Ungewöhnliches "Klassenbuch" über Schule im Weltkrieg

Als "Tatzen" wie Flugzeugabschüsse markiert wurden - Meistens "Guten Morgen" statt "Hitler-Gruß" - Ehemalige Schüler suchten und fanden sich

Von Uwe Jacobi

Ein Hauch der Schulromanze "Die Feuerzangenbowle" im Zeichen eines Weltkrieges atmet aus dem "Klassenbuch", das ehemalige Schüler der Jahrgänge 1929/30 der Heilbronner Knabenmittelschule gestaltet haben. Die 75-Jährigen stecken voll Erinnerungen an jene Schuljahre, als "Tatzen" wie die Abschüsse deutscher Piloten von feindlichen Flugzeugen auf der Schulbank markiert worden sind.Sechzig Jahre nach dem letzten Schultag am 4. Dezember 1944, als Heilbronn bei einem Luftangriff zerstört worden ist, treffen sich die Ehemaligen am Donnerstag in Neckarsulm zur Übergabe ihres "Klassenbuchs". Initiator sind der Ingenieur Eugen Bolch aus Neckargartach, der 1957 in die USA ausgewandert ist, und der Heilbronner Weingärtner-Poet Hermann Able.Das größte Problem war, die 42 Schulkameraden der Klasse Büttner (9b) von 1944 ausfindig zu machen. 17 von ihnen trafen sich erstmals 1997 im Able-Besen in Heilbronn; zwei von ihnen sind inzwischen gestorben. Drei kamen nicht, von fünf weiteren ist bekannt, dass sie nicht mehr leben. Vom Schicksal der anderen ehemaligen 17 Mitschüler haben die Autoren des "Klassenbuchs" nicht die geringste Ahnung, was aus ihnen geworden ist."Die Lehrer waren streng, aber sie haben uns viel beigebracht", erinnern sich die meisten an die Kriegsschuljahre. Nach dem Anfang 1940 in der Dietrich-Eckart-Schule an der Allee bei der heutigen Hafenmarkt-Passage zogen die Mittelschüler 1942 in die Damm-Realschule um. Oft fiel der Unterricht wegen Fliegeralarms aus, zeitweise mussten sie die Schule mit einem französischen Kriegsgefangenenlager oder einem deutschen Lazarett teilen.Handgreifliche Strafen, die heute verboten sind, waren üblich. Meistens gab es "Tatzen"; waren es mehrere, so schlugen die Lehrer mit ihrer Haselnussrute zunächst auf die linke Handfläche und erst zuletzt auf die rechte Schreibhand. Manche Lehrer verteilten "Kopfnüsse", bei denen sie mehrfach mit dem Handknöchel auf den Hinterkopf des "Sünders" schlugen, oder sie zogen den Schüler an den Ohren. Beklagt hat sich niemand.Trotz drohender Strafen schreckten die Schüler nicht vor Streichen zurück. So wurde für den Englisch-Lehrer auf dessen Stuhl eine gefüllte Handwasch-Schüssel gestellt. Prompt setzte sich der Lehrer, der bei der Begrüßung stets die Klasse im Auge behielt, auf die Schüssel, deren feuchter Inhalt beim Umkippen die Hose des Lehrers bespritzte. Da kein Schuldiger verraten wurde, bekamen alle verschärften Arrest.Selbst wenn von 20 Fragen alle richtig beantwortet wurden, gab's nicht die Note 1. "Wenn ich eine 1 gebe", sagte der Lehrer, "wäre der Schüler besser als ich." Auf den "Hitler-Gruß" zum Beginn des Unterrichts verzichteten die meisten Lehrer und wichen auf den "Guten Morgen"-Chor der Klasse aus.Über den Zweiten Weltkrieg oder die NSDAP wurde in der Klasse Büttner nie gesprochen; mutmaßlich wollten die Lehrer jede Denunziation im Keim ersticken. Dagegen wurden die Schüler beim Jungvolk und später in der Hitler-Jugend auf die NS-Ideologie eingeschworen. Mehr begeistert waren die Buben von Geländespielen, Zeltlagern und sportlichen Wettbewerben. Das Urteil über die Lehrer bewegt sich zwischen "bösartig" und "vorbildlich". Besonders ihren Klassenlehrer Büttner haben die meisten in bester Erinnerung. Zu den schönsten Erlebnissen zählen die Ernteeinsätze zum Erbsenpflücken auf dem Hösselinshof, bei Heuchlingen und auf dem Schlossgut Assumstadt. Weil Krieg war, gehörte kurz vor dem Finale noch das "Schanzen" am Westwall zur Schulzeit.Die Berichte, Fotos, Zeichnungen und Zeugnisse zur Schulzeit hat Eugen Bolch aus heutiger Sicht zum "Klassenbuch" vereinigt. Beim Treffen in Neckarsulm, das Werner Trappe als Vorsitzender der Klasse Büttner organisiert hat, gibt es mutmaßlich viel zu erzählen.Einer der Schüler lag nach dem Luftangriff am 4. Dezember 1944 fast zwei Tage lang verschüttet unter Ruinen. Seine Eltern kamen ums Leben, er erlitt eine linksseitige Lähmung, Verbrennungen dritten Grades und eine totale Rauchvergiftung. Als er im Frühjahr 1945 mit seinen Krücken das Arbeitsamt verließ, traf er seinen ehemaligen Klassenlehrer Büttner. "Um Himmels willen, Bua", entfuhr es Büttner, "was hen die mit Dir g'macht!" Dabei weinte er bitterlich.