Als die Menschen in Höhlen ausharren mussten

Die Zerstörung Löwensteins in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges jährt sich zum 60. Mal - Fünf Zeitzeugen erinnern sich

Von Anja Kemmler

 

Die Zeitzeugen Doris Krenz (von links), Maria Siegele, Johannes Siegele, Esther Friedrich und Ruth Lindemann blättern im Heimatbuch. Als junge Menschen haben sie die Zerstörung miterlebt.
Doris Krenz ist zehn Jahre alt, als ihre Mutter sie und die Schwester am 14. April 1945, einem Samstag, an die Hand nimmt, Wein, Brot sowie einige Büchsen Wurst in den Leiterwagen packt und zur Lumpenlochhöhle bei der "Platte" marschiert. Dort suchen die drei Schutz. "Es hatte nämlich jemand zu uns gesagt: ,Heute wird's kritisch'."

Das wird es in der Tat: Drei Angriffe - den ersten gegen 13 Uhr - fliegen die Amerikaner auf das exponiert gelegene Löwenstein, wo noch deutsche Flakgeschütze stationiert sind. Drei Angriffe, bei denen - so die Ortschronik - neun Menschen sterben, 95 von 130 Gebäuden vernichtet werden und 170 Familien ihr Obdach verlieren. Es kracht, es brennt, es donnert. Ein Ort versinkt in Schutt und Asche.

Johannes Siegele weiß noch, wie er - 26-jährig und eben als Soldat in Russland entlassen - mit einem Freund kurz vor den Angriffen die Sitze aus einem Bus montiert und in die Hofackerhöhle schafft. Man ahnt, dass dem Städtchen etwas bevorsteht. Auch wenn die Amerikaner in diesen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs schon in Weinsberg stehen - "eine weiße Fahne durften wir ja nicht hissen", erinnert sich Doris Krenz. "Der NSDAP-Ortsgruppenleiter sagte: ,Wer das tut, wird erschossen'." In der Hofacker- und der Lumpenlochhöhle suchen hunderte Menschen Schutz - erst vor den Flugzeugen, dann, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben. Auch aus Angst vor der US-Artillerie, die vom Tal her näher rückt.

Löwenstein nach den Angriffen am 14. April 1945. Ganz rechts hinten das Freihaus.
Das Leben in den Höhlen ist hart: "Mit dem Taschenmesser haben wir eine Kuh geschlachtet", erinnert sich Johannes Siegele (86). Danach gab's Fleischbrühe. Ruth Lindenmann, damals ein Mädchen von 15 Jahren, heute 75, weiß noch: "Nachts sind wir raus, um unsere Geißen zu melken. Die waren am Schlossberg angebunden."

Als die Kerzen in den Höhlen ausgehen, wissen die Menschen: Der Sauerstoff wird knapp. Grüppchenweise gehen sie kurz nach draußen, um frische Luft zu schnappen. "Das war sehr gefährlich", sagt Maria Siegele, damals 20 Jahre alt, und Schwester von Johannes Siegele. Der anderen Schwester, Esther Friedrich, fällt wieder ein, wie es gelang, eine Geiß zur Höhle zu schaffen und warum: "Mit der Milch wurden die Kleinkinder gefüttert." Weil das Wasser knapp ist, werden sie mit Wein gewaschen, ist im Heimatbuch nachzulesen.

Geheult und gejammert angesichts der Zerstörung hat kaum jemand, sind sich die fünf Rentner einig. Dafür sei keine Zeit gewesen. "Man musste gucken, wo man bleibt und wo man was zu essen herbekommt." Ruth Lindenmann sagt: "Später, als die Angst weg war, war's für die Kinder in den Höhlen eine Art Abenteuer." Wie andere junge Männer auch, muss Johannes Siegele auf Befehl der Amerikaner, die am 17. April das Bergstädtchen besetzen, im Kreis um eine Panzersperre gehen. "Die Amis wollten wissen, ob sie vermint ist." Sie ist es nicht.

Einige Tage harren die Menschen unter Tage aus. Viele kommen dann fürs erste in Lichtenstern unter oder rücken in den noch stehenden Häusern eng zusammen. Johannes Siegele schmunzelt: Die Löwensteiner seien sich nicht immer grün gewesen. "Aber als es hart auf hart kam, hielten sie zusammen."

InfoMorgen, 19 Uhr, findet in der Stadtkirche ein Gedenkgottesdienst statt.