ks Selbstmord, das zur Diskussion-Stellen und gleich wieder Anzweifeln, das Erklären und Verklären mit der Zeit gleichförmig, tragen nicht wirklich den Zwei-Stunden-Abend. Als Versuchsanordnung und Anregung zum Nachdenken hat das alles durchaus Reiz.

Musik-Combo lockert Monologe auf

"Jetzt aber unser Gespräch. Ein abendliches", legt eine Spielerin los. Handkes Regieanweisung lässt Friederike Heller freie Hand. "Weiträumige Szene mit Öffnungen nach allen Seiten, dicht bevölkert mit Feierabendleuten. Kommen und Gehen, hin und her, ..., da und dort auch ein Zusammenstehen, ..., Zeit: jetzt oder sonst wann." Eine dreiköpfige Combo um den Singer-Songwriter Peter Thiessen der Hamburger Band Kante liefert den musikalischen Chill zwischen den Wortkaskaden, mischt die Monolog-Szenen auf wie eine Revue.

"Black is black, I want my baby back", röhrt ein Schauspieler ins Mikro, kurz vor Schluss stimmt einer Leonard Cohens "Hallelujah" an. Dazwischen wird Zdeneks Sehnsucht nach einer besseren Welt verhandelt, werden psychologische Versatzstücke ausgetauscht. War er der sensible Einzelgänger, unsportlich, gegängelt von der Mutter, eines jener Neubausiedlungskinder der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts?

Betroffenheit, die sich gut anfühlt

"Ein potenzieller Weltuntergang von Zeit zu Zeit kann nicht schaden", wienert Eva Löbau und steht danach - Hut ab - eine gefühlte Ewigkeit auf dem Kopf. Wenn sich die Figuren ansprechen, dann mit ihren richtigen Vornamen. Dann sagt Luisa-Céline Sätze wie "Zwischendurch ist Journalismus almost alright" und gibt Hanns in deklamatorischem Ton den verständnisvollen Erklärbären in Manier eines Bildungsbürgers.

Geld und Macht werden als die Erzfeinde der Welt und der Jetzt-Zeit ausgemacht. "Hat das nicht bereits Jesus gesagt?" Bibelzitate fallen, rote Äpfel kullern aus einem Weidenkorb über die Bühne (Sabine Kohlstedt), Stahlgerüste erinnern an die Bögen einer gotischen Kathedrale. Ein Kinderschlitten aus Holz, Kunstschneeflocken und eine Indianer-Feder sind die Zutaten aus Handkes Poetologie: Metaphern, sich die Schönheit des Lebens zu bewahren trotz seiner Widrigkeiten.

Applaus, einige Bravo-Rufe und ein Gefühl der Betroffenheit, das sich gar nicht schlecht anfühlt.

 

Zur Person:
Sprache, Bewusstsein und die Entfremdung zwischen Individuum und Umwelt sind die Themen von Peter Handke. Der wegen seiner Sympathie für die serbischen Nationalisten seit Beginn des Jugoslawienkrieges kritisierte Dichter gab 1999 das Geld für den Büchner-Preis zurück. 2019 erhielt er den Literaturnobelpreis. 1942 in Griffen, Kärnten, geboren, lebt Handke seit 1991 bei Paris.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen