S7 verwandelt Heilbronn in eine Baustelle

Bürger, Besucher und Berufspendler haben in den nächsten drei Jahren einiges zu ertragen

Von Iris Baars-Werner

S7 verwandelt Heilbronn in eine Baustelle

Ein Bild, das ab Dezember 2013 Wirklichkeit wird: die S7 nach Norden bis Sinsheim.

Heilbronn - Wer eine kleine Ahnung davon bekommen will, was die Vorbereitung auf die Stadtbahn Nord aus Heilbronn machen wird, der muss sich zurzeit im Berufsverkehr von der Austraße über den Kreisel am Industrieplatz auf die Weipertstraße zubewegen. Dabei sollte er höllisch aufpassen, dass er sich zwischen dicken Rohren und Baggern, zwischen Fahrbahnverschwenkungen und Schotterstolperfallen, zwischen Asphaltwülsten und Gleisen nicht völlig verfranst. Wenn er nicht sowieso im Stau steht.

Die S7, wie die Stadtbahnlinie in und aus Richtung Norden vermutlich einmal heißen wird, macht drei Jahre lang aus großen Teilen der Stadt eine einzige Baustelle: 75 Millionen Euro werden verbaut, zusätzlich neun Millionen Euro kosten allein die Planungen. Bis die zweite Heilbronner S-Bahn-Strecke im Dezember 2013 eingeweiht wird, haben die Bauleute und Baustellenlogistiker, hat das Rathaus eine Herkulesaufgabe zu stemmen. Und bis dahin haben Bürger, Besucher und Berufspendler allerlei zu ertragen.

Wer sich fragt, warum 3,5 Kilometer einer 55,5 Kilometer langen Stadtbahnstrecke 60 Prozent der Planungs- und Baukosten ausmachen, der versteht, wenn er sich den Aufwand anschaut: Hier muss eine neue Bahnstrecke mit neuen Gleisen in einer gewachsenen Stadt untergebracht werden. "Wir haben uns jetzt warmgelaufen", meint Heilbronns Bürgermeister Wilfried Hajek im Rückblick auf die S4. Mit Blick auf die S7 fügt er hinzu: "Jetzt wird es deutlich sportlicher."

Weipertstraße "Das ist keine Wanderbaustelle", warnt Hajek vor der Vorstellung, nach ein paar Wochen an einem Ort sei Schluss, zögen Menschen und Maschinen weiter: "Wir beginnen an allen möglichen Stellen gleichzeitig." Auf die eine erledigte Arbeit folgt eine andere unerledigte.

Den Anfang machen die Energieversorger. In der Weipertstraße wird die Fernwärmeleitung neu verlegt − zurzeit bis zur Hans-Seyfer-Straße, im Jahr 2011 von der Brüggemann- bis zur Hans-Rießer-Straße. Auch am Sülmertor müssen alle Leitungen raus. Sie werden auf die Seite verlegt. Denn die Stadtbahnstrecke wird dort tiefergelegt.

Sülmertor Das Sülmertor wird mit mehr als zehn Millionen Euro Gesamtkosten sowieso das kolossalste Einzelbauwerk auf der 3,5 Kilometer langen Strecke innerhalb der Stadtgrenzen. An dem Punkt, wo die S7 einst von der Paulinenstraße abzweigt, muss ein sieben Meter breiter Durchlass in die Böschung gegraben werden. Dort taucht das Stadtbahngleis mit vier Promille Gefälle in die Tiefe, um nach etwa 300 Metern wieder nach oben zu kommen. Drei Brücken führen Autos und die Züge der Deutschen Bahn über sie hinweg. Die S7 wird sich zweieinhalb Meter unter dem Niveau der heutigen Straße bewegen.

Bis Ende 2012 wird rund um das Sülmertor an Brücken, Unterführung und Straßen gebaut werden. Danach schließen sich Gleisbau, Signaltechnik und Oberleitungen an.

