Zug um Zug auf Höhe der Zeit

Hauptbahnhof wird am Donnerstag 50 Jahre alt – Modernisiertes Baudenkmal

Von Kilian Krauth

Das historische Foto zeigt das filigrane Flugdach am Haupteingang. Mit seiner Beleuchtung sollte der Hauptbahnhof in die Stadt ausstrahlen.Foto: Archiv

Heilbronn - Ein Glasfenster der Brauerei Cluss. Ein Wandrelief mit Reise- und Heilbronn-Motiven. Eine Uhr, die dauernd 11.20 Uhr anzeigt: Am 12. Juni jährt sich die Einweihung des Heilbronner Hauptbahnhofes zum 50. Mal. An manchen Ecken scheint die Zeit seit 1958 tatsächlich stehen geblieben zu sein, an anderen war die Modernisierung unumgänglich, erklärt Bahnhofsmanager Jürgen Lang. „Auch dieses Uhrwerk muss noch auf den neuesten Stand gebracht werden“, gibt seine Mitarbeiterin Dolores Ossyra zu verstehen.

„An Computern und zeitgemäßen Verkaufsstellen kommt heute natürlich niemand mehr vorbei“, weiß Architekturhistoriker Joachim Hennze. Weil die Modernisierung „meist rücksichtsvoll“ vonstatten ging und neben der Grundstruktur noch viele Details und Materialien originalgetreu sind, ist der Bahnhof bis heute ein Baudenkmal. „So hohe Qualität war in den Aufbaujahren nicht selbstverständlich“, weiß Hennze.

Vorgängerbau Das 120 Meter breite Hauptgebäude aus Glas. Metall, Beton und Sandstein steht auf den Fundamenten eines klassizistischen Vorgängerbaus von 1873. Beim Bombenangriff vom 4. Dezember 1944 war er bis auf die Grundmauern zerstört worden, diente aber bis in die 50er Jahre weiterhin als provisorischer Bahnhof. Dass sich die Bahn mit dem Neubau Zeit ließ, lag daran, dass sie vielerorts mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Gleichzeitig wurden die Strecken elektrifiziert.

Kurz nach der Einweihung machte sich die Stadt an die Neugestaltung des Vorplatzes, wobei man davon ausging, dass das benachbarte historische Postamt abgerissen wird. Es steht bekanntlich noch heute. Wie damals außerdem üblich, achtete man bei der Platzgestaltung vor allem auf den Autoverkehr: mit Buchten zum Parken und für Taxen sowie einer Bushaltestelle. Sie wurde mit einem zungenförmigen Schutzdach überspannt.

Kegelbahn Eine Art Zunge nennt Hennze auch das filigrane Flugdach, das an der 40 auf 11,5 Meter großen und 7,5 Meter hohen Empfangshalle die drei Eingangstüren überspannt. Im Innern fanden sich ursprünglich fünf Fahrkarten-, ein Gepäck- und ein Auskunftsschalter sowie im östlichen Korridor Schließfächer. An der verglasten Südseite postierten die Planer zwei Kioske. Die Bahnhofsgaststätte ist bis heute im Westflügel angesiedelt. Das Obergeschoss ist über eine geschwungene Treppe erreichbar, im Untergeschoss findet sich neben den inzwischen kostenpflichtigen Aborten sogar eine stillgelegte Kegelbahn. Im Keller stapeln sich bis heute geschliffene Jura-Platten, mit denen der Boden der Eingangshalle bei Bedarf geflickt wird. Bis in die 90er Jahre hatte der Zahn der Zeit nicht nur am Boden genagt.

110 Züge am Tag Erst in den letzten zwölf Jahren haben die Bahn und ihre Mieter das Gebäude Zug um Zug auf Vordermann gebracht, für gut zehn Millionen Euro: von Yorma’s Supermarkt übers neue Reisezentrum, Buchhandlung Witwer, Kiosk und Förderbändern bis zu neuen Hinweistafeln. „Die Aufenthaltsqualität hat durch unsere Qualitätsoffensive gewonnen“, meint Manager Lang. Einen Schub gab der Bahn auch die Stadtbahn, die seit Juli 2001 am Hauptbahnhof hält und mit ihrem acht Meter hohen Glasdach von der Wiederentdeckung der Schiene zeugt.

12 000 bis 14 000 Besucher gehen hier täglich ein und aus, weiß Lang. Wobei 90 Prozent zwischen 4.30 Uhr und 1.15 Uhr in einen der 110 Züge ein- oder aussteigen. „Viele Menschen kommen auch einfach zum Zeitung kaufen, zum Mittagessen, auf einen Kaffee, weil sie unter Menschen sein wollen oder Reiseluft schnuppern wollen.“

Am Donnerstag, 12. Juni, 19.30 Uhr, berichtet Roland Feitenhansl mit vielen Fotos im Stadtarchiv an der Eichgasse über die Geschichte des Hauptbahnhofs. Feitenhansl ist Autor des Buches „Der Bahnhof Heilbronn – Seine Empfangsgebäude von 1848, 1874 und 1958“.

Das Flair der 50er Jahre ist noch greifbar: zum Beispiel mit der Bierwerbung.
Die östliche Wand der Empfangshalle ziert bis heute ein Relief von Peter Jakob Schober. Sein Titel: „Reisen mit der Bahn – Heilbronn und die Welt“. Vom Fernverkehr der Bahn ist die Stadt längst abgehängt.Fotos: Ulrike Kugler
Das Empfangsgebäude steht an der Stelle des zweiten Heilbronner Bahnhofes von 1873. Der erste von 1848 steht bis heute: an der Bahnhofstraße östlich der Post.