"Heilbronner" zwischen Nabel und Welt

Der Lokalhistoriker und Sammler Peter Lipp - "Reing'schmeckte" gehören zur "Heilbronner Hefe"

Von Uwe Jacobi

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Einerseits betreibe er engstirnige Kirchturmpolitik, zugleich sei er weltoffen und aufgeschlossen. So sieht Peter Lipp den "Heilbronner". Der Lokalhistoriker, Sammler und ehemalige Fiat-Prokurist, der heute den 60. Geburtstag feiert, stammt selbst aus der "Heilbronner Hefe", geprägt "von schwäbisch-fränkischem Mischmasch, Landschaft, dem aktuellen und verlorenen historischen Stadtbild, unserer Wirtschaft und ihren Produkten".Drei Leidenschaften begleiten sein Leben. In der Jugend ist er württembergischer Meister über 100 Meter Kraul (1:00,0 min.) gewesen; seit 1999 leitet er den Schwimmverein Heilbronn. Sein Interesse für die Stadtgeschichte findet ideale Ergänzung in der EHKG-Lehrerin Sigrid Lipp, die er 1970 geheiratet hat und die 1978 neben anderen Tanzgruppen den Käthchen-Hochzeitszug gründet.Beruflich ist er zuletzt Prokurist der Fiat Automobil AG gewesen. Als das Unternehmen 1996 die Verwaltung nach Frankfurt verlegt, bleibt er nach 32 Fiat-Jahren in Böckingen, wohin der Enkel des letzten Böckinger Bürgermeisters Adolf Alter gezogen ist. Mehr denn je kann er sich dem Sammeln von Dokumenten und Medaillen der Stadtgeschichte, dem Aufbau von Ausstellungen und der Publikation historischer Beiträge widmen.Mit der Frau an seiner Seite teilt er die Begeisterung für die Stadtgeschichte. "Wir führen eine ménage à trois", schmunzelt Sigrid über das gemeinsame Hobby. Für ihn verkörpert ihr Käthchen-Hochzeitszug jene Figur, die durch Kleists Drama weltweit mit Heilbronn identifiziert werde. Was das "Münchner Kindl" für die Bayernmetropole, der "Römer" für Frankfurt oder der "Roland" für Bremen bedeute, das sei das "Käthchen" für Heilbronn."Ich will unsere Stadtgeschichte lebendig machen", sagt Peter Lipp. "Heilbronn ist es wert!" Als Kleinkind hat er den Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 im tiefen Edeka-Weinkeller in der Südstraße überlebt, als Kind spielt er in den Ruinen: "Da habe ich Heilbronn total zerstört erlebt. Ich will dazu beitragen, dass nicht vergessen wird, was einmal war."Die ehemalige Selbstständigkeit der Reichsstadt und der "Frust über die Besitznahme 1803 durch Württemberg" seien kennzeichnend für die Heilbronner Historie. Frühzeitig habe sich demokratisches Bewusstsein und ein kritisches Verhältnis zur Obrigkeit entwickelt. Stolz verweist der Lokalhistoriker darauf, dass die Heilbronner Turnerwehr 1849 den badischen Revolutionären zu Hilfe geeilt ist.Trotz der Völkerwanderung nach 1945 gäbe es auch heute "den Heilbronner". Das könne ebenso ein Reing'schmeckter sein, aufgesogen von der "Heilbronner Hefe". Kennzeichnend für diesen Menschentyp seien eine Mischung aus Nabelschau, Weitblick und Geselligkeit, begünstigt durch den Wein.Zur ewigen Diskussion, ob der Heilbronner Schwabe oder Franke sei, meint Lipp, der Heilbronner verkörpere eine Mischung beider; allerdings überwiege die fränkische Mentalität mit mehr Weltoffenheit. Wie verzwickt die Streitfrage ist, beweist der Lokalhistoriker mit der Antwort darauf, was er selbst sei: "Dann muss ich mich als Schwabe bekennen, weil Heilbronn in der allgemeinen Einschätzung zum schwäbischen Bereich zählt."