Noch einmal ins Lager zurückgekehrt

Weinsberg - 50 Jahre ist es her, dass Ortwin Czarnowski damals als 19-Jähriger mit Mutter und Bruder in das Durchgangslager für Flüchtlinge und Spätaussiedler in Weinsberg gekommen ist, geflohen aus der damaligen DDR.

Von Margit Stöhr-Michalsky

Ins Lager zurückgekehrt
Ortwin Czarnowski hat das Treffen in Weinsberg initiiert.Foto: Stöhr-Michalsky

Weinsberg - 50 Jahre ist es her, dass Ortwin Czarnowski damals als 19-Jähriger mit Mutter und Bruder in das Durchgangslager für Flüchtlinge und Spätaussiedler in Weinsberg gekommen ist, geflohen aus der damaligen DDR. Der Wunsch, sich mit Ehemaligen auszutauschen, zu fragen, was aus den Leuten geworden ist, beschäftigt ihn schon lange zu diesem runden Datum. In Kooperation mit der VHS-Außenstelle Weinsberg nimmt er mit früheren Lagerbewohnern Kontakt auf. Ein Dutzend ehemaliger Lagerbewohner kommen und erzählen.

Dankbar

Sie erhalten von Historiker Dr. Bernd Liebig eine Führung durch die Dokumentationsstätte. Das Lager Weinsberg war 1937 als Landwehrübungslager errichtet worden und war ab 1953 bis 1972 Durchgangslager. "Es ist ein denkwürdiges Datum", sagt Czarnowski. "50 Jahre sind vergangen, gleichzeitig erinnern wir uns an 20 Jahre Wiedervereinigung, gleichzeitig feiern wir Erntedank." Ein Grund dankbar zu sein, dass vieles im Leben geschafft worden sei, meint der 70-Jährige. Schwarz-Weiß-Abbildungen zeigen auf einer Fotowand die Familie, die Lagergebäude, die Wohnverhältnisse mit Doppelbetten und einer Kochnische im Zimmer, das damalige Jugendhaus nebenan. "Wir waren arm wie eine Kirchenmaus", berichtet der Initiator, der mit seiner Ehefrau in Leingarten wohnt. "Wir haben Kartoffeln in einer Gurkendose gekocht." Aus der damaligen DDR hatte der junge Leistungssportler sein Rennrad über die Grenze mitgenommen. Von Weinsberg aus nahm er an einem Radrennen teil. Er gewann. Der verstaubte Siegeskranz mit verblichener Schleife lehnt an der Fotowand. 50 Jahre hat er überdauert. "Den werfe ich nicht weg", meint der Senior. "Das ist Erinnerung an das Lager."

Brita Fischbach kam auf abenteuerlichen Wegen als junges Mädchen 1957 ins Übergangslager zur Tante. Dort hat sie ihren Mann kennengelernt, zwei Kinder wurden hier geboren. "Wir haben von Blechtellern gegessen, vier Familien waren in einem Zimmer", erzählt sie. Jetzt ist sie mit ihrem Sohn zur Dokumentationsstätte gekommen. "Gerne sei sie nicht gekommen", gibt sie zu. Denn die bedrückenden Erinnerungen überwiegen.

Anfang

Andere Besucher treffen ein. "Waren Sie auch hier?", lautet die erste Frage. Herbert Kumfert wohnte von 1960 bis 1962 im Lager, folgte Ehefrau und Sohn. "Ich war damals bei der Reichsbahn, ich wusste, welchen Zug ich nehmen musste, um im Westen heimlich auszusteigen", erzählt er. Seit vielen Jahren lebt der 67-Jährige in Heilbronn. Die Mauer einreißen, das will der Initiator an diesem Tag symbolisch. Eine gebackene kleine Mauer aus Brotbacksteinen bricht er mit den Ehemaligen bei einem Glas neuen Wein. "Das ist ein Anfang", freut sich Ortwin Czarnowski, vielleicht werde das Treffen wiederholt.