Selbst im Kölner Dom steckt ein Stück Heilbronn

Fotograf Eberhard Spaeth schärft den Blick für eine wieder entdeckte Bautradition

Von Kilian Krauth

Historie - Über Jahre hinweg bin ich dort oben an einem Felsblock vorbei gejoggt“, berichtet Eberhard Spaeth. Aber erst im Laufe der letzten zwei, drei Jahre gewann der heute 59-Jährige Einblick, was sich hinter dem unscheinbaren Stein an einem Pfad im Stadtwald alles verbirgt.

Der Fotograf richtet den Fokus auf ein großes Kapitel Stadthistorie, das an manchen Ecken förmlich zu greifen ist, dessen eigentliche Dimension aber für viele im Verborgenen liegt: die Geschichte des Heilbronner Sandsteins. Spaeth ruft sie diesen Donnerstag, 16. Oktober, 19 Uhr, in einer reizvollen Multivisionsschau im Deutschhofkeller wach.

Im Steinbruch Winterhaldenhau am Schweinsberg wird das Baumaterial bis heute von der Firma Holz aus Mühlbach abgebaut. Der Bruch am Jägerhaus, der heute wie eine verwunschene Schlucht anