Wahlprognosen: "Warum sollten die Leute uns anlügen?"

Heilbronn/Mannheim  Die Prognosen kurz nach Schließung der Wahllokale bei Bundes- und Landtagswahlen sind oft ziemlich treffsicher. Warum ist das so? Stimme.de hat mit dem Chef der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim gesprochen.

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Matthias Jung

Foto: dpa

Die Forschungsgruppe Wahlen wird am Wahlsonntag vor einem Wahllokal in Heilbronn Wähler befragen - für die ZDF-Prognose kurz nach 18 Uhr.

Wie man vorgeht, wieso die Befrager oft sehr nahe am Endergebnis liegen, erklärt Leiter Matthias Jung im Gespräch mit der Heilbronner Stimme.

 

Herr Jung, die Treffsicherheit von Wahlprognosen, noch vor der ersten Hochrechnung, überrascht immer wieder. Wieso sind Wähler so ehrlich?

Matthias Jung: Warum sollten die Leute uns anlügen? Es läuft alles anonym und vertraulich ab. Sie haben doch gerade gewählt. Weshalb sollten sie da nicht zu ihrer bevorzugten Partei stehen?

 

Es gibt das Wahlgeheimnis. Keiner flunkert oder macht falsche Angaben?

Jung: Ganz wenige. Aus dem rechten Spektrum gibt es da schon eher eine gewisse Verweigerungshaltung. Aber das berücksichtigen wir bei unseren Berechnungen.

 

Wie gehen Sie auf die Leute zu: Wie wird konkret ausgewählt, wer angesprochen wird?

Jung: Entscheidend ist, dass es eine strenge Zufallsstichprobe ist. Wir sprechen je nach Größe des Wahllokals jeden 6., 8. oder 10. an, der aus dem Wahllokal kommt. Er darf den Fragebogen anonym ausfüllen und in eine Wahlbox einwerfen. Gut 80 Prozent machen da mit. Nach festen Zeitabständen werden die Daten an unsere Zentrale in Mannheim übermittelt und dort ausgewertet.

 

Wie viele Interviews sind nötig für eine aussagekräftige Prognose?

Jung: Bundesweit sind wir in 600 Stimmbezirken unterwegs. Im Schnitt sind es pro Wahllokal gut 100 Interviews, mit Schwankungen. Etwa 70 000 Interviews fließen in die Prognose ein. Da können wir auch Aussagen treffen, wie zum Beispiel ältere Frauen, Hochschulabsolventen oder Katholiken gewählt haben.

 

Ist es dieses Mal besonders spannend?

Jung: Es ist immer spannend, wenn man mittendrin ist. Briefwähler befragen wir ja nicht, das kann das Ergebnis etwas verzerren. Wir erwarten, dass es dieses Mal etwas enger wird zwischen CDU/CSU und SPD. Wenn die Abweichung bei den Parteien im Durchschnitt unter einem Prozent liegt, war es statistisch gesehen eine gute Wahlprognose.


Zur Person

Matthias Jung wurde 1956 in Speyer geboren. Er studierte Volkswirtschaft und Politik in Mannheim, ist seit 1991 im Vorstand des Meinungsforschungsinstituts Forschungsgruppe Wahlen (FGW) mit Sitz in Mannheim. Sie wurde 1974 als eingetragener Verein (e.V.) gegründet. Die Erforschung von Wählerverhalten ist ein Schwerpunkt der FGW, hinzu kommt die kontinuierliche Beobachtung gesellschaftlicher Trends und Stimmungen. Hauptauftraggeber ist das ZDF, für das die Forschungsgruppe auch regelmäßig das Politbarometer erstellt.

Mehr als 300 geschulte Interviewerinnen und Interviewer arbeiten für die Telefonfeld GmbH der Forschungsgruppe Wahlen. Das moderne Telefonstudio in Mannheim verfügt über 140 computergestützte Telefonarbeitsplätze.


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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