Union träumt von guten alten Zeiten

Nostalgietreffen ehemaliger Böckinger Fußballer des Traditionsvereins

Von Helmut Buchholz

Ein Bild aus besseren Tagen: So ging es im Stadion am See in Böckingen in den 60er Jahren zu. Im Schnitt besuchten 1500 Fans die Spiele.Foto: Archiv

Heilbronn - Da war es wieder. Dieses Union-Gefühl. „Wenn man hier ist, fühlt man sich daheim.“ Alfred Zwickl (59) spricht aus, was alle im Festzelt denken, das der Böckinger Traditionsverein auf seinem Gelände zum 100. Geburtstag aufgebaut hat. Das Nostalgietreffen der ehemaligen Union-Fußballer wie Alfred Zwickl ist fast wie ein Klassentreffen – von einstigen klasse Fußballern. Peter Gutzeit (61) hat den Rasen des Stadions am See seit über 30 Jahren nicht mehr betreten. Als er den Fuß auf das Grün setzt, das sein Sprungbrett in den Profifußball war, bekommt er ein wenig weiche Knie. „Stützt mich“, sagt er zu Zwickl und Rainer Lippert (60). Letzterer hatte damals in den glorreichen 60ern immer einen Kamm im Stutzen. Sein Markenzeichen. Schönlinge, die extrem um ihre Frisur besorgt waren, gab es offenbar schon immer im Fußball. Aber sonst hat sich einiges geändert.

„Wir sind samstags mit der ganzen Mannschaft ins Kino gegangen“, erinnert sich Gutzeit an die guten alten Zeiten. „Wer macht das heute noch?“ Die Union, genauer gesagt die Fußballer in der Union, vermissen heute diese Vereinstreue. Vorsitzender Hansjörg Apprich will nicht klagen, tut es aber doch irgendwie, wenn er auf die Integrationsleistung des Clubs hinweist, die manche unterschätzen. Böckingen ist heute ein Multi-Kulti-Ort, nur schwer lassen sich hier Spieler finden, die nicht schnell weg sind, wenn jemand mehr Geld bietet oder sonst etwas nicht so läuft wie geplant.

Der Rasen im Böckinger Stadion, der ihnen die Welt bedeutete: Rainer Lippert, Peter Gutzeit und Alfred Zwickl (v. l.) schnuppern wieder Stadionluft.Foto: Helmut Buchholz

Das kommt den alten Recken bekannt vor. Zwar war das Reservoir an Nachwuchsspielern vor gut 40 Jahren noch viel größer als heute. Die Union hatte sage und schreibe drei A-Jugend-Teams. Und dennoch sind dem Verein die Spieler weggelaufen. Wegen lukrativerer Angebote anderer Vereine. Rainer Lippert kann ein ganz trauriges Lied davon singen. Denn er war einer der ersten, der ging. Nicht irgendwohin, nein, zum Erzrivalen VfR Heilbronn. „Das war damals ein Skandal“, erinnert er sich. Noch schlimmer war der Zeitpunkt des Wechsels. Die Union vergeigte in einem einzigen Spiel ausgerechnet gegen den VfR Heilbronn den Aufstieg in die zweite Liga. Und das vor 8000 Zuschauern im Stadion am See. Welch Schmach.

Kann sich Sportgeschichte in einem Moment entscheiden, in 90 Minuten schicksalhaft verdichten? Dieses Derby hat sich jedenfalls ins Gedächtnis der Ahnen eingraviert. Für immer. Denn danach wechselte nicht nur Lippert den Verein. Auch Gutzeit ging – und viele weitere.

Der Rest ist bekannt. Der VfR hat es nicht geschafft, seine Chance in der zweiten Liga zu nutzen. Der Unterländer Fußball hängt heute in einem tiefen Tal fest. Schon lange. Vereine wie Hoffenheim haben eben einen potenten Mäzen, die Unterländer Vereine nicht, obwohl hier genügend Leute mit viel Geld da sind, räsoniert Zwickl. Warum? „Das frage ich mich schon lange“, sagt Gutzeit.

Es wurde aber auch über viele Jahre hinweg versäumt, Vertrauen bei den Sponsoren aufzubauen... Lippert erinnert sich: „Das war schon immer das Problem der Union: Sie wurde von Handwerkern und nicht von Kaufleuten geführt.“ Wenn das anders gewesen wäre, nicht nur in den 60ern, wer weiß, wo der Verein heute stehen könnte?