Neue Lidl-Kultur: Vertrauen statt Angst

Heilbronn  Vor kurzem hat Lidl offiziell das Du eingeführt. Jetzt will das Unternehmen Apple oder Google auch die besten Absolventen streitig machen. Im Zelt im Heilbronner Wohlgelegen läutete Lidl eine neue Zeitrechnung ein.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger
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Lidl hatte am Dienstag rund 5000 Mitarbeiter in ein riesiges Zelt im Heilbronner Industriegebiet Wohlgelegen eingeladen. Foto: Lidl

Das Du ist bei Lidl mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Es ist mehr als ein Symbol für flache Hierarchien. Jetzt hat sich das Handelsunternehmen neue Führungskultur gegeben. Vor 5000 Mitarbeitern aus den Neckarsulmer Zentralen und Führungskräften aus ganz Deutschland und Europa hat Vorstandschef Sven Seidel in dem guinnessbuchrekordverdächtigen Zelt an der Heilbronner Hafenstraße eine neue Ära eingeleitet. Das Motto: Wir sind Lidl.

Angst als Führungsinstrument? Das war gestern. Gemeinsam mit Lidl-Personalchefin Christine Rittner hat Seidel fünf Führungsgrundsätze formuliert, die das Zusammenarbeiten auf eine neue Basis stellen sollen. Als „Spielertrainer“ sollen die Führungskräfte arbeiten, nicht von der Seitenlinie aus. Mit offener, klarer und fairer Kommunikation. Und mit einem positiven Menschenbild. „Wir glauben, dass alle Mitarbeiter das Beste für das Unternehmen wollen.“

Mehr Vertrauen für die eigenen Mitarbeiter

Kontrollen? Wird es weiter geben, sagt Seidel – aber im Geist des Ver- und nicht des Misstrauens. Keine Zukunftsmusik soll das sein. „Im Vorstand leben wir das schon. Am Mittwoch sind die Bereichsvorstände da und die Länderchefs. Da gilt das schon.“ Von etwa 5000 Mitarbeitern hat Seidel die neue Zeitrechnung eingeleitet. Und alle dazu aufgefordert, Fragen zu stellen. „Es gibt im Unternehmen viel zu viel vorauseilenden Gehorsam“, sagt er. Tosenden Applaus gibt es. Und Standing Ovations.

Wie groß, wie krass der Wandel ist, das machte Seidel in den vergangenen Wochen immer wieder an einer Anekdote deutlich. Kurz nach der Einführung des Du – wir berichteten – habe sich ein leitender Mitarbeiter an ihn gewendet. „Herr Seidel, gibt es da noch eine Richtlinie?“, habe er gefragt. „Eine E-Mail?“ Nein, sei seine Antwort gewesen. Keine Vorschrift. Keine Dienstanweisung: Auch Verantwortung wird bei Lidl jetzt delegiert – und Vertrauen.

Versprechen an die Mitarbeiter

Dann erzählt er, wie er seit seinem Amtsantritt mit dem neu formierten Team daran arbeitet, die hierarchischen Silostrukturen im Unternehmen aufzubrechen. Schneller und direkter soll das Unternehmen werden, besser auf die großen Herausforderungen des Marktes reagieren können.

Ist das alles ein Märchen? Und was sagt der Klaus dazu? Klaus Gehrig, der Grandseigneur von Lidl, der seit 40 Jahren dabei und für seine harte Hand bekannt ist. Seit kurzem ist er Chef der Schwarz-Gruppe. Der Stachel im Fleisch des Managements. Mit welchem Ziel? Seine Aufgabe sei, dafür zu sorgen, dass die Vorstände auf der Bühne dieses Versprechen an die Mitarbeiter auch einlösen. Und das wird er auch tun, daran lässt der nicht gerade für seine Geduld bekannte Gehrig keinen Zweifel.

Lidl will attraktiver sein als Google, Apple oder Amazon

Für viele jüngere Mitarbeiter ist es das erste Mal, dass sie Gehrig erlebt haben. Und auch den gesamten Lidl-Vorstand auf einer Bühne. Erst lachen sie, als Sven Seidel das Ziel vorgibt, dass Absolventen in fünf Jahren nicht mehr zu Apple, Google oder Amazon gehen wollen sollen – sondern zu Lidl. Aber sie merken es: Der meint das ernst. Viele von ihnen gehören der Generation Y an, der Sven Seidel den Weg ins Unternehmen bahnen will, die ganz andere Ansprüche an die Arbeitswelt hat als die alte Garde. Das Einlassticket mit dem Aufdruck „Wir sind Lidl“ wird zum begehrten Selfie-Motiv. Kein Wunder: Der Altersdurchschnitt der Neckarsulmer liegt bei Anfang 30.

Etwa eineinhalb Stunden spricht Seidel – er stellt die Eckpfeiler der Unternehmensstrategie vor samt Bekenntnis zum Discount, zur Qualität, zur Wachstumsstrategie. Danach beginnt in der Zeltstadt die Party. Gesprächsstoff haben die 5000 genug. Und der Vorstand? Ist mittendrin. Immer wieder tauchen Gesichter auf, die eben noch auf der Bühne saßen. Auch das ist für viele Lidl-Leute eine neue Erfahrung. Auf dem Namensschild – der Vorname.