Faust I

Heilbronn - „Faust I“ als erotisches Märchen im Großen Haus des Stadttheaters

Von Claudia Ihlefeld
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Lichtgestalt Gretchen (Judith Raab), zwielichtiger Faust (Nils Brück), Fabelwesen mit Hasenohren (Gabriel Kemmether) und Mephisto (Till Schmidt).Foto: Studio M 42

Heilbronn - Was die Welt im Innersten zusammenhält? Die Frau, ihr Schoß? Wie blind muss einer sein, in die Hölle zu fahren - nur für die kurze Verlängerung des vielzitierten Augenblicks, der verweilen möge, weil er so schön ist?

Alejandro Quintana hat seine Rostocker Inszenierung von 2007 für das Theater Heilbronn aufgefrischt und versteht Goethes „Faust“ als Reduktion auf die Erotik als die Triebfeder menschlichen Lebens und Untergangs. Ein Bilderbogen mit verführerischen Effekten, der nach der Pause sehr auf vordergründige Wirkung schielt und mit Gretchens Wahn pathetisch endet.

Wie ein räudiger Hund Faust, der klassische deutsche Mythos, ist bereits bei Goethe ein Antiheld der Moderne. Ein egomaner Papiertiger, bettelnd wie ein Kind, herrisch, sexuell bedürftig wie ein räudiger Hund. Und ein Krimineller. Die Kehrseite seines nach Wissen und Wahrheit strebenden Wesens ist Mephisto, der Geist der stets verneint und Alter Ego von Heinrich Faust. Das Faszinierende an Goethes Bearbeitung des überlieferten Stoffes: Fausts an Schizophrenie grenzende Gespaltenheit. Und die Erweiterung des Stoffes um die Gretchen-Tragödie: Ein minderjähriges, süßes Mädel, hinreichend naiv, wird verführt, schwanger, fallengelassen, zur Mörderin ihrer Mutter, des eigenen Kindes, landet im Kerker, wird verrückt.

Schauspielchef Quintana erzählt Fausts Dilemma über die Grenzen menschlicher Erkenntnis als Tragikomödie. Poesie und Trash, Slapstick, nachdenkliche und düstre Momente wechseln sich ab. Quintana lässt es krachen auf der Bühne von Falk von Wangelin (Konzept) und Heiko Pfützner (Realisation). Und er mag wie bei seinen anderen stilisierten Inszenierungen auf die Wirkung von Sonne, Mond, Licht und Fabelwesen nicht verzichten. Eine ästhetisierende Handschrift, die Gefahr läuft, Masche zu werden.

„Was glänzt, ist für den Augenblick geboren“, räsoniert Manuel Rivera als Goethe, der dem Dichter eine wohl dosierte ironische Distanz verleiht. Der feine Auftakt zu dem mit Pause gut zweieinhalbstündigen Abend reflektiert Goethes raffinierte Dramenstruktur, sein öffentliches Nachdenken über Theaterdichtung und ihre publikumswirksame Darbietung. Und schließlich die Wette zwischen dem Herrn und Mephisto: der Kuhhandel mit Gott, Fausts Seele soll dem Teufel gehören, wenn es ihm gelingt, den Doktor vom Weg abzubringen.

Zwielichtiger Verführer Der Faust von Nils Brück, fahrig, heruntergekommen mit Intellektuellenbrille und schmieriger Frisur, ist von Anfang an der Verlierer und pathetisch Scheiternde. Selbst, wenn er die Muskeln spielen lässt, sein zwielichtiger Verführer ist einer, der an sich selbst scheitert. Till Schmidts Mephisto in orangefarbenen Lackschuhen zum Karottenhaar ist ein Zauderer, der sich nicht recht freuen mag über seine destruktive Energie.

Auch die schrille Sylvia Bretschneider als Hexe und Marthe macht keinen Schnitt. Wie später Gretchen spielen hier alle ihr Endspiel, immer wieder unterbrochen von teils subtilem Humor, aber auch von flachem Witz. Ein Regiegriff, der dem Abend nach und nach seine Kraft nimmt. Hexenküche, Auerbachs Keller, Walpurgisnacht - die Bilder sind so üppig, als wollten sie den Beweis antreten: „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren.“

Judith Raabs Margarete ist als Marilyn-Monroe-Zitat sowohl Unschuld vom Lande als auch eine Sünde wert - und bekommt keine Zeit, die Gretchen-Tragödie nachvollziebar zu entwickeln. Quintana jagt die Figuren über die Bühne, vom Kalauer zum Betroffenheitspathos, bis das Gretchen mit dem entsetzten Ausdruck einer Käthe-Kollwitz-Figur sich Gott empfiehlt.

Nächste Vorstellungen: 14., 15., 18. Juli, 19.30 Uhr, Großes Haus.