"Uns ist die Armut im Viertel begegnet"

Das Heimatlabor des Stadttheaters machte sechs Tage im Unteren Industriegebiet Station

"Uns ist die Armut im Viertel begegnet"
Ist beeindruckt von Heilbronn: Regisseur Stefan Nolte.Foto: Theater Heilbronn

Zuerst die Schanz, jetzt das Untere Industriegebiet, früher Hawaii genannt. Das Heilbronner Stadttheater sammelt mit seinem Heimatlabor Eindrücke vom Lebensgefühl in den Vierteln. Sehr spannende sogar, wie Theaterregisseur Stefan Nolte (45) Helmut Buchholz zu berichten weiß. Er und sein Kollege Oliver Gather waren sechs Tage auf dem Industrieplatz.

Wie war es denn so im Hawaii?

Stefan Nolte: Ganz anders als auf der Schanz. Unser Wohnzeit-Container, zu dem die Leute täglich von 11 bis 20 Uhr kommen konnten, stand auf dem Industrieplatz. Da war es staubig, wir hatten einen Blick auf die Moschee, die unsere Kantine wurde. Dort haben wir gegessen und viele Menschen kennengelernt.

Was ist im Unteren Industriegebiet anders als auf der Schanz?

Nolte: Das Glücksgefühl und die Zufriedenheit ist anders. In Böckingen wollte keiner weg. Im Industriegebiet wünschen sich etwa viele junge Leute Veränderungen. Einen Fußballplatz und mehr Spielplätze.

Und die Erwachsenen?

Nolte: Das Lebensgefühl ist grundsätzlich anders. Wir haben im Hawaii eine Mutter kennengelernt, die Angst hat, ihre Kinder auf die Straße zu lassen. Ein Sohn bewegt sich in der Drogenszene. Die Mutter sagte uns, man hätte ihren Sohn vergiftet.

Das hört sich schlimm an.

Nolte: Viele Jüngere wissen mit dem Wort Hawaii nichts anzufangen. Aber sie denken, dass ihr Viertel in der Öffentlichkeit skandalisiert wird. In den Augen der Bevölkerung wird zu wenig für den Stadtteil gemacht. Zum Beispiel die Stadtbahnbaustelle. Es gibt Bewohner, die sagen, die Bahn bringt ihnen nichts. Denn sie haben kein Geld, um in die Stadt zu fahren, um sich da etwas zu kaufen. Wir sind im Hawaii der Armut begegnet. Türkische Clans, die sich große Mehrfamilienhäuser kaufen, um zusammen zu leben. Aber denen das Geld aus Mieteinnahmen fehlt, um diese Häuser zu sanieren. Die Leute fühlen sich am Rande. Auch die Müllentsorgung klappt nicht.

Haben Sie ein Beispiel?

Nolte: Am Bahndamm in der Christophstraße sieht es ein bisschen nach Kalkutta aus. Niemand räumt den Müll weg.

Leiden die Menschen unter der Situation im Stadtteil?

Nolte: Nein. Sie wünschen sich zwar mehr Bäume. Aber es gibt im Viertel einen selbstverständlichen Umgang miteinander. Und wir haben viel Gastfreundschaft erlebt.

In welcher Form?

Nolte: Eine muslimische Mutter kam gerade von einer Mekka-Pilgerreise zurück und ließ uns am Ritual mit dem heiligen Wasser teilhaben. Wir haben auch einen Deutschen kennengelernt, der im Wohnwagen lebt und die Vögel kennt, die um seinen Wohnwagen herum sind. Er spricht sogar mit ihnen.