Der Schutzengel in Uniform, die junge Frau und das Inferno

Ingeborg Wieland und der 4. Dezember 1944 - Kilometerlang durch das brennende Heilbronn geirrt - Aufgestanden, hingefallen, aufgestanden

Von Maria Theresia Heitlinger

Der Schutzengel in Uniform, die junge Frau und das Inferno
Der Merian-Stich von Heilbronn ziert den Hausflur von Ingeborg Wieland (geborene von Hofen). Am 4. Dezember irrte sie durch die brennende Stadt.

Jährt sich das Ereignis, steigen die Erinnerungen in ihr hoch. Die Erinnerungen an jene Nacht, in der alles anders, alles zerstört wurde, die Nacht, die vielen Heilbronnern das Leben nahm: die Nacht des 4. Dezember 1944.

Mit einem Notabschluss hat die 16-jährige Ingeborg von Hofen die Handelsschule verlassen, jetzt absolviert sie ihr Pflichtjahr in der Weinsberger Straße am Karlstor bei der Familie Martha und Otto Haag.

Der 4. Dezember 1944 ist ein besonderer Tag im Hause der Weingärtner. Die jüngste Tochter der Familie, wegen Kriegswirren bei Verwandten in Kurzach untergebracht, wird an diesem Montag wieder nach Heilbronn geholt. Entsprechend werden Vorbereitungen getroffen. Ingeborg von Hofen muss die Scheiben der verglasten Veranda putzen. Gut erinnert sie sich an missbilligende Blicke von Martha Haag, als sie zum Polieren den falschen Lappen nimmt. Noch ahnt sie nicht, dass sie hier das letzte Mal putzt: Am Abend wird auch das Haag sche Haus in Schutt und Asche gelegt.

Mittags wird sie in die Stadt geschickt, ein Bottschamberle für die anreisende Verwandtschaft zu kaufen. Von Hofen weiß nicht, wo es Nachttöpfe gibt, und wendet sich fragend an ihre Freundin Elfriede Engelhorn, die am Bollwerksturm wohnt. Du , gesteht diese leise, ich habe Angst vor dem Krieg. Ach was , gibt Ingeborg von Hofen unbekümmert zurück. Pass auf, wir überleben. Es sind die letzten Worte, die die beiden jungen Frauen miteinander wechseln. Elfriede Engelhorn kommt im Flammenmeer des 4. Dezember um.

Es ist spät geworden über den Einkauf, Ingeborg von Hofen kehrt zurück in die Weinsberger Straße. Nach dem Abendessen sagt Martha Haag zu ihrer Hilfe: Geh jetzt nach Hause zu deiner Mama. Es ist kurz nach 19 Uhr. Ingeborg von Hofen läuft die Weinsberger Straße entlang und schafft es bis zum Theater. Da wurden die Christbäume abgeworfen. Taghell ist die Nacht. Von Hofen rennt zum nächsten ihr bekannten öffentlichen Keller im Hotel Linde an der Ecke Paulinen/Weinsberger Straße. Sie findet den Eingang nicht. Sie biegt um die Ecke ein ins Haus des Fotografen Brandt, da war auch ein öffentlicher Keller und schafft es gerade noch in den überfüllten Raum. Die Tür schließt sich. Sie geht auf noch einmal auf, ein Soldat kommt herein. Das Bombardement beginnt. Kaum hören die Bomben auf, rennt der Soldat nach oben, kommt zurück und schreit: Raus, raus, ihr müsst hier raus. Phosphor läuft die Kellertreppe herab. Der Soldat packt die Hand von Ingeborg von Hofen, sie greift mit ihrer Linken die Hand der Frau neben sich und will eine Kette machen, sie mit herauszerren , doch die Frau hält von Hofen zurück. Wieder kommt der Soldat, packt die 16-Jährige, reißt sie mit sich nach oben.

Ingeborg von Hofen ist die Einzige, die den Keller verlässt. Sie ist die Einzige aus diesem Keller, die den Bombenangriff überlebt. Auf der Straße oben sieht Ingeborg von Hofer nur Trümmerhaufen, Steinquader, das Hotel Linde, in dessen Keller ich wollte, wurde von einer Sprengbombe getroffen. Auch aus diesem Keller gibt es keine Überlebenden.

Der Soldat lässt der jungen Frau keine Zeit zum Nachdenken. Er hat mich geschubst, gezerrt, ich bin gestolpert, er hat mich gezogen durch die Turmstraße Richtung Neckar. Am Bollwerksturm sieht von Hofen erste Leichen. Die junge Frau will unbedingt zu ihrer Mutter in die unteren Dammstraße. Nicht nur Flammen verwehren den beiden den Weg. In einem Gebäude in der Schaeuffelenstraße sind Konserven gelagert, die sich durch die Bombardierung zu wahren Querschlägern entwickelt haben. Kein Durchkommen , sagt der Soldat und plötzlich stellen die beiden fest, dass Funkenflug ihre Kleider ansengt. Runter zum Neckar, die Kleider anfeuchten, die Odyssee geht weiter Richtung Neckarbrücke. An der Wolfganggasse stand einst eine Lehrschmiede. Von Hofen sieht die ersten Pferdekadaver. Rennen, rennen, Mädle, du musst raus aus der Stadt , zerrt der Soldat die junge Frau hinter sich her, die fällt, aufsteht, fällt, aufsteht. Sie rennt über die Neckarbrücke bis zum Skagerrak-Platz. Das war dort, wo heute der Neckarturm steht. Taghell ist der Platz erleuchtet, von Hofen sieht leichenblasse Gesichter. Du kannst hier nicht bleiben, das ist die beste Angriffsfläche , sagt der Soldat, und schon fallen die ersten Schüsse. Der Mann schnappt eine Mutter mit zwei Kindern, drückt von Hofen den Bub in den Arm, nimmt selbst das Mädchen auf die Schulter. Die fünfköpfige Gruppe rennt los in Richtung Bahnhof. Und wieder stolpert von Hofen und will nicht mehr aufstehen, die Knie sind aufgeschlagen, die Schienbeine bluten. Allein der Gedanke, dass sie der Mutter das Kind bringen muss , zwingt sie, weiterzurennen bis an den Bahnhof. Auch er steht in Flammen. Und wieder sagt der Soldat: Ihr könnt hier nicht stehen bleiben und verabschiedet sich mit den Worten: Ich muss mich in meiner Kaserne in der Moltkestraße zum Einsatz melden.

Wieder beginnt die Gruppe zu rennen, der Bunker im General-Wever-Turm ist ihr Ziel, doch der ist heillos überfüllt. Weiter geht die Hetze. An der Theresienwiese kauert die kleine Gruppe im Schatten eines Bretterzauns. Eine Frau im Pelzmantel kommt hinzu und will sich partout nicht auf die Erde setzen. Ich schlag dir die Beine weg, wenn du dich nicht duckst , brüllt ein Mann die Pelzträgerin an. Sie gehorcht. Dann geht der Weg weiter nach Böckingen. Von Hofen überlebt die Nacht in einem Keller.

Und ihr Soldat? Woher kam er? Wie hieß er? Ingeborg von Hofen, die jetzt Wieland heißt, weiß es auch 61 Jahre nach dem Inferno nicht. Begegnet ist ihr ihr Schutzengel in Uniform nie wieder.

Der Schutzengel in Uniform, die junge Frau und das Inferno
Die Schadenskarte der Altstadt von Heilbronn, die zurzeit im Rahmen der Architektur-Ausstellung Aufbruch Heilbronn in den Städtischen Museen zu betrachten ist, führt das gesamte Ausmaß der Zerstörung am 4. Dezember 1944 vor Augen: Gelb markierte Flächen bedeuten Totalschäden, rotbraune Flächen kennzeichnen mittlere und schwere Schäden, blau heißt unzerstört oder gering beschädigt. Die Ausstellung im Deutschhof dauert bis einschließlich 29. Januar. (Fotos: Dittmar Dirks)
Der Schutzengel in Uniform, die junge Frau und das Inferno
Große Rauchwolken begleiten das Grauen: ein Bild der Royal Air Force nach den Bombenabwürfen am Heilbronner Schicksalstag im Dezember 1944.
Der Schutzengel in Uniform, die junge Frau und das Inferno
Wohin sie kamen, brannte es: Auch der Hauptbahnhof Heilbronn wurde in der Nacht des 4. Dezember 1944 ein Raub der Flammen. Er wurde in den 50er Jahren wieder aufgebaut. (Foto: Archiv)