Stadtbad Heilbronn: Opfer des Zeitgeists der 70er Jahre

Das anno 1891 im Stile der wilhelminischen Barock errichtete Stadtbad bildete mit der Synagoge den südlichen Abschluss der Allee, der einstigen Heilbronner Prachtmeile. Vor 40 Jahren, am Samstag nach Aschermittwoch 1972, wurde das Gebäude des Stadtbades in die Luft gesprengt.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

 

Heilbronn - Nichts trägt den Ruhm der Stadt so weit, als Ordnung, Fleiß und Reinlichkeit." Alte Heilbronner haben den Spruch noch vor Augen. Er stand an einer Wand der Männerschwimmhalle im Alten Stadtbad am Wollhausplatz. Vor 40 Jahren, am Samstag nach Aschermittwoch 1972, wurde das Gebäude in die Luft gesprengt.

Aus der Distanz liest sich der Reim wie pure Ironie. Kritische Zeitgenossen nennen ihn symptomatisch für den Zeitgeist der 70er Jahre. Heilbronn räumte damals ordentlich auf und beseitigte einige seiner wenigen historischen Gebäude. Manche gehen noch weiter. Für sie passt der Fall des Bades zu einer Reihe neuzeitlicher Bausünden. Die Stadt sei nicht nur im Krieg zerstört und danach zu schnell wiederaufgebaut worden, die Spur der "zweiten Zerstörung" ziehe sich bis in die Gegenwart: von der alten Harmoniefassade über Moltkekaserne, Friedenskirche, Deutschhofgiebel, Jugendstiltheater, Jägerhausklinik bis hin zu etlichen historischen Fabrikgebäuden und Stadtvillen.

Meisterleistung

Einen unrühmlichen Höhepunkt markiert der Abbruch des Stadtbades. Ein Heilbronner-Stimme-Redakteur titelte damals ganz im Ernst: "Auch diese Sprengung war eine Meisterleistung der Techniker." Filmer und Fotografen nannten das Spektakel "bildschön". Nur romantisch veranlagte Naturen weinten dem schmucken Jahrhundertwendebau Tränen nach, manche bekommen noch heute feuchte Augen.

Das anno 1891 im Stile der wilhelminischen Barock errichtete Stadtbad bildete mit der Synagoge den südlichen Abschluss der Allee, der einstigen Heilbronner Prachtmeile; es beherbergte ursprünglich auch ein jüdisches Ritualbad. Beim Luftangriff von 1944 wurde das Sandsteingebäude beschädigt. Gleich nach dem Krieg sollte es einem Versorgungszentrum Platz machen. Doch davon nahm man zunächst Abstand und baute das Bad bis 1950 im Heimatstil etwas schlichter wieder auf. Das ursprünglich pompöse Eingangsportal wurde durch Säulen ersetzt. In der Ausgestaltung der Inneneinrichtung kamen einheimischen Künstler und Handwerker zum Zuge. So fand sich etwa am 20 auf acht Meter großen Schwimmbecken ein wasserspeiender Löwenkopf von Wilhelm Klagholz; der Flaschnermeister hatte bereits am Rathaus Widder, Hahn und Stadtadler restauriert. Neben dem Hauptbecken gab es Wannen- und Brausebäder. Manche erinnern sich an einen Keramikbrunnen mit Delphin von Maria Fitzen-Wohnsiedler und Hermann Wilhelm Brellochs.

Gesprengt wurde das Gebäude schlicht und einfach, weil es zu klein wurde und mit dem im Frühjahr 1972 vollendeten Stadtbad am Bollwerksturm, dem heutigen Soleo, überflüssig geworden war.

Betonbrutalismus

Am Wollhausplatz wurde 1972 bis 1975 das heutige Einkaufs- und Bürozentrum hochgezogen. Unübersehbar. Architekturhistoriker wie Joachim Hennze sprechen von einem Mahnmal für den "Betonbrutalismus" der 70er Jahre. Viele Bürger − von der jüngste Hasenmahlrednerin Richterin Gabriele Wolpert-Kilian bis zu Baubürgermeister Wilfried Hajek und Stadtplaner Christoph Böhmer − brachten spaßeshalber eine erneute Sprengung ins Spiel. Eine entsprechende Volksabstimmung hätte gewiss Erfolg. Soviel steht fest: Zumindest die vereinigten Hüttenwerke an der Südflanke werden noch dieses Frühjahr abgebrochen, der Busbahnhof wird 2013 saniert.

Kleine Platzgeschichte

Der Wollhausplatz hat seinen Namen von einer Wollhalle, die hier 1852 gebaut worden war, wobei der Platz bereits seit 1818 Standort eines Wollmarktes war. Anfang des 20. Jahrhunderts verlor er an Bedeutung. 1892 wurde hier das Alte Stadtbad gebaut, 1950 wurde es nach der Zerstörung (1944) wieder eröffnet. Gleichzeitig diente der Platz seit den 70ern als Parkplatz. Nach der Sprengung des Stadtbads entstand 1972 bis 1975 das Wollhauszentrum mit Vorplatz und Busbahnhof. kra