Erstwähler sind für Stimmabgabe gut vorbereitet

Region  18-Jährige aus der Region sprechen über die Bedeutung der beiden Kreuze und die bevorstehende Zeit ohne Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Email

Wer bekommt die Stimmen? Erstwähler in der Region haben in Parteiprogrammen gelesen, um sich für Partei und Direktkandidaten zu entscheiden.

Foto: dpa

Für Hunderte Wähler in der Region ist die Bundestagswahl eine besondere Abstimmung: Als knapp über 18-Jährige dürfen sie das erste Mal mitentscheiden, wer in das Parlament kommt. Bedeutend ist es auch im Hinblick auf die Regierungsspitze: Die Erstwähler kennen nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin, ihre Vorgänger nur vom Hörensagen.

Keine Bundeskanzlerin Merkel mehr - Erstwähler sprechen von "komischem Gefühl"

Eine Bundesregierung ohne Angela Merkel als Chefin? "Das ist schon seltsam", sagt die 18 Jahre alte Chiara Haaf aus Bad Friedrichshall-Duttenberg. "Ich kann mich an niemanden sonst erinnern." Es geht dabei ja nicht um eine x-beliebige Frau. Angela Merkel sei durch ihr Amt eine repräsentative Person, "sie hat Bedeutung". Bald steht sie nicht mehr an der Spitze der Regierung. "Es ist ein komisches Gefühl." Die Duttenbergerin will diesen Sonntag ihre beiden Kreuze im Wahllokal setzen. "Das ist mir wichtig." Bedenken wegen Corona hat sie nicht. Dort könne man eine Maske tragen und Abstände wahren.

Die Entscheidung bei der Erststimme fiel schwer

Die Entscheidung, wer die Zweitstimme bekommt, sei relativ einfach gewesen. Chiara Haaf informierte sich über die Parteien, machte den Wahlomat und erhielt dabei ein Ergebnis, das relativ deckungsgleich mit ihrer Entscheidung war. Der Klimaschutz ist für sie wichtig. Zuletzt hätten die Politiker nicht den richtigen Weg eingeschlagen, bedauert sie.

Deutlich schwieriger war es für die Duttenbergerin, sich bei der Erststimme für einen Direktkandidaten oder eine Direktkandidatin zu entscheiden. "Das sind Leute, die man seltener kennt. Über Parteien weiß man mehr", sagt Chiara Haaf.

Erstwähler schnappte sich sogar Wahlprogramme

Um die richtige Entscheidung zu treffen, hat Kevin Biringer auch Wahlprogramme der Parteien gelesen. "Der Umweltschutz ist für mich nicht an Position eins, aber steht mit oben auf der Liste", sagt der Untereisesheimer. Der 18-Jährige macht sich Gedanken, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Für ihn ist die Stimmabgabe ein besonderer Moment. "Es ist ein gutes Gefühl, dass wir mitbestimmen dürfen." Nach der Bundestagswahl endet die Ära Merkel. Jemand anderes wird die Regierungsgeschäfte leiten, "das ist ungewohnt", sagt Kevin Biringer. "Das ist die erste Änderung, die wir bewusst miterleben."

Der Untereisesheimer geht ins Wahllokal, weil es sein Vater auch so macht. Sein Bekannter Nino de Bortoli setzte Kreuze per Briefwahl; ein Tipp von dessen Vater. "Dann kann man sich mehr Zeit nehmen." Mit dem Klimaschutz müsse man sich befassen, findet zwar der 18-Jährige aus Neckarsulm-Amorbach. "Aber die Rente ist für uns auch wichtig."

Bei Wahlentscheidung spielen viele Faktoren eine Rolle

Viele verschiedene Faktoren flossen in Nino de Bortolis Entscheidung mit ein, auch Debatten im Fernsehen schaute er an. "Es hilft", sagt er, "wenn man die Kandidaten sieht und hört, was sie ändern wollen." Häufig wird darüber diskutiert, ob Jugendliche schon ab 16 bei den Wahlen zum Bundestag mitentscheiden dürfen. "Ich halte das für keine gute Idee", sagt Nino de Bortoli. Er denkt an sich zurück, als er in dem Alter war, und an die heute 16-Jährigen. "Ich glaube nicht, dass die eine seriöse Wahl abgeben."

Für Marcel Dlouhy zählen soziale Gerechtigkeit, Bildungspolitik und Innovationsfragen zu den Punkten, von denen er seine Wahlentscheidung abhängig machte. Auch der Klimaschutz sei wichtig, sagt der 18-Jährige aus Lehrensteinsfeld. Er las Wahlprogramme und geht am Sonntag ins Wahllokal. "Diese Gelegenheit will ich mir nicht entgehen lassen." Als 18-Jähriger wählen zu dürfen, sei ein "gutes Gefühl". Der Erstwähler sagt: "Ich kann mit meiner Stimme etwas bewirken."

Philip Quintes aus Obersulm verpasst die Bundestagswahl um wenige Wochen, erst Ende Oktober wird er volljährig. "Das ist schon ärgerlich", sagt der 17-jährige Obersulmer. Aber bei irgendeinem Alter müsse man halt die Grenze ziehen, zeigt er Verständnis für die Regeln. Obwohl er nicht wahlberechtigt ist, hat er Zusammenfassungen von Parteiprogrammen gelesen und die Diskussionen im Fernsehen gesehen. "Das war aufschlussreich." Angela Merkel zieht aus dem Bundeskanzleramt aus. "Das ist schon etwas Besonderes", sagt Philip Quintes. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin stünden unter Druck. "Angela Merkel hat als erste Frau im Bundeskanzleramt ordentlich vorgelegt."

 

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen im nördlichen Landkreis Heilbronn, vor allem aus den Städten Neckarsulm, Möckmühl und Neudenau.

Kommentar hinzufügen