Rätselhafter Grabstein mit "Matt in drei Zügen"

Das Böckinger Schachproblem - "Wer den Tod ernst nimmt, darf lächeln" - Frage nach dem Urknall: "Was war dann vorher?"

Von Uwe Jacobi

Ein ungewöhnlicher Grabstein steht auf dem Böckinger Friedhof an der Heidelberger Straße. Auf der Grabrolle aus schwarzem Granit ist ein Schachbrett mit sechs Figuren abgebildet. Unter dem "Sechssteiner" stehen die Zeichen für "Matt in drei Zügen".

Schöpfer des Böckinger Schachproblems, das vom Tele-Schachexperten des Deutschen Schachbundes prompt ins Internet gestellt wurde, ist der ehemalige Dammrealschul-Rektor Friedrich Löchner. Der vielseitige 88-jährige Pädagoge, Schachmeister und Literat ist zum Philosophen geworden: "Wer den Tod ernst nimmt, darf lächeln."

Viele bleiben vor dem Grab stehen. Die Laien staunen, die Experten versuchen, das Matt gedanklich zu vollenden. Weiß ist am Zug und hat vier Steine, die Steinmetz Roland Maisak aus dem Granit gemeißelt hat: König (Kc2), Dame (Da7), Läufer (Lg3) und Bauer (f2). Schwarz steht mit einem König (Kd4) und einem Bauern (c5) kurz vor dem Matt. Auf den ersten Zug von Weiß kann Schwarz noch mit drei Gegenzügen reagieren, aber das Matt nicht verhindern.

Das Urnengrab birgt bereits die sterblichen Überreste der Mutter und der Ehefrau von Friedrich Löchner. Auch er selbst wird einmal in diesem Grab ruhen. Dann heißt es für ihn "ABGELÖST", wie große Buchstaben auf der Rückseite der Grabrolle über zwei Eichenlaubblättern verkünden.

Für den Philosophen hat das Böckinger Schachproblem symbolische Bedeutung. Drei Züge für das Matt habe er gewählt, weil der Mensch dreidimensional sei und in diesem Rahmen viele Probleme lösen könne: "Aber das Lebensgeheimnis bleibt unlösbar."

Mit einem Urknall sei die Lösung nicht gefunden. Der Denker Löchner: "Woher kommt dann der Stoff für den Urknall?" Es könne keinen Anfang geben: "Immer muss es davor etwas gegeben haben!" Dass er seine Lebensphilosophie in einem Schachrätsel ausdrückt, ist für den siebenfachen Heilbronner Schachstadtmeister naheliegend.

Das Böckinger Schachproblem des ehemaligen Rektors, von dem viele Schüler heute noch schwärmen, hat längst die Schachwelt mobilisiert. Schmunzelnd erzählt der Meister, der berühmte Problemkomponist Hans Klüver habe ihm einen "Dual" nachgewiesen. Für Experten heißt dies, dass Weiß in einem Fall mit zwei Varianten antworten kann; das ändert nichts am Matt in drei Zügen, mindert aber den ästhetischen Wert.

Knitz weiß der lachende Philosoph eine Antwort: "Das Dual habe ich als Sinnbild für menschliche Fehlsamkeit eingebaut." Die "Fehlsamkeit" galt auch für eine Matt-Version, die Klüver anbot, die jedoch als "nebenlöslich" ebenfalls nicht den höchsten Ansprüchen entsprach; beim ersten Zug auf dem Weg zum Matt gab es zwei Variationen. Tja, Fachleute unter sich ...

Dass manche Mitmenschen ein Schachproblem auf einem Grabstein als unpassend sehen, respektiert Löchner: "Die Achtung vor dem andern kommt aus der Achtung vor sich selbst."