Im Rathaus-Skandal weist 84-Jähriger jede Schuld von sich

Der mutmaßliche Auslöser der betrügerischen Geschäfte steht zehn Jahre nach erstem Versuch vor dem Landgericht - „Ich möchte Gerechtigkeit“

Von Carsten Friese

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Im Rathaus-Skandal weist 84-Jähriger jede Schuld von sich

 

Schneeweiße Haare, gebräuntes Gesicht, in dunkelblauem Sakko und weißen Turnschuhen tritt der 84 Jahre alte Mann in den Gerichtssaal. Ein freundlicher Herr, äußerst redegewandt, der mit Händen wie ein Schwerstarbeiter gestikulieren kann. Die Sachverständige, die den Diabetiker und dreimaligen Herzinfarktpatienten als verhandlungsfähig einstufte, begrüßt er mit kurzem Diener und Handkuss.

Das soll also der Auslöser jener dunklen Machenschaften sein, die Heilbronn 1996 bis ins Mark erschütterten. 5,7 Millionen Mark hatte Rathausmitarbeiter Eberhard S. durch massiv überhöhte Büromaterial-Zahlungen und Luftbuchungen zwischen 1987 und 1995 veruntreut. Mit einer ganzen Schar von Büroartikelhändlern aus dem Düsseldorfer Raum hatte S. es mit der Zeit zu tun. Die Tür zu den Geschäften, bei denen Eberhard S. am Ende Bestechungsgeld annahm, soll jener Eugen L. aufgestoßen haben.

Auf das schwere Schicksal seiner und anderer jüdischer Familien in der NS-Zeit hatte der Handelsvertreter bei einem ersten Besuch in Heilbronn hingewiesen und um Aufträge gebeten. Acht Geschwister hat er im Nazi-Regime verloren, die Grauen des KZ Auschwitz überlebte er. Aus Mitleid soll Rathausmitarbeiter Eberhard S. am Anfang eingewilligt haben. Bald drifteten die Geschäfte ins Kriminelle ab, auch, weil niemand im Rathaus etwas bemerkte.

62 plus fünf Fälle des gemeinschaftlichen Betrugs, Anstiftung zur Untreue und eine gemeinschaftliche Bestechung werden Eugen L. in der Anklage zur Last gelegt. 1,39 Millionen Mark Schaden sollen der Stadt durch die Geschäfte entstanden sein. Mit 63 000 Mark soll L. gemeinsam mit seinem Schwiegersohn den Rathausmitarbeiter geschmiert haben.

Bei diesen Zahlen protestierte der 84-Jährige energisch. „Vielleicht ein, zwei Aufträge“ habe er von Eberhard S. damals bekommen, den er als „echten Menschenfreund“ einstufte. Mehr nicht. Definitiv habe er darauf hingewiesen, dass er mit Preisen der Großhändler nicht mithalten könne. Doch von Provisionen über 100 000 Mark „habe ich nur geträumt“. Die Liste einer Firma mit Provisionszahlungen an ihn? „Bösartigkeit oder Irrtum.“ Die Kopie einer Quittung mit seiner Unterschrift? In Tel Aviv habe er mal Blanko-Formulare unterschrieben, gegen 200 Mark Belohnung pro Stück, um noch ein bisschen länger Urlaub machen zu können. Die belastende Aussage seines Schwiegersohns? „Er ist nicht mit Freund. Ich habe seit fünf Jahren nicht mit ihm gesprochen.“ Es hätten viele Beteiligte lügen müssen, „um Sie zu belasten“, kommentierte Richter Wolfgang Bender diese Aussagen.

Als geistig „noch voll da“ stufte Staatsanwalt Jürgen Lepple den 84-Jährigen ein. Lepple verwies auf schauspielerische Qualitäten des Angeklagten. Bei seiner Verhaftung im Jahr 1996 habe er einen „bühnenreifen“ Herzinfarkt hingelegt.

Beim damaligen OB Manfred Weinmann will Eugen L. anfangs angerufen haben, der ihm als „Judenfreund“ empfohlen worden war. Weinmann habe ihn über eine „Oberstadtdirektorin“ an Eberhard S. weitergeleitet. Oberstadtdirektoren gibt es nicht in Heilbronn.

„Ich möchte Gerechtigkeit erreichen“, betont Eugen L. am ersten Prozesstag. „Das ist auch unsere Aufgabe“, antwortet der Richter.