Umkämpfte Promi-Wahlkreise: Olympiasieger, Urgesteine, Kanzlerkandidaten

Berlin  In Deutschland gibt es 299 Wahlkreise - einige erleben einen Wettstreit der "Promis". So sind mit Claudia Pechstein und Frank Ullrich gleich zwei Ex-Olympiasieger am Start, ihre Hauptkonkurrenten sind Gregor Gysi und Hans-Georg Maaßen. 

Email

Treptow-Köpenick, im Südosten Berlins gelegen, ist der flächenmäßig größte Bezirk der Hauptstadt. Der Hauptmann von Köpenick ist weltberühmt, der Müggelsee ein überregional beliebter Naherholungsort, bekannt sind auch die TV-Studios in Adlershof oder die „Eisernen“ von Union Berlin, die an der Alten Försterei ihre Bundesligaspiele bestreiten. 280.000 Menschen leben heute in Treptow-Köpenick, und sie haben neben anderen Wahlkreiskandidaten 2021 die Wahl zwischen zwei Seriensiegern: der fünffachen Olympiasiegerin Claudia Pechstein im Eisschnelllauf (CDU, 49,) und Gregor Gysi (Linkspartei, 73).

Pechstein, geboren in Berlin-Marzahn, wurde 2004 von der Union für die Bundesversammlung nominiert, damals wählte sie Horst Köhler zum Staatsoberhaupt. Im Frühjahr diesen Jahres wurde sie dann kurzfristig aufs Schild gehoben, nachdem CDU-Direktkandidat Niels Korte seine Kandidatur nach Vorwürfen in der Unions-Maskenaffäre aufgegeben hatte. 

 

Heimvorteil in Treptow-Köpenick hat auch Linkspartei-Urgestein Gregor Gysi. Der Politiker und Rechtsanwalt, geboren in Berlin-Lichtenberg, gilt hier nahezu als unschlagbar. Den Wahlkreis Treptow-Köpenick hat er seit 2005 stets gewonnen – 2017 mit etwa zuletzt mit 39,9 Prozent und 21 Prozentpunkten Vorsprung, 2009 erhielt Gysi gar 44,8 Prozent der Erststimmen. Gerne möchte er auch in der nächsten Legislaturperiode außenpolitischer Sprecher der Linken bleiben. Den 73-Jährigen wird man in Zukunft auch wieder auf anderen Bühnen erleben können, so geht er mit Lesungen aus seiner Biographie auf Tour, außerdem hat er eine eigene Gesprächsreihe im Berliner Kabarett-Theater Distel. Sein nächster Gast: Boxweltmeisterin Regina Halmich. 

Pechstein hat Platz 6 auf der CDU-Landesliste bekommen, das sollte zum Einzug in den Bundestag auch ohne direkten Sieg gegen Gysi reichen. Ihr Motto: Leistung muss sich wieder lohnen. Und sie wünscht sich mehr Respekt für Sportler. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ sagte sie: „Von den Athleten und Betreuern aus dem Ausland bekomme ich eine unglaubliche Wertschätzung. In Deutschland dagegen bin ich als erfolgreichste Winter-Olympionikin nicht viel mehr als eine Steuernummer. Bei der Sporthilfe wollte ich einen Antrag auf Fördergeld für die Olympia-Vorbereitung einreichen, der wurde schon abgelehnt, bevor ich ihn gestellt hatte. Ich kenne kein zweites Land, das seinen verdienten Athleten so wenig Unterstützung zukommen lässt." 

Claudia Pechstein hat neben dem Einzug in den Bundestag noch ein anderes großes Ziel: Sie will im Februar 2022, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, noch einmal an den Olympischen Winterspielen teilnehmen, die dann in Peking stattfinden.

Die Biathlon-Legende und der Ex-Verfassungsschützer 

Mehr Respekt für Athleten – das mahnt auch Frank Ullrich an, Sportlegende in seiner thüringischen Heimat. Der mittlerweile 63 Jahre alte Olympiasieger von 1980 und neunmalige Biathlon-Weltmeister tritt als SPD-Bundestagskandidat im Südthüringer Wahlkreis 196 an. Sein Hauptkonkurrent ist der frühere Chef des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen (CDU, 58). Jüngst machte Ullrich mit dem Vorschlag Schlagzeilen, deutsche Olympiasieger sollten wie in anderen Ländern eine lebenslange Pension bekommen. „Der deutsche Spitzensport besitzt nicht die verdiente Wertschätzung und liegt deshalb auch nahezu am Boden. Leistungen werden nicht adäquat honoriert“, sagte der langjährige Biathlon-Bundestrainer. 

