Die Qual der Wahl: Wie Helfer in Hohenlohe für einen reibungslosen Ablauf arbeiten

Hohenlohe  Ohne ihr Tun würde bei der Bundestagswahl gar nichts funktionieren: Wir stellen zwei Helfer und deren Job im Porträt vor.

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Die Wahlkisten für die Wahlhelfer sind gepackt. Frank Stransky zeigt, was drin ist. Der 58-Jährige organisiert die Bundestagswahl in Öhringen. Größter Unterschied diesmal sind die vielen Briefwähler.

Foto: Reichert

Wie oft Günter Fiebiger die Urne schon aus dem Keller geholt hat? Er weiß es selbst nicht so genau: "Ich bin schon lange dabei, kann mir nicht vorstellen, dass ich mal eine Wahl verpasst hätte", sagt der 56-Jährige. Seit 1986 arbeitet der Sachbearbeiter fürs Hauptamt und den Bauhof der Gemeinde Kupferzell - und altgedienter als Fiebiger sind nur die Urnen. Mit denen wurde dereinst schon Helmut Kohl ins Amt befördert. Denn: "Als ich kam, waren die schon im Einsatz." Mittlerweile ist Fiebiger längst Wahlvorstand. Bei der Wahl zum Deutschen Bundestag im "Wahlbezirk 2" der Kommune. Auch schon "mindestens zum fünften oder sechsten Mal".

Dieses Wochenende der Bundestagswahl hält für ihn nur wenige Ruhepunkte parat: Allenfalls am heutigen Samstag kann er etwas ausspannen. Der gestrige Freitag begann mit der Schlepperei: Die zwei Wahllokale der Gemeinde im Rathaus und der Carl-Julius-Weber-Halle müssen ihre Urnen, Wahlkabinen und Tische bekommen. Gestern Abend war Fiebiger dann zusammen mit rund 30 weiteren Menschen bei der Wahlschulung, wo den Helferlingen nochmals alle rechtlichen Details des morgigen Wählervotums nahegebracht worden sind.

Fahne hissen und Plakate checken

Der Wahltag selbst beginnt für den Hauptorganisator des örtlichen Urnengangs dann auch früh: Denn die Fahne mit den Bundesfarben sollte bis spätestens 7.15 Uhr hängen. "Dann bringen wir im Gebäude noch Hinweise an, so dass die Leute auch ins Wahllokal finden", erzählt Fiebiger. Und: "Wir müssen schauen, dass keine Wahlplakate im Umfeld des Gebäudes hängen." Diese unzulässige Form der Wahlbeeinflussung sei durchaus auch schon vorgekommen: "Bei der jüngsten Landtagswahl musste ich einige Plakate abhängen." Bevor die Wahllokale um 8 Uhr öffnen, muss der Wahlvorstand dann auch noch die Helfer auf ihre Pflichten vereidigen.

Sein Job danach? "Ich bewache quasi die Urne", lacht Fiebiger, der überdies freilich auch alle Abläufe im Wahllokal beaufsichtigt. Dass keiner der Freiwilligen in Ausübung des für die Demokratie so wichtigen Ehrenamts hungern muss - dafür sorgen die Butterbrezeln. Auch die hat Fiebinger zuvor organisiert. Schichtwechsel im Wahllokal gibt es zwischendrin auch noch.

Wenn um 18 Uhr alle Stimmen eingetütet sind, geht es ans Auszählen. Doch während für die Kandidaten der Parteien der Kampf dann zu Ende und entweder Feiern oder Fluchen angesagt ist, geht es bei Fiebiger ruhig aber stetig weiter: Das Ergebnis wird persönlich ins Rathaus gebracht, wo es dann per PC ans Landratsamt übermittelt wird. Und auch am Montagmorgen hat das Wahlwochenende für Fiebiger und seine Helfer noch kein Ende: Denn Tische, Wahlkabinen und Urnen wollen wieder in ihre Gruft im Keller verfrachtet werden. Bis zum nächsten Mal - und bis zur nächsten Wahl.

Im Ordnungsamt geht es ordentlich rund

Wie viele Stunden, Tage, ja Wochen er schon mir der Organisation von Wahlen verbracht hat? Frank Stransky denkt nach, holt tief Luft und rollt die Augen: Oh je, das könne er beim besten Willen nicht sagen. Es muss aber einiges zusammen gekommen sein, schließlich ist er seit 1994 im Ordnungsamt Öhringen damit beschäftigt. So auch diesmal, bei der Bundestagswahl.

Eines ist diesmal aber ganz anders: Es gibt so viele Briefwähler wie noch nie. Das wirkt sich nicht nur auf die Vorbereitung aus, sondern auch auf die Auszählung am Wahltag. "Allein 26 Leute sind damit am Sonntag in unserem Briefwahlbezirk beschäftigt." Hinzu kommen 24 allgemeine Wahllokale in der Stadt, für die jeweils acht Wahlhelfer besorgt werden mussten. Das macht in der Summe 218 Frauen und Männer in 25 Wahlbezirken. Und die zu finden werde immer schwerer. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie, sondern auch deshalb, weil diese Tätigkeit für viele mehr Last als Lust bedeutet: "Früher war es eine Ehre, Wahlhelfer zu sein. Da war man stolz drauf und angesehen, dies zu tun", sagt der 58-Jährige. "Heute wird man am Stammtisch schon mal verseckelt, wenn man sagt, man sei zum Wahlhelfer berufen worden."

Hinzu kommt, "dass die meisten Menschen beruflich so eingespannt sind, dass sie am Wochenende ihre Ruhe wollen." Ein Wahlhelfer kann Beschäftigter einer Kommune sein oder muss in der Kommune wohnen. "Die meisten rekrutieren wir mittlerweile aus unserer Verwaltung." Stransky taxiert das Verhältnis auf zwei Drittel zu ein Drittel. Die Flut an Briefwählern stellten Stranskys Team auch vor logistische Herausforderungen. Das fängt bei der Bestellung der Briefwahlumschläge an und hört bei der Order der Stimmzettel auf. Dies ins richtige Verhältnis zu setzen und sowohl vorher als auch am Wahltag genügend Material zu haben, ist gar nicht so einfach. "Da darf man sich nicht verzocken." Denn nichts wäre schlimmer, als einmal mit leeren Händen dazustehen.

Am Wahltag selbst sitzt Stransky schon ab 6.30 Uhr in seinem Büro. Bis spät abends hält er dort die Stellung und ist Ansprechpartner für alle Fragen, die aus den Wahllokalen kommen. Gegen Mittag geht er selbst wählen, im Wahlbezirk HGÖ. "Da frage ich dann natürlich auch vor Ort, ob alles glatt läuft." Bei der Auszählung gehe "Genauigkeit vor Schnelligkeit". Um 20.30 Uhr sollte die Stadt Öhringen ihre Ergebnisse ans Landratsamt gemeldet haben. Wegen der vielen Briefwähler könne es aber später werden. "Das ist unsere Achillesferse." Bis Mitternacht müssten die Wahlergebnisse dann noch geprüft und am Montagvormittag in der Kreiszentrale abgegeben werden. Dann wartet schon wieder die andere Arbeit, die auch nicht weniger wird. Vor allem Corona schlaucht ganz schön. Dazu zwei Wahlen in einem Jahr: 2021 wird Stransky so schnell nicht vergessen.

 

Christian Nick

Christian Nick

Autor

Christian Nick ist Redakteur bei der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung. Schwerpunktmäßig betreut er die Kommunen Kupferzell, Neuenstein und Waldenburg – schreibt aber auch über alles andere gerne.

Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen.

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