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Die alten Bahngleise sind schon längst Bäumen gewichen

Die Trasse der ehemaligen Bottwartalbahn verschwindet allmählich aus dem Heilbronner Stadtgebiet - teilweise überbaut, teilweise überwuchert

Von Heiko Fritze
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Lesezeit 2 Min
Die alten Bahngleise sind schon längst Bäumen gewichen
Der ehemalige Bahnhof in Sontheim steht noch. Inzwischen ist er in Privatbesitz und wird als Veranstaltungsort für Konzerte genutzt. Nebenan wurde ein Kindergarten errichtet. (Fotos: Andreas Veigel)

Von Heiko Fritze

In der Haberkornstraße ist endgültig Schluss. Auf der einen Seite erstreckt sich noch die zugewucherte Trasse - auf der anderen Seite ist sie unter einem Parkplatz, Gärten und einem neuen Bürogebäude verschwunden. In Richtung Marbach war hier auch schon seit 1968 Schluss: Am Silvestertag jenes Jahres endete die Geschichte der Bottwartalbahn. Die im Jahr 1900 eingeweihte Schmalspurtrasse wurde stillgelegt - heute ist sie zwischen Talheim und Ilsfeld ein beliebter Rad- und Spazierweg.

Noch etwas länger, bis 1984, war das Teilstück zwischen dem Heilbronner Südbahnhof und dem Bahnhof Sontheim in Betrieb. Doch wer heute diese Strecke entlanggeht, kann an vielem Stellen allenfalls noch ahnen, dass hier einmal Güterzüge fuhren und Arbeiter zur Zwirnerei Ackermann pendelten.

Das fängt schon in der Spitzwegstraße an. Der Kindergarten erstreckt sich über die ganze Breite des Grundstücks, das einst am Bahnhof lag. Aber das alte Bahnhofsgebäude gibt es immer noch. 1902 wurde es eingeweiht, Der ehemalige Frachtschuppen, wo früher Garne, Ölfässer und Zuckerrüben lagerten, heißt heute „Musikstation“ - eine nur für Englischsprachige erkennbare Verbindung zur Gebäudegeschichte. Der ehemalige Kirchenmusikdirektor Hermann Rau und sein Sohn Matthias hatten das Gebäude 1994 von der Stadt Heilbronn gekauft, renoviert und den Lagerschuppen für Kammermusikkonzerte eingerichtet. Hinter dem Gebäude parkt heute noch ein alter Güterwaggon.

Der hätte es nun aber schwer, auf angestammte Weise, nämlich auf Gleisen, vom Fleck zu kommen. Nicht nur in Richtung Talheim, auch hin zur Innenstadt gibt es zunächst einmal nichts mehr: Erst sind es Reihenhäuser, die die alte Strecke in Beschlag genommen haben, dann eine Anlage für Betreutes Wohnen, schließlich das Seniorenheim des Arbeiter-Samariter-Bunds.

Dabei war es für die Stadt Heilbronn nach der Streckenstilllegung gar nicht so einfach, in den Besitz der Bahngrundstücke zu kommen. Vier Jahre lang feilschten Stadt- und Bahnvertreter um den Preis, ehe 1989 alles perfekt war. Dadurch erhielt auch der Maschinenbauer Illig die Möglichkeit, sein Werk zu vergrößern. Wo einst die Gleise verliefen, steht heute die Halle für die Endmontage der Thermoformmaschinen. Doch direkt nebenan, an der Sontheimer Landwehr, hat sich ein wichtiges Teil der Bahnstrecke erhalten: Noch heute überspannt eine Betonbrücke die Straße, die Heilbronn vom Stadtteil im Süden trennt.

Ob es aber noch Gleise gibt? Von außen ist das längst nicht mehr zu erkennen. In den 22 Jahren seit der Stilllegung haben Büsche, Bäume und Kräuter die Trasse für sich erobert. Alles ist dicht überwuchert, Brombeeren, Mirabellen und Kirschen haben ihre Wurzeln geschlagen. Zwischen der Sontheimer Landwehr und der Eythstraße - die einzige Stelle, an der die alte Strecke in der Südstadt überquert werden kann - verläuft die ehemalige Bahn in einem Graben. Alleeartig begleiten Platanen ihren Verlauf, Gärten enden an der Stelle, wo einst das Bahngelände begann.

Nur ein einziger Abschnitt kann heute überhaupt betreten werden - zwischen der Eythstraße und einem Fußgängerweg verläuft ein Pfad, wo früher die Loks fuhren. Heute ist Fortbewegung auf Rädern aber unerwünscht. Zwei dicke Baumstämme hindern Autos und Fahrräder an der Einfahrt.

Nur wenige Anlieger haben in den Jahren seit der Stilllegung die Chance genutzt und ihr Gärtchen vergrößert. Die Zäune verlaufen fast überall immer noch wie früher, als die Gleise noch in Betrieb waren. Doch Wildwuchs hat im Abschnitt zwischen Sontheimer und Herderstraße keine Chance. Hier wird regelmäßig gemäht, auch wenn es nicht das eigene Grundstück ist.

Und schließlich, kurz vor dem Südbahnhof, entdeckt der Wanderer doch noch Gleise. Ein Prellbock versucht, nicht mehr vorhanden Waggons am Überqueren der Charlottenstraße zu hindern. „10 km“, fordert ein Schildchen gebieterisch. Ein Lokführer hat dieser Anordnung schon lange nicht mehr gehorcht. Und Brombeerranken wachsen viel langsamer.

Die alten Bahngleise sind schon längst Bäumen gewichen
Wo einst die Züge fuhren, wuchert heute das Grün. Die Natur hat die stillgelegte Strecke zurückerobert und eine Oase mitten in der Stadt gebildet.
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Gleise gibt es nur noch beim Südbahnhof. Sie wurden vom Knorr-Werk noch einige Jahre genutzt.
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Die Bottwarbahn gibt es noch - als Straßennamen in Sontheim. Doch entlang dieser Straße ist keine Spur mehr von der Bahntrasse zu entdecken - abgesehen vom ehemaligen Bahnhofsgebäude.
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Das Seniorenheim des Arbeiter-Samariter-Bunds in Sontheim steht auf der ehemaligen Bahntrasse.
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