Eine regionale Bilanz zum Frauentag

Region  Sexismus, Bezahlung, Macht: Wie es am heutigen Frauentag um die Geschlechtergleichheit in der heimischen Wirtschaft steht.

Von Manfred Stockburger
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Audi, Schwarz und Würth: Die drei mit Abstand größten Arbeitgeber in der Region haben Personalchefinnen, die Industrie- und Handelskammer eine Hauptgeschäftsführerin, die AOK eine Chefin und die Stadt Heilbronn sogar schon seit dem Jahr 2000 Bürgermeisterinnen. In der evangelischen Kirche gibt es nicht mehr nur Pfarrerinnen, sondern in Hohenlohe bereits die zweite Dekanin. Am heutigen internationalen Frauentag stellt sich entsprechend die Frage: Ist die Gleichberechtigung erreicht? Die Antwort fällt gemischt aus.

 

  • Topmanagement: Noch immer sind Frauen in den Vorstandsetagen selten, sieht man vom Sekretariat ab. Und wenn, dann geht es häufig um weiche Ressorts wie Personal. Ingenieurinnen in leitender Stellung oder Justiziarinnen sind nach wie vor eine Seltenheit in der regionalen Wirtschaft. Aber dennoch: Beim Management hat sich im Vergleich zu vor zehn Jahren eine Menge getan in Sachen Gleichberechtigung.

    Spätestens seit die Quote droht, haben viele Konzerne nach Frauen für ihre Aufsichtsräte Ausschau gehalten. Dabei haben sie dankbar festgestellt, dass häufig die Arbeitnehmerseite bei der Erfüllung der Quote mithilft: Bei Bechtle sind mit Daniela Eberle und Barbara Greyer schon seit 2003 zwei Arbeitnehmer-Vertreterinnen im Aufsichtsrat, die Heilbronner Verdi-Chefin Marianne Kugler-Wendt gehört dem Aufsichtsrat der EnBW seit 2005 an.
     

  • Beschäftigungsquote: In der Region waren 2014 – aktuellere Zahlen gibt es beim Statistischen Landesamt nicht – 57,7 Prozent der Männer und 47,2 Prozent der Frauen erwerbstätig. Die Frauenerwerbsquote ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Allerdings betrifft dies nicht in erster Linie Positionen im Topmanagement: Dass die IHK in ihrer Statistikbroschüre das Thema Handel mit Fotos von Frauen und die Baubranche mit Männern illustriert, ist kein Zufall.

    Gleichzeitig bietet sich ein differenziertes Bild, wenn die Statistiker die Zahl der Kinder mit in Betracht ziehen. Arbeiten 92 Prozent der Baden-Württembergerinnen zwischen 30 und 35 Jahren, sinkt diese Quote bei Müttern eines Kindes auf 75 Prozent. Bei zwei Kindern fällt die Quote auf 54 Prozent. Eine Väter-Statistik gibt es nicht. Gleichzeitig steigt die Zahl der Frauen in Teilzeitjobs an – nicht nur bei den Müttern. Bei Frauen ohne Kinder stieg die Teilzeitquote im Land zwischen 2010 und 2015 von 29 auf 38 Prozent.
     

  • Bezahlung: Zehn Tage nach dem Frauentag steht der Equal Pay Day im Kalender, der 2017 im zehnten Jahr begangen wird. Er soll den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied markieren, der laut Statistischem Bundesamt aktuell 21 Prozent beträgt. Die ersten 77 Tage arbeiten Frauen demnach umsonst, wenn man den gleichen Stundenlohn zugrundelegt – weshalb der Equal Pay Day häufig in der Kritik steht. Ein Grund für den großen Geschlechterunterschied auf dem Gehaltszettel ist die hohe Teilzeitquote.
     

  • Kinderbetreuung: Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren – vor allem auf Druck der Wirtschaft, für die Frauen als Arbeitskräfte angesichts des Fachkräftemangels zunehmend zu einer Ressource werden. Eine gute und verlässliche Kinderbetreuung gibt Frauen die Möglichkeit, früher an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Doch da gibt es große Unterschiede zwischen Städten und ländlichem Raum: Abseits der Zentren sind die Angebote hier deutlich dünner. Dass die Landesregierung auch in der Region eine Kontaktstelle Frau und Beruf finanziert, die sich um Wiedereinsteigerinnen kümmert, ist ein Indiz, dass auch die Politik Handlungsbedarf sieht.
     

  • Bedingungen: Dass Sexismus nach wie vor an der Tagesordnung ist, hat US-Präsident Donald Trump mit diversen Äußerungen, die im wahrsten Sinne des Wortes unter der Gürtellinie waren, bewiesen. Was für viele Beschäftigte im Alltag ebenso schwer wiegt, gerade in typischen Frauenberufen, sind oftmals prekäre, wenngleich legale Bedingungen: willkürliche Schichteinteilung, Arbeit auf Abruf – und häufig niedrige Löhne. Um den Wettbewerb nach unten zu begrenzen, werden im Einzelhandel Rufe nach einer Allgemeinverbindlichkeitserklärung laut.