Tanzschuhe für die Pedale

Obersulm - Johannes Brenner hat einen eigenen Schlüssel für die Wendelinskirche in Obersulm-Eschenau. Zwei- bis dreimal in der Woche nutzt der 18-jährige Gymnasiast sein Privileg.

Tanzschuhe für die Pedale
Mehrmals in der Woche übt Johannes Brenner auf dem Instrument in der Eschenauer Wendelinskirche. Es ist 131 Jahre alt, hat 14 Register, 738 Pfeifen aus Holz und Metall und zwei Kastenblasebälge.Foto: Gustav Döttling

Obersulm - Johannes Brenner hat einen eigenen Schlüssel für die Wendelinskirche in Obersulm-Eschenau. Zwei- bis dreimal in der Woche nutzt der 18-jährige Gymnasiast sein Privileg. Auf der Orgelempore zieht er seine schwarzen Tanzschuhe an und übt auf der 131 Jahre alten Schäfer-Orgel Kirchenlieder und Choräle für die Sonntagsgottesdienste. "Den Geheimtipp mit den Tanzschuhen hat mir mein Orgellehrer Gerhard Frisch gegeben", erklärt der junge Organist der evangelischen Kirchengemeinde. Tanzschuhe seien schmaler und man könne die Pedale der Orgel besser bedienen.

Team

Seit fünf Jahren verstärkt Johannes Brenner das Organisten-Team der Wendelinskirche mit den Senioren Karl Schraag und Karl Kurz sowie Christian Schmied, gelegentlich Andreas Württemberger und dem 14-jährigen Simon Wieland. Johannes Brenner ist der jüngste Sohn des Eschenauer Kirchengemeinderatsvorsitzenden und ehemaligen Wüstenroter Försters Sieghart Brenner. "Ich habe seit der ersten Klasse Klavier gespielt", erzählt der 18-Jährige. Seine Liebe zur Orgelmusik hat er vor sechs Jahren entdeckt. "Da ist mir aufgefallen, dass mir die Orgelmusik von Johann Sebastian Bach sehr viel Freude macht", sagt er.

Seit 2004 nimmt er Unterricht beim Weinsberger Kirchenmusikdirektor Gerhard Frisch. Ein- bis zweimal im Monat begleitet Brenner die Eschenauer Gottesdienste. "Mich fasziniert die Technik dieser Orgel, vor allem wenn es manchmal klappert", sagt er. "Das Klappern kommt von den Kegeln, die öffnen und schließen die Ventile der Pfeifen", erklärt Pfarrer Johannes Veller. "Im Gegensatz zur weit verbreiteten Schleifladentechnik hat bei der Kegelladenorgel jeder Ton sein eigenes Ventil" , erläutert der Orgelsachverständige des Oberkirchenrats, Kirchenmusikdirektor Burkhart Goethe aus Schwäbisch Hall. Die mechanische Ventilöffnung benötige mehr Kraft.

Orgelbauer Karl Schäfer aus Heilbronn baute das Eschenauer Instrument 1879 ein, weil die alte Orgel defekt war. Die Stiftungskollegien richteten über das Oberamt Weinsberg eine "unterthänige Bitte" um einen Staatsbeitrag zu den Anschaffungskosten von 4900 Mark an den König von Württemberg. Der Monarch gewährte schließlich einen Zuschuss in Höhe von 500 Mark.

Holzkastentechnik
 
Die Schäfer-Orgel hat 14 Register, 783 Pfeifen aus Holz und Metall sowie zwei Kastenblasebälge. "In die alten Blasebälge aus Leder haben oft Mäuse Löcher genagt", war laut Goethe die Holzkastentechnik ein Fortschritt. Seit 1926 werden die beiden Kastenblasebälge elektrisch betrieben.

Im Ersten Weltkrieg mussten Metallpfeifen als Metallreserve beim Schmied abgeliefert werden. Die Königin der Instrumente in Eschenau wurde zuletzt 1994 komplett restauriert. Sie wird jährlich gereinigt. "Es ist eine romantische Orgel", freut sich der Eschenauer Pfarrer, dass sein Instrument in den 90er Jahren nicht dem "Eschenauer Orgelkrieg" zum Opfer fiel. Zwei Lager stritten sich in der Kirchengemeinde, ob die Orgel erhalten oder ein neues Exemplar angeschafft wird.

Man nennt sie die Königin der Instrumente. Nicht nur das Orgespiel ist eine Kunst, sondern sie auch der Bau. In einer Serie stellen wir Exemplare im Weinsberger Tal vor.