Unschlagbar beim Boot-Wettrennen

Wüstenrot - Sie durften Eis essen, so viel sie wollten und Boot fahren, so lange sie wollten. Sie schnupperten viel Freiheit, verbrachten die Sommer draußen in der Natur.

Von Sabine Friedrich

Unschlagbar beim Boot-Wettrennen
Die "Seele" des Badegewässers: Wilhelm Lang (links) mit seiner Frau Elisabeth, Sohn Alfred und einem Gast im Biergarten etwa im Jahr 1963.Fotos: privat

Wüstenrot - Sie durften Eis essen, so viel sie wollten und Boot fahren, so lange sie wollten. Sie schnupperten viel Freiheit, verbrachten die Sommer draußen in der Natur. Das Freizeitparadies ihrer Kindheit war für die Geschwister Lang auch mit Pflichten verbunden. "Wir bücken uns heute noch, wenn wir ein Papierle liegen sehen", sagt Christa Lang-Kemppel lachend. Müll einsammeln, Flaschen sortieren, Kisten schleppen, Park- und Bootsgebühren kassieren, das waren die Aufgaben der Kinder im Familienbetrieb Finsterroter See.

Statt mit der Mühle, die er 1956 im Zuge der großen Rezession dieser Branche aufgegeben hatte, wollte Müller Wilhelm Lang den Lebensunterhalt für seine Familie mit dem aufkommenden Freizeitbedürfnis der Menschen nach der Zeit des Wiederaufbaus bestreiten. "Es war ein großes Risiko", merkt Lang-Kemppel (54) an. Aber: "Das Geschäft ist relativ schnell und gut angelaufen."

Trinkhalle

Es sei eine großartige Geschichte gewesen. 1959 wurde die hölzerne Trinkhalle errichtet. Wilhelm Lang baute einen Steg, kaufte eine Handvoll Boote. "Das Holzhäusle musste wegen der Konzession so heißen", weiß die Mittlere der Lang-Geschwister. Als Kind habe sie sich wegen der Bezeichnung Trinkhalle, die in großen Lettern am Giebel prangte, fast schon geschämt. Es wurde auch draußen bewirtet. Und weil es zu Beginn am See weder Strom noch Wasser gab, wurde eine runde Gefriertruhe mit Trockeneis aufgestellt, um Getränke und Stangeneis zu kühlen.

Trubel
 
"Es waren mehr als 1000 Leute da. Die Wiese war komplett belegt", erinnert sich Helga Lang an Wochenendtage mit herrlichem Sommerwetter. "Im Ort gab es keinen Platz mehr, wo man hätte das Auto abstellen können", erzählt die 57-Jährige. "Der Ort war dagegen", weiß ihr Bruder Alfred (49), der die Finsterroter Mühle geerbt hat, dass der Trubel nicht jedem Einwohner schmeckte.

Die Ausflügler aus der Region packten den Grill aus, schlugen Zelte auf, mieteten für 1,50 Mark die halbe Stunde ein Ruderboot, erfrischten sich beim Sprung ins Wasser. "Das war noch vor der Zeit, als es über die Alpen ging", sagt Lang-Kemppel, bevor Freibäder gebaut und der Breitenauer See Ende der 80er Jahre immer mehr Publikum aus dem Wüstenroter Teilort abzog.

Die See-Idylle am Waldrand diente nicht nur als Postkartenmotiv, sondern auch dem Neckarsulmer Autobauer NSU in den 60er Jahren als Kulisse für die Modellpräsentation des Prinz. Auch davon gibt es noch Aufnahmen.

"Wir wollten nie gehen, weil es so lebendig war", war nicht nur das älteste Lang-Kind enttäuscht, wenn es mit den Geschwistern abends nach Hause zu den Großeltern geschickt wurde. "Wir haben irrsinnig viele, interessante Menschen kennengelernt. Die haben unseren Horizont erweitert", sagt Christa Lang-Kemppel. "Wir waren am Puls der Zeit." Für ihre Schwester Helga bleibt auch eines in Erinnerung: Ihr Klassenlehrer grub mit, um Wasser- oder Stromleitungen zu verlegen.

Schwimmen

Da sie vom 1. Mai den Sommer über quasi am See lebten, konnten die Langs natürlich früh schwimmen. Und rudern. "Wir haben mit der Dorfjugend Wettrennen veranstaltet − und immer gewonnen", sagt Lang-Kemppel mit spitzbübischem Lächeln. Schließlich wusste das Trio, welches Boot am schnellsten war: das schlankste. "Und welche die besten Paddel", ergänzt ihr Bruder, der nach dem Tod des Vaters 1984 noch vier Jahre mit der Mutter den Seebetrieb führte. Danach wurde das Gewässer verpachtet. Christa Lang-Kemppel ließ übrigens nicht nur Boote zu Wasser. Sondern als etwa Sechsjährige auch den "geheiligten" Ford 17 M ihres Vaters. Sie sollte im Auto auf ihn warten und fing an, herumzuspielen, und da machte sich der Wagen selbstständig. Das Malheur war schnell behoben, ein Gast der Trinkhalle holte seinen Traktor und zog das Fahrzeug heraus. "Nein, es gab keine Schelte. Das Wasser ist rausgelaufen, und gut war"s", erzählt die damals junge "Fahrerin".

Unschlagbar beim Boot-Wettrennen
Für viele Erholungssuchende ging"s Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger noch nicht nach Rimini, sondern nach Finsterrot zum Zelten.
Unschlagbar beim Boot-Wettrennen
Touristen und Einheimische konnten Grüße vom Naturdenkmal verschicken. Es gab immer wieder Postkarten, diese stammt von Anfang der 70er Jahre.
Unschlagbar beim Boot-Wettrennen
Christa Lang-Kemppel (von links), Helga und Alfred Lang heute am See. Seit dieser Saison gibt es eine Sandbucht, einen Spielplatz und wieder Boote.Foto: Friedrich