Besondere Beziehung

Patenschaften in der Stiftung Lichtenstern bereichern beide Seiten

Von unserer Redakteurin Angela Groß

Besondere Beziehung
"Na, übst du noch fleißig?", fragt Sibylle Weippert (rechts) Isolde Waizenhöfer. Die Lichtensternerin freut sich sehr über die Besucherin von außen.Foto: Dennis Mugler

Löwenstein - Über ihrem Bett hängen Fotos von einem gemeinsamen Kaffeenachmittag mit Sibylle und Hans Weippert. Auch der blaue Delfin, der in der Mitte der Bettdecke thront, stammt von dem Bretzfelder Ehepaar. Das Zimmer gehört Isolde Waizenhöfer: Die Bewohnerin der Evangelischen Stiftung Lichtenstern lebt seit 30 Jahren in der Einrichtung für geistig Behinderte.

Seit drei Jahren sind Isolde Waizenhöfer und die Weipperts freundschaftlich miteinander verbunden. Das Paar wollte sich ehrenamtlich engagieren und hat eine Patenschaft für die 47-Jährige übernommen.

Momente Für Isolde Waizenhöfer sind diese Begegnungen glückliche Momente. Weil sie abwechslungsreich sind, weil sich andere Menschen ihr zuwenden, ihr Interesse und Zuneigung schenken. Alle ihre Angehörigen sind gestorben, die Eltern und die Brüder, und so freut sich die Lichtensterner Bewohnerin über Besuche, Telefonate und Glückwunschkarten zum Geburtstag und den Feiertagen. Sie genießt das Gefühl, auch in einem anderen Leben, wie dem der Weipperts, eine Rolle zu spielen. So treffen sie sich immer dann, wenn es passt. Bei schönem Wetter geht es gemeinsam nach draußen und später zum Kaffeetrinken. "Es kann auch sein, dass wir ein paar Minuten gar nichts reden", erzählt Sibylle Weippert und auch davon, wie intensiv ihr Schützling die Umwelt beobachtet und kleinste Dinge bemerkt.

"Manches muss man aushalten lernen", sagt Weippert, wie überhaupt die Andersartigkeit der Menschen in Lichtenstern. Die wiederum es einem auch einfach machen, in ihrer häufig offenen und unverkrampften Art. So gibt es immer ein großes Hallo, wenn die Bretzfelder an der Türe zur Lichtensterner Wohngruppe klingeln, dann müssen erstmal viele Hände geschüttelt werden. Ein paar Tage vorher kündigen sie ihren Besuch telefonisch an − "die Vorfreude bei Isolde ist riesig", weiß Weippert.

Dass aus den zarten Anfängen über die Jahre eine Beziehung entsteht, das konnte sich die kaufmännische Angestellte und der Polizist anfangs gar nicht vorstellen. Sibylle Weippert liebäugelte schon länger mit dem Gedanken, sich in der Stiftung Lichtenstern zu engagieren, sie zögerte, überlegte, zögerte. Ihr Mann Hans machte den ersten Schritt, zerstreute letzte Bedenken bei einem Gespräch vor Ort.

"Die Berührungsängste sind groß", diese Erfahrung macht Maren Strehle, die Ehrenamtskoordinatorin, sehr häufig. Aber dafür werden die Ehrenamtlichen auch gut begleitet, vor allem in den anfangs vielleicht nicht so ganz einfachen Situationen. "Wir saßen bei unserer ersten Begegnung im Kreis, und ein Betreuer war dabei. Man wird aufgefangen und geleitet", berichtet Sibylle Weippert. Isolde Waizenhöfer sei anfangs von dem fremden Besuch irritiert gewesen. Das Eis sei gebrochen, als sie ihnen ihr Zimmer zeigen wollte.

Wer das ungleiche Paar, W. & W., beobachtet, sieht, wie ihre Beziehung gewachsen ist. Einmal an einem Weihnachten gab es Schnitzel, das ist das absolute Lieblingsessen der 47-Jährigen − zuhause in Bitzfeld wurde gekocht. "In Isoldes Tempo, ganz langsam. Plötzlich fing sie an, beim Gurkenschälen Weihnachtslieder zu singen. Das war eine ganz tiefe Erfahrung für mich", sagt die Bretzfelderin.

Gewinn Der erste Schritt sei nicht leicht gewesen, doch was daraus entstanden ist, schätzt die Frau mit den langen Haaren sehr. "Viele haben Patenschaften in der Dritten Welt. Da erlebe ich nichts. Ich kenne den Menschen nicht, und ich spüre nichts. Das ist bei uns nicht so", sagt die Ehrenamtliche. Einem anderen Menschen Zeit zu schenken, das sei das größte Geschenk.