Angeklagter Stiefvater: Von Elfjähriger zum Sex verführt

Brackenheimer wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner Stieftochter vor Gericht - Er weist Schuld auf das Mädchen - Zirkelstiche vor der Beichte

Von Carsten Friese

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Der erste Vorfall war bereits über zwei Jahre her. Die heute 14-Jährige hatte geschwiegen. Da sah ihr erster Freund, wie sie sich mit dem Zirkel die Haut ihrer Unterarme aufritzte. Er stellte sie zur Rede. „Warum machst du das?“ Sagen wollte sie es nicht. Das Mädchen nahm das Handy und schrieb ihrem Freund: „Er hat mich... als ich elf Jahre alt war.“ Auf seine Nachfrage „vergewaltigt“ sagte sie nach Angaben des Freundes „Ja. Aber sag’ es keinem.“ Er tat es doch. Kurze Zeit später erstattete die 14-Jährige mit ihrer Mutter Anzeige bei der Polizei.

Schwerer sexueller Missbrauch in elf Fällen lautet die Anklage gegen den 33-jährigen Brackenheimer. Drei Fälle, in denen er mit seiner Stieftochter geschlafen habe, räumte er ein. „Ich weiß, dass es Mist war. Aber sie wollte doch, und ich hab‘ mich darauf eingelassen.“ Nach seiner Darstellung hat seine Stieftochter an jenem Tag im April 2003 ihn auf den Mund geküsst, von Sexfilmen erzählt und sich ganz eng an ihn geschmiegt. „Ich war zu dem Zeitpunkt der Annahme, dass sie 14 Jahre alt ist“, sagte der Angeklagte. Mit ihrer Mutter war er in zweiter Ehe seit einem Monat verheiratet.

Nach dem Alter der Tochter will er nie gefragt haben. „Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat“, bereute er den Beischlaf mit der Elfjährigen. Doch auch beim zweiten Mal habe das Mädchen ihn gefragt, ob er zu ihr ins Zimmer komme und dann „nackt im Bett gelegen“.

Vor Gericht musste die 14-Jährige nicht aussagen. Eine Videovernehmung vom August 2005 ließ Richter Friedhelm Hiller auf einem Fernseher abspielen. Stockend kommen die Antworten des Mädchens. Abgehackt spricht sie, mit leiser Stimme. „Ungefähr zehn Mal“ habe ihr Stiefvater mit ihr geschlafen, mal mit Kondom, mal ungeschützt. Ob sie angefangen habe, wie er es behauptet? „Das stimmt nicht.“ Nur: Gewehrt habe sie sich nicht und nie gesagt, dass er es lassen solle. Ihre Erklärung dafür, dass sie alles geschehen ließ: „Ich dachte, in dem Alter ist so etwas normal.“

In einem Fall soll der Stiefvater in ihr Zimmer gekommen sein, als die Mutter gerade ihr gemeinsames Baby auf die Welt gebracht hatte und im Krankenhaus lag. „Da war auch was“, sagt die 14-Jährige. „Da war nichts“, sagt der Stiefvater.

„Das ist ein Witz.“ Mit diesen Worten reagierte die Mutter des Mädchens als Zeugin auf die Aussage des Angeklagten, dass er die damals Elfjährige für 14 Jahre hielt. Bei der Anmeldung für die sechste Klasse sei ihr damaliger Mann doch dabei gewesen.

Die Videovernehmung des Mädchens wollte der Angeklagte nicht mit ansehen. Er starrte ins Nichts.