Jo Groebel: Lindenstraße war sehr vielen Zuschauern eine eigene Heimat geworden

Heilbronn  Der Medienwissenschaftler Jo Groebel sieht im Aus für die Serie „Lindenstraße“ einen schmerzhaften Verlust. Er hält es für denkbar, dass eine ähnliche Straße wiederkehrt – moderner und jünger.

Von Hans-Jürgen Deglow
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Ein Bild aus frühen «Lindenstraßen»-Tagen (1986): Helga Beimer (Marie-Luise Marjan, hinten rechts) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger, l) und ihren Kindern (l-r) Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs). Die Fernsehserie «Lindenstraße» wird nach 34 Jahren beendet. Foto: dpa

Die Lindenstraße ist für viele Menschen ein Stück Heimat – so sieht es jedenfalls der Medienwissenschaftler Jo Groebel. Er sagte der Heilbronner Stimme: „Zwar waren die Quoten in den letzten Jahren gesunken. In absoluten Zahlen aber wurden immer noch beträchtliche Zuschauermengen erreicht. Mehr, als viele hoch gepriesene Sendungen jemals haben werden.“ Er betont: „Die Lindenstraße war sehr vielen Zuschauern eine eigene Heimat geworden.“

Nach Ansicht Groebels hat die TV-Serie die Zuschauer in ihrem Alltag abgeholt: „“Unabhängig vom Kosten-Nutzen-Argument für die eher sanfte Absetzung, es bleiben ja gefühlte Zigtausende früherer Folgen abrufbar oder laufen als Wiederholungen: Die Serie atmete einen Zeitgeist, einen Teil der Bevölkerung, der heute eher nostalgisch und ein wenig hausbacken anmutet. Da traf der grün angehauchte reformerische Eifer der 1980er Jahre auf ein wenig Glamour aus der Wohnküche. Da rückte auch mal die gerne politisch motivierte Klein- und Großkriminalität als Spannungselement in die lindensträßische Nachbarschaft. Da wurden oft scherenschnitthaft alle denkbaren Minderheiten abgearbeitet, aber diese eben auch den Zuschauern und ihrem Verständnis näher gebracht. Nie als Radikalentwurf. Fast immer im Sinne des Abholens des Publikums in dessen eigenem Alltag.“

Konstanz und Kontinuität

Franz-Josef "Jo" Groebel. Foto: dpa

Genau dieser vermeintliche Alltag, so der Medienpsychologe, könnte aber „heute atmosphärisch das Problem der Serie geworden sein. Selbst wenn immer noch aktuelle Themen aufgegriffen werden, Gesamtklima und Machart der Sendung wirken bestenfalls zeitlos, schlimmstenfalls gestrig. Vielleicht nur gestrig im Habitus. Die Botschaften von Gesellschaftskritik und kultureller Empathie müssten nach wie vor willkommen sein“.

Groebel: „Es verhält sich mit der Lindenstraße ein wenig wie mit den Grünen, kein zufälliger Vergleich. Der programmatische Kern, die DNA sind immer noch sichtbar. Ein Unterschied, die Grünen wirken heute frischer, moderner, die neuen Gesichter passen ins 21. Jahrhundert.“ Die Stärke der Reihe seien demgegenüber Konstanz und Kontinuität in den Charakteren gewesen, und dies über  Jahrzehnte hinweg.  „Sie haben vielleicht noch mehr als Gesellschaftspolitik und Geschichten den Erfolg entscheidend geprägt. Eine Mutter Beimer, viele andere waren wie lieb gewonnene Freunde, auf die man sich verlassen kann. Sie waren wie Familienmitglieder, deren plötzlicher Verlust ungemein schmerzt und schmerzen wird.“

Das Fazit des Experten: „Letztlich ist es das Zusammenspiel aus dem Aufgreifen des sozialen Klimas, den aufwühlenden und  beruhigenden Stories, der rituellen Verlässlichkeit der Sendezeiten und eben den zahlreichen Figuren  als positiven und negativen Identifikationspersonen, das den Erfolg der Serie bis heute ausmachte und ausmacht. Vielleicht wird es eine neue Straße geben. Im Kern ähnlich wie die Lindenstraße. Im Gewand moderner und jünger. Der Bedarf ist nach wie vor da.“

 

 

 


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