Wie aus Heilbronn eine Großstadt werden sollte

Bei der Neugestaltung der Innenstadt in den 70er Jahren wurde manches auf den Weg gebracht - und einiges versäumt

Von Bärbel Kistner

Wie aus Heilbronn eine Großstadt werden sollte
Ein Blick in die untere Sülmerstraße. Dort fuhren 1972 noch Autos. Von der Kaiserstraße bis zum Hafenmarkt (links) galt bereits die Fußgängerzonen-Regelung. Ein Großteil der Geschäfte aus dieser Zeit existiert heute längst nicht mehr, wie Hosen Matz, Metzgereien Fischer und Rank, Gardinen Freihardt, Herrenmoden Wacker, Nähmaschinen Kaliebe. Dem Standort die Treue gehalten haben Textilhaus Buck und Café Roman. (Archivfoto: Ulrike Kugler)

Der 10. Februar 1970 bleibt für das Heilbronn von heute ein denkwürdiger Tag. Große Worte fielen, als OB Dr. Hans Hoffmann der Presse die Pläne für die Neugestaltung Heilbronns präsentierte. Wir wollen ein Heilbronn, das man nicht nur mit Verstand akzeptiert, sondern auch mit dem Herzen liebt , sagte das Stadtoberhaupt. Modernisieren wollte man die City und dem Wiederaufbau-Stil moderne Tupfer verpassen.

Heilbronn, bislang unangefochten Oberzentrum und Einkaufsstadt fürs Umland, drohte auch damals schon, an Attraktivität zu verlieren. Noch waren nicht alle Autobahnen fertig. Noch kaufte ein Viertel der Einwohner aus dem Kreis Ludwigsburg in Heilbronn ein. Doch anderswo wurde gehandelt. Das Ur-Breuningerland öffnete bereits 1973, höchste Zeit also für neue Impulse in der Einkaufscity Heilbronn. Ein eigenes Kraftfeld bilden und nicht zur Zwillingsstadt eines anderen Zentrums werden, das waren Überlegungen der Verwaltung, die eine Planungssgruppe Stadtentwicklung ins Leben rief.

Klotzen wollte man und nicht kleckern: Zwei neue Einkaufszentren sollten am Wollhaus und am Berliner Platz entstehen, dazu Fleiner und Sülmerstraße zu Fußgängerzonen werden. Fünf Hoch- und Tiefgaragen waren geplant, weiter eine Nord-Süd-Verbindung entlang des Neckars und eine Ost-West-Trasse mit neuer Götzenturmbrücke und Anschluss an die Oststraße.

Nicht alles wurde Realität. Die Trassen-Pläne blieben Planspiele. Manches war nicht durchsetzbar oder scheiterte (aus heutiger Sicht zum Glück) an der Finanzierung. Als großer Fortschritt galt es in den 70er Jahren, die Fußgänger unter die Erde zu bringen. Allein an der Allee waren sechs Unterführungen geplant. Von vier realisierten wurde eine inzwischen zugeschüttet (Volksbank), eine weitere ist auf unbestimmte Zeit geschlossen (Harmonie), die zwei verbliebenen, Post und Theater, sind wenig geliebt. Die Kaiserstraße am Kiliansplatz zu untertunneln, wurde fallen gelassen.

Die Überbauung des Wollhaus-Platzes mit Kaufhof, Ladenpassage, Hochgarage und 16-stöckigem Turm sollte die Initialzündung für Stadtentwicklung und Handel bringen. Im Gemeinderat stimmte nur Willy Schwarz von den Freien Wählern dagegen. Er kritisierte den brutalen Eingriff ins Stadtbild und sah Heilbronn seine Tradition verlieren. Mit der Forderung nach einem Architekturwettbewerb war Schwarz weitsichtig - bei der Landerer-Überbauung ist dies selbstverständlich, wohl auch, um ein zweites Wollhaus zu verhindern. Dieses wurde nach zweijähriger Bauzeit 1975 eröffnet - jedoch ohne Hochgarage und mit nur acht Stockwerken im Turm.

Der Berliner Platz sollte kurze Zeit später ebenso mit einem Einkaufsmagneten überbaut werden, um die Schieflage zwischen nördlicher und südlicher Fußgängerzone zu verhindern. Das war nicht nur ein Ziel der Neugestaltung, sondern auch zentrale Forderung im Gemeinderat, als man fürs Wollhaus im Süden grünes Licht gab. Die Bebauung aber ließ 25 Jahre auf sich warten. Doch das 2000 realisierte K 3 erfüllte nie die Funktion eines Handelsmagneten. Wenn das ECE kommt, werden die Versäumnisse von einst wieder zu spüren sein.

Wie aus Heilbronn eine Großstadt werden sollte
Großbaustelle Wollhaus: Das 70 Millionen Mark teure Center sollte den Einzelhandelsstandort Heilbronn stärken. In den 70er Jahren wurde bereits eine ähnliche Diskussion geführt wie heute beim ECE-Projekt. (Archivfoto: Eisenmenger)