Allee Auch wenn das Sülmertor die komplexeste Baustelle des Stadtbahnvorhabens ist − "für das Gemüt der Heilbronner wird die Allee die sehr viel emotionalere Geschichte," ahnt Wilfried Hajek. Und das schon in wenigen Wochen. Wenn Anfang 2011 neue Fernwärmeleitungen verlegt werden, dann müssen dafür alle Magnolien auf dem Mittelstreifen verschwinden. Und weil die Platanen von Schädlingen und Pilzen befallen sind, werden auch diese Alleebäume nur schwerlich zu halten sein. Sie müssen weichen wenn Gehwege aufgerissen, Wasser- und Gasleitungen verlegt werden. "Das wird für die Menschen schmerzlich sein, wenn wir tabula rasa machen," prophezeit Hajek. Der einzige Trost: Nachher wird auf der Allee alles neu sein − breite Gehwege mit durchgehendem Belag, ein bepflanzter Mittelstreifen, die Straße seitlich säumende Bäume.

Und es wird neue Straßenführungen geben für täglich 30 000 Kfz. Einbahnregelungen in den einmündenden Straßen werden die bisherigen großen Kreuzungen und die Abbiegespuren überflüssig machen. Im Gegenzug aber werden "Blockumrundungen" notwendig werden, um in den Quartieren links und rechts der Allee ans Ziel zu kommen.

Paulinenstraße Die Autofahrer werden sich auch in der Weinsberger- und Paulinenstraße an Neues gewöhnen müssen. Autos werden sich zumindest streckenweise die Fahrbahn mit der Stadtbahn teilen. Ampelregelungen werden der Stadtbahn Vorrang einräumen vor dem Autoverkehr. Von Neckarsulm kommend wird der Verkehr nahe dem Sülmertor in die Schaeuffelenstraße einbiegen − die Paulinenstraße ist künftig eine nur stadtauswärts befahrbare Einbahnstraße.

Im Stadtgebiet, dessen ist sich Wilfried Hajek mit Projektleiter Andreas Berk einig, wird es wie schon beim innerstädtischen Bau der ersten Stadtbahnlinie, der S4, einen "Kümmerer" geben müssen. Jörg Plieschke war das damals, heute ist er Citymanager der Stadtinitiative. Seine Aufgabe war, sich der Sorgen und Nöte der Anlieger anzunehmen. Denn Baustellen und Verkehrsänderungen bedeuten immer Behinderungen, Beeinträchtigungen und Ärger− für Firmen und Ladenbesitzer ebenso wie für Private.

Industriegebiet Ihre Wünsche und Sorgen haben die Unternehmer im Industriegebiet schon vorgetragen. Die verwegen anmutenden Planungen des Rathauses sind die Reaktion darauf. Als wäre der Bau einer neuen Bahntrasse innerhalb einer Stadt nicht schon schwierig genug, kommt im Bereich der Au- und Hans-Rießer-Straße noch die Industriebahn hinzu. Sie nutzt in Teilbereichen die Stadtbahntrasse mit − aber auf ihrem eigenen Gleis. Denn Dieselloks, die Gewerbelast ziehen, sind breiter als Stadtbahnwagen.

Ansonsten ist es im Umfeld der Firmen sinnvoll, die Bahn vom Rest der Straße strikt zu trennen. Die staatlichen Zuschussgeber fordern in Gewerbegebieten einen separaten Bahnkörper. Der kann von Lkws beim Rangieren nicht überfahren werden − und wird damit auch nicht minutenlang blockiert. "Die zeitliche Vertaktung muss gewährleistet sein," weiß Andreas Berk.

Bis auf die letzten Meter auf Heilbronner Gemarkung bleibt das Einfügen der neuen Stadtbahn eine bau- und betriebslogistische Herausforderung − bis hin zur Schaffung neuer Zufahrten und Parkflächen. Zuletzt biegt die S7 auf ein Parallelgleis zur DB-Linie ein, hält am Kaufland. Erst im Neckarsulmer Bahnhof verlässt die S7 ihre neuen Stadtbahngleise und schwenkt auf die vorhandenen Gleise der Deutschen Bahn ein. Ab da wird die Aufgabe etwas leichter.