Wahlkämpfer auf Stimmenfang

Heilbronn - Fußgängerzone als Ort politischer Willensbildung − Aktionstag gegen Stuttgart 21

Von Ulrike Bauer-Dörr

Heilbronn - Stuttgart 21 links oder rechts liegen zu lassen, ist am Samstag schier unmöglich. Die Gegner des umstrittenen Milliardenprojekts haben mobil gemacht. Ein rund hundert Teilnehmer starker Demonstrationszug bremst kurz vor Mittag kurzzeitig den Verkehr zwischen Karlstraße, Wollhausstraße, Allee und Kiliansplatz aus.

Dort haben Parkschützer, Verkehrsclub VCD und Aktionsbündnis sowie die den Protestlern nahestehenden Parteien (Grüne, ÖDP, Linke) ihre Infostände aufgebaut. Mehrere Stunden lang beschallen die Kopfbahnhofbefürworter und Untertunnelungsgegner von der Bühne aus den zentralen Platz in der Heilbronner City mit Reden und Musik, Buhrufen oder Beifall, je nachdem, um wen es gerade geht.

Volksentscheid

Sie widerlegen die gegnerischen Argumente, bezichtigen die Entscheidungsträger als Lügner, fordern, endlich das Volk entscheiden zu lassen und rufen Zuhörer und Passanten auf, die "Tunnelparteien" am 27. März demokratisch abzuwählen.

"Heilbronn ist nicht Stuttgart, aber wir sind mit der Resonanz auf unseren Aktionstag sehr zufrieden", bewertet Ulrike Schumacher von der Initiative "Die Parkschützer" die Informationskampagne, die landesweit stattfand. "Mehr sind hier nicht zu mobilisieren."

Der sonnige Samstag ist wie geschaffen für einen Wahlkampf in der Fußgängerzone. "Die Leute sind heute gut gelaunt und offen, da ist nichts Aggressives", freut sich Anne Allinger am SPD-Infostand für Kandidat Rainer Hinderer und gibt Einkaufswagenships, rote Luftballons und Tee aus. Ein paar Meter weiter steht Gisela Käfer am Glücksrad. Kandidat Alexander Throm gewinnt immer und der Glücksraddreher zieht mit Weißkraut und Kartoffeln davon. Die angekündigte Kultusministerin Marion Schick hat allerdings krankheitshalber abgesagt. Eine 71-jährige Nordheimerin muss am Stand nicht erst überzeugt werden: "Ich habe schon immer die Union gewählt, weil die die besseren Argumente haben. Mich kann keiner mehr umstimmen", sagt sie mit vielsagendem Blick auf die S-21-Gegner auf dem Kiliansplatz. Auch Siegfried Hensel aus Flein hat sich festgelegt: "Stuttgart 21 hat einfach mehr Vor- als Nachteile."

Daniel Wierbizki von der Piratenpartei beschenkt Kinder mit Ballonkunstwerken, gibt Süßigkeiten und Flyer aus. "Es kommen Junge und Alte, um sich über uns zu informieren", zieht er erste Bilanz. Nebenan spricht FDP-Landtagskandidat Richard Drautz Passanten an und drückt ihnen Infomaterial in die Hand. Am FDP-Stand gibt es neben gelben Luftballons auch Tempotaschentücher: "Weil Schwarz-Gelb bleibt, müssen Sie Baden-Württemberg nach der Wahl keine Träne nachweinen", liefert Nico Weinmann die Erklärung. Er sehe keine Anzeichen für Wechselstimmung.

Ein paar Meter weiter haben sich die Republikaner positioniert. "Sarrazin hat Recht" und "Unser Geld für alle Welt? Nein!" steht auf ihren Plakaten. "Pro Heilbronn" mit Alfred Dagenbach sagt Unentschlossenen am Stand, "wer wählbar ist."

Unbeteiligt

Unterwegs in der Fleiner Straße sind am Samstag auch Straßenmusiker, bibeltreue Christen, ein Trottwar-Zeitschriftenverkäufer und Frauenrechtlerin Clara Zetkin, die im Jahrhundertwendekostüm für den Frauentag wirbt: Die meisten Passanten lassen sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Wahlkampf hin oder her: Sie kaufen ein oder sitzen genüsslich in der Sonne. In diesem Moment ist die Politik ganz weit weg.