Ullrich stammt aus der Region, aus Schmalkalden-Meiningen, Maaßen kommt aus Mönchengladbach in NRW. Maaßen ist wegen seiner Haltung unter anderem zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung umstritten. Inzwischen hat der Wahlkampf in Südthüringen eine starke Polarisierung erfahren. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner hatte kürzlich gar geraten, im Wahlkreis 196 Maaßens Kontrahenten Ullrich mit der Erststimme zu wählen - um Maaßen zu verhindern - und die Zweitstimme den Grünen zu geben. Karin Prien (CDU), Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, rief vor ein paar Tagen indirekt dazu auf, für SPD-Bewerber Ullrich zu stimmen. Auf die Frage, ob sie Maaßen wählen würde, wenn sie in dessen Wahlkreis leben würde, sagte Prien: „Ich sag mal so, ich bin von Leistungssportlern immer wieder fasziniert.“ Maaßen fordert deswegen die Abberufung Priens aus dem „Zukunftsteam“ von Unionskanzlerkandidat Armin Laschet, er beklagte zudem: „SPD und Grüne dämonisieren mich als Person und weigern sich, sich mit meinen Positionen inhaltlich auseinanderzusetzen.“ 

 

Maaßen beerbte im Wahlkreis 196 den angestammten CDU-Kandidaten Mark Hauptmann, der im Frühjahr nach Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit Maskengeschäften sein Bundestagsmandat niedergelegt hatte und auch aus der CDU ausgetreten war. Der Ex-Verfassungsschutzpräsident spricht im Wahlkampf von seiner Mission, die AfD zu schwächen und Protestwähler zurückzugewinnen. Die große Frage ist: Wie reagieren die CDU-Wähler in der Mitte? Kurz vor dem Wahltag wird es noch zu einer besonderen Begegnung kommen, in Meiningen trifft Maaßen Thilo Sarrazin, den die SPD unter anderem wegen umstrittener Positionen zur Einwanderungspolitik ausgeschlossen hat.

Und wie steht es im Duell Maaßen-Ullrich? Immerhin, es gab nun einen öffentlichen Handschlag auf einer Bühne. Zu Beginn einer Podiumsdebatte ging der SPD-Mann auf Maaßen zu und begrüßte ihn. 

Güler und Lauterbach – zwei Lebensgeschichten vom Aufstieg 

Der Bundestagswahlkampf 2021 ist rau. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) hat schon einige Erfahrung im Umgang mit Hass- und Hetzbotschaften, aber gewöhnen kann man sich wohl nie daran, und man sollte es auch nicht. Einige besonders böse Botschaften hat er zur Anzeige bringen lassen. „So einen abgrundtiefen Hass, so eine verbale Brutalität, so eine Niederträchtigkeit und Verrohung habe ich bisher noch nicht erlebt. Das ist zutiefst verstörend“, sagte er einmal im Interview mit dem „RND“, und fügte hinzu: „Diese Menschen werden mich nicht zum Schweigen bringen.“

Seine Hauptkonkurrentin im Wahlkreis Leverkusen/Köln IV ist Serap Güler (CDU, 41). Auch die CDU ist Ziel von Attacken, Anfang der Woche haben Unbekannte einen Brandanschlag auf den gemeinsamen Wahlkampfcontainer der vier CDU-Direktkandidaten verübt, es entstand großer Sachschaden. 

Corona-Mahner Lauterbach kann nur noch mit Personenschutz Wahlkampf machen. Seine nahezu ununterbrochenen Mahnungen haben ihn zum Feindbild aller Corona-Skeptiker werden lassen. Unbekannte verübten nahe seiner Kölner Wohnung einen Farbanschlag auf sein Auto, mehrmals wurde er selbst aggressiv angegangen. Dennoch ist er ebenso wie Güler oft auf der Straße unterwegs. „Es gab mehrfach Situationen, die ich ohne Unterstützung durch das Bundeskriminalamt nicht hätte meistern können“, sagte Lauterbach jetzt der dpa. 

