Gelebte Solidarität hat die Schicksalsfrage entschieden

Die IG Metall feierte bei Audi den 30. Jahrestag des Marsches nach Heilbronn, der die Schließung des Neckarsulmer Werks verhinderte

Von Barbara Barth

Gelebte Solidarität hat die Schicksalsfrage entschieden

Audi und IG Metall begehen den Jahrestag gemeinsam: (von links) Dr. Horst Neumann, Jörg Hofmann, Klaus Zwickel, Werkleiter Jürgen Lunemann, Norbert Rank und Heinz Eyer. (Foto: Ulrike Kugler)

Ein Film rief den rund 150 Gästen aus Politik, Gewerkschaften, Vorstand, Betriebsrat und einigen Zeitzeugen die dramatischen Ereignisse jener Tage ins Gedächtnis.

"Der 18. April markiert die Spitze des Eisbergs einer breiten Widerstandsbewegung", so beschrieb Dr. Rudolf Luz von der IG Metall Heilbronn-Neckarsulm die damalige Situation. Ein kontinuierlicher Arbeitsplatzabbau von ehemals 12 800 auf 6400 sei Ausdruck eines "Todes auf Raten" in den Jahren 1974/75 gewesen.

Als "Schicksalsfrage unserer Stadt" bezeichnete Oberbürgermeister Volker Blust die Krise 1974/75. Die Wechselbeziehung zwischen dem Unternehmen und der Stadt habe alle Bereiche des kommunalen Lebens betroffen. "Ohne Audi hätte die ganze Region an Bedeutung und das Gesicht der Stadt an Glanz verloren."

Für den Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann hat sich "wenig so nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt wie der Marsch auf Heilbronn". Er sei ein "Beispiel gelebter Solidarität" gewesen.

"Wir sind einfach losgelaufen, mitten durch die Stadt, immer geradeaus, ohne genau zu wissen, wohin", erinnerte sich Norbert Rank an den 18. April 1975. Heute ist er Betriebsratsvorsitzender in Neckarsulm, damals war er ein junger Spund, der gerade ausgelernt hatte. Die Erleichterung darüber, dass die Schließung verhindert worden sei, wich bald der Angst. "Wer verliert seinen Arbeitsplatz?" Ältere, Ausländer und Frauen waren es. Rank: "Da bleibt bis heute ein bitterer Nachgeschmack."

Eine 30-jährige Erfolgsgeschichte von 1975 bis 2005 skizzierte Audi-Vorstandsmitglied Dr. Horst Neumann. Neben Innovationen, Investitionen, flexiblen Arbeitszeiten und Qualifizierung zählt Neumann auch die Mitbestimmung zu den Faktoren des Erfolgs. "Sie ist keine Bremserin, sondern ein Katalysator." Die Lehre aus dem Marsch nach Heilbronn für den Manager: "Wir müssen verhindern, dass er je wieder notwendig wird."

Jeder, der mitgegangen ist, "hat ein wichtiges Stück Wirtschafts- und Sozialgeschichte geschrieben", ist Klaus Zwickel fest überzeugt. Der damalige Bevollmächtigte der Unterländer IG Metall und spätere Chef der Gewerkschaft: "Heute liegen die Kapazitäten wieder weit über den Absatzzahlen", was zu harten Verteilkämpfen führen werde. "Wieder geht es um Standorte." Er warnte davor, die Mitarbeiter in Stammbelegschaft und Bedarfsbelegschaft zu teilen. "Gelingt es, diese Spaltung zu verhindern, dann war der Kampf um Audi vor 30 Jahren doppelt erfolgreich."