Bildung zieht in den alten Bahnhof

Kolping-Bildungszentrum Heilbronn: 3,5 Millionen Euro machen den Sandsteinkasten zum Schmuckstück

Von Gertrud Schubert

 

Der alte Bahnhof von 1848, Nordseite. Auf dem Platz fuhren die Kutschen vor. Die Geleise lagen, wo heute die Bahnhofstraße verläuft.
Es hat zwei Gründe, warum die Passanten das nach der wunderbaren Sanierung doch recht schmucke - und gar nicht so kleine - Bahnhofsgebäude immer ignorierten. Es hatte jahrzehntelang keine besondere öffentliche Funktion. Die Bahn hatte hier Registratur und Verwaltung untergebracht, die Regionalbus Stuttgart (RBS) Werkstatt und Sozialräume. Das Haus machte nichts her, "war eher ein Schandfleck", sagt Architekt Dr. Wolfgang Blechschmitt. Nach dem Krieg mit wenig Sinn für Schönheit wieder zusammengeschustert.

Der zweite Grund fürs Mauerblümchendasein ist noch heute offensichtlich: Der älteste Heilbronner Bahnhof zeigt zur Straße seine Rückseite. Hier verliefen die Gleise. Wer genau hinschaut, entdeckt in der Sandsteinfassade die Spuren einer Gleishalle. So konnten die Reisenden trockenen Fußes in den Zug einsteigen. Der Vorplatz indes, wo einst die Postkutschen verkehrten, ist hinter dem Gebäude. Hier versammelt heutzutage die RBS ihre Omnibusse.

"Wie maßgeschneidert für Kolping", schwärmt Ilona Bräuninger, die Leiterin des Heilbronner Bildungszentrums, schon als sie das erste Mal ein Auge auf das fast verwaiste Gebäude warf. 1200 Quadratmeter - ideal, um sämtliche Bildungsangebote vom Abendgymnasium bis zum Sozialwirt unter ein Dach zu bringen. Und schräg gegenüber die Villa Nestle, seit 2001 Kolping-Tochter für Grafik-Design. Der Betonkasten in der Karlstraße hatte einfach nicht mehr das angemessene Ambiente, sagt Bräuninger. Und der alte Bahnhof bietet Platz für neue Bildungsideen in zwölf Unterrichtsräumen vom Erdgeschoss unters heimelig schräge Dach.

Nächste Woche wird die Sanierung des alten Bahnhofs gefeiert. 600 Kolpingschüler werden hier jährlich unterrichtet.  
Doch Kolping allein hätte den Traum von der Bildung im Bahnhof nicht verwirklichen können. In Wolfgang Blechschmitt, der schon die Villa Nestle saniert hatte, war rasch ein gleichgesinnter Sandsteinfan gefunden. Der Architekt gründete mit Freunden für die Sanierung des alten Bahnhofs eine finanzstarke Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Alles in allem steckte sie 3,5 Millionen Euro in das denkmalgeschützte Gebäude - und Heilbronn ist um ein Schmuckstück reicher.

Am schönsten ist die Aula mit Schieferboden. Vor Zeiten war hier der Wartesaal. Durch drei hohe Arkadenbögen strebten die Fahrgäste ins Gebäude - der Haupteingang ist von Nachkriegsschandeleien befreit wieder zugänglich. Gegenüber geht's durch drei lichte Rundbögen auf den "Bahnsteig", über zwei Gitterstufen hinaus auf den mit Kalkstein geschotterten "Pausenhof".