 

Sowohl Lauterbach und Güler sind Politiker, die sich nicht leicht unterkriegen lassen. Karl Lauterbach wuchs im rheinischen Oberzier nahe der Kernforschungsanlage Jülich als Kind einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete in einer Molkerei. Trotz sehr guter Leistungen in der Grundschule erhielt er nur eine Hauptschulempfehlung, was er später als eine Diskriminierung aufgrund seiner familiären Herkunft begriff. Dank der Förderung seiner Lehrer schaffte er den Sprung aufs Gymnasium. Der Humanmediziner ist Experte in Epidemiologie, neben der fachlichen Kompetenz ist er auch schlagfertig, dass hat ihn in der Pandemie zu einem Dauer-Gast in TV-Talks werden lassen.

Serap Güler ist NRW-Staatssekretärin für Integration. Sie kann ebenso wie Lauterbach sehr glaubhaft eine Geschichte des sozialen Aufstiegs erzählen. Ihr Vater kam Anfang der 60er Jahre aus der Türkei nach Deutschland, schuftete jahrzehntelang unter Tage. Im vergangenen Mai gab Güler unserer Redaktion ein Interview. Sie wünschte sich damals, dass die Gesellschaft endlich wieder intensiver über Zukunftsperspektiven reden sollte: „Die Menschen sind Corona-müde geworden, viele haben in dieser Krise ganz existenzielle Sorgen. Wenn es um die Bedürfnisse unserer Bürgerinnen und Bürger geht, sollten wir diese also nicht nur aus gesundheitspolitischer Sicht beleuchten. Die Bürger in meiner Heimat erwarten Antworten auf ihre sozialen und wirtschaftlichen Probleme und benötigen mehr als nur einen Medizin-Fachmann.“ Ein Seitenhieb gegen Lauterbach, dem sie noch folgen ließ: „Mein Mann und ich leben in diesem Viertel in einer Wohnung, in der gleich geschnittenen Wohnung gegenüber lebt eine fünfköpfige Familie auf engem Raum – das ist die Lebenswirklichkeit, mit der diese Menschen umgehen müssen.“ 

Lauterbach setzt auf den Sieg im Wahlkreis, da er nur auf Platz 23 auf der Landesliste steht. Ebenso Serap Güler, die als enge Vertraute Laschets gilt. Sie ist seit 2012 Mitglied im CDU-Bundesvorstand. Sollte sie das Direktmandat nicht holen, müsste sie vermutlich noch vier Jahre weiter in Düsseldorf bleiben – ihr Listenplatz wird wohl nicht für Berlin reichen.

Potsdam – die kleine „Bundestagswahl“

Potsdam, 180.000 Einwohner, Hauptstadt Brandenburgs, berühmt unter anderem wegen der Schlösser Sanssouci und Cecilienhof sowie wegen der Filmstudios Babelsberg, erlebt im Bundestagswahlkampf ein Ringen der Promi-Kandidaten. Im Bundestagswahlkreis 61 mit Potsdam und Umgebung treten Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne), Saskia Ludwig (CDU) und die frühere FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg an. Scholz (63) ist in Osnabrück geboren und in Hamburg aufgewachsen, Baerbock (40) ist gebürtige Hannoveranerin, die Brandenburgerin Teuteberg (40) stammt aus Königs Wusterhausen, Ludwig (53) ist gebürtige Potsdamerin. 

In den vergangenen Wochen haben hier Barbock und Scholz mit den Mitwettbewerbern auf Podien gesessen, kennen also nicht nur die Debatte im TV-Triell. Inzwischen wirken sie beinahe schon aufeinander „eingespielt“, sie verstehen sich offensichtlich. Trotz der Belastungen durch den bundesweiten Wahlkampf versuchen sie, oft vor Ort zu sein. 

Ein Wahlanalyseportal hat jedenfalls keinerlei Zweifel mehr, berichtete jetzt die „Potsdamer Neueste Nachrichten“: Der als Direktkandidat startende Vizekanzler wird in Potsdam gewinnen. Das Prognoseportal election.de bewertet die Siegchancen für Scholz im Wahlkreis auf 100 Prozent – Anfang August waren es noch 69 Prozent gewesen. Ende April war das gleiche Portal noch von einer 70-prozentigen Siegeswahrscheinlichkeit für die Grünen-Kanzlerkandidatin ausgegangen – ein Scholz-Sieg wurde damals nur zu 25 Prozent erwartet. 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen