Nach 57 Jahren wieder in Heilbronn

Ungewöhnliche Heimkehr: Der jüdische Filmkritiker Gideon Bachmann (77) besucht seine Geburtsstadt

Von Helmut Buchholz

Gideon Bachmann war neun Jahre alt, als die Familie nach Palästina auswanderte. Für Gideon Bachmann begann mit dieser Flucht ein rastloses Leben, das "einer steten Suche nach meinen Wurzeln gleicht". Bachmann siedelte zunächst nach New York über, lernte den italienischen Starregisseur Federico Fellini kennen, wurde Filmkritiker, Buchautor, Journalist, lebte 40 Jahre in Rom, kurzum: ein Kosmopolit und Heimatloser.

Heilbronn hat er nur noch einmal in seinem Leben gesehen: 1947 während einer Reise als Journalist. Die Stadt am Neckar lag damals wie fast ganz Deutschland in Trümmern. Und jetzt, 57 Jahre später, kehrte Bachmann wieder in seine Geburtsstadt zurück. "Die Gelegenheit war günstig", sagt der weit gereiste Mann, der sieben Sprachen spricht. Gemeinsam mit zwei Dutzend Filmschaffenden besuchte er auf Initiative der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg vergangene Woche Heilbronn - auf der Suche nach geeigneten Drehorten für Filme aller Art. Doch für Gideon Bachmann lief während dieses Besuchs ein eigener Film ab.

"Ich habe die Stadt nicht mehr wiedererkannt." Sein Geburtshaus in der Werderstraße steht zwar noch, genauso das Elternhaus in der Bahnhofstraße 27. Doch die "stillosen Neubauten", die nach dem Krieg auf den Trümmern aufgebaut wurden, "fand ich verheerend - Heilbronn ist nicht mehr schön". Damals, als er in der Karlstraße zur Schule ging, faszinierte ihn die Farbe der Straßenbahn. "Das Orange war wunderschön." Im Winter sind sie auf dem zugefrorenen Neckar, der jedes Jahr in Böckingen über die Ufer trat, Schlittschuh gelaufen. Es waren unbeschwerte Kindheitstage in Heilbronn. "Die Knackwürste, die bei Weinlese-Festen gebraten wurden, waren meine Lieblingsspeise." An den Geschmack der Würste und Maultaschen, seine zweite Leibspeise, kann er sich noch gut erinnern.

Doch die Maultaschen, die er bei seiner Wiederkehr aß, schmeckten anders - "weich und schlabbrig". Bachmann hat nichts empfunden, als er zu seiner Wiege zurückkehrte. Auch kein Hass oder Misstrauen, obwohl seine Tante und Großeltern in einem deutschen KZ starben. Ist die Geschichte damit vorbei? Nicht ganz. Denn er kann sich vorstellen, wieder in Heilbronn zu leben.

Bachmann ist heute Direktor des Europäischen Filminstituts in Karlsruhe. Das Institut vermittelt Absolventen von Filmhochschulen Arbeitsplätze, agiert weltweit und ist nicht an den Standort Karlsruhe gebunden. Die Kasse des Instituts ist ein wenig klamm. Nun träumt der alte Heilbronner davon, mit dem Institut wieder in seine Geburtsstadt zu ziehen, "wenn uns die Stadt oder ein Sponsor unterstützt". Bachmann: "So würde sich für mich ein Kreis schließen, aber ich weiß, das ist eine verrückte Idee."