Ein Bindestrich für heimatstolze Bürger

Standort der Frauenklinik machte zigtausende von Unterländern zu Sontheimern und Neckargartachern

Von Ulrike Bauer

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Zwei Söhne hat Christian Britzke. Laut Geburtsurkunde ist der Ältere in Heilbronn-Neckargartach geboren, der Jüngere in Heilbronn. Doch der Geburtsort war derselbe: die Frauenklinik am Gesundbrunnen, Gemarkung Neckargartach.In Böckingen gab es nie eine Frauenklinik. Trotzdem hat Wolfgang Reger als Geburtsort Heilbronn-Böckingen in seinem Ausweis stehen. Warum? "Ich war eine Hausgeburt. Und etwas anderes als ein Böckinger möchte ich auch gar nicht sein." Ja, was denn nun? Heilbronn oder Neckargartach oder Sontheim (wo sich die städtische Frauenklinik befand, bevor sie 1972 an den Gesundbrunnen zog)? Fest steht, dass zigtausende von Heilbronnern und Landkreisbewohnern den jeweiligen Standort der Frauenklinik, nämlich den Stadtteil Heilbronn-Sontheim oder Heilbronn-Neckargartach, als Geburtsort in ihren Papieren stehen haben. Der Heilbronner Standesamtsleiter Michael Frank erklärt, wie es dazu kam.In den dreißiger Jahren wurden die damals selbständigen Gemeinden Sontheim, Neckargartach und Böckingen als Stadtteile Heilbronn zugeschlagen. Als Zugeständnis an den verletzten Bürgerstolz und als Wiedergutmachung für die abhanden gekommene Unabhängigkeit einigte man sich auf die so genannte Bindestrich-Lösung "Heilbronn-Sontheim, Heilbronn-Neckargartach, Heilbronn-Böckingen." So blieb der Ortsname wenigstens optisch präsent.Als im Rahmen der Gemeindereform in den siebziger Jahren weitere Gemeinden als Stadtteile zu Heilbronn kamen (Klingenberg, Kirchhausen, Biberach, Frankenbach und Horkheim) forderten und bekamen diese ebenfalls die Bindestrich-Lösung wie Jahrzehnte vorher die Anderen. Doch im Lauf der Jahre gab es in fremden Standesämtern immer wieder Irritationen wegen dieser Ortsbezeichnung. "Eine Stadt mit Namen Heilbronn-Neckargartach oder Heilbronn-Sontheim gibt und gab es nie in Deutschland", schmunzelt Frank. Deshalb riefen in der Vergangenheit immer wieder besonders korrekte Standesbeamte aus anderen Städten im Heilbronner Rathaus an und forderten Erklärungen für den nicht existenten Geburtsort der vor ihnen stehenden Bindestrich-Heilbronner.Auch die Komma-Lösung, wie sie zum Beispiel in Stuttgart praktiziert wurde - Stuttgart, Stadtteil Bad Cannstatt - war letztendlich nicht das Gelbe vom Ei. Deshalb forderten Innenministerium und Regierungspräsidium die Kommunen auf, endlich eine amtlich korrekte Schreibweise zu wählen. "Seit Februar 2000 heißt alles nur noch Heilbronn", so Frank. Die Bezirksbeiräte in den Stadtteilen nahmen dies ohne Murren zur Kenntnis. "Altfälle" werden aber immer noch doppelt bedient. Wer heute als in Heilbronn-Sontheim oder Heilbronn-Neckargartach Geborener einen neuen Ausweis beantragt, wird gefragt, wie er's denn gerne haben möchte. Muss das Standesamt für vor 2000 Geborene eine Geburtsurkunde ausstellen, steht jetzt drin "Geboren in Heilbronn-Neckargartach, jetzt Heilbronn." Und noch eine Variante gibt's: Für alle, die vor der Eingemeindung ihrer Gemeinde dort geboren sind, sagt die Geburtsurkunde zum Beispiel immer noch "Geboren in Biberach, jetzt Heilbronn." Die Bürgerinnen und Bürger nehmen die Sache gelassen. Anders als früher scheint der Geburtsort heute das zu sein, was er ist: Zufall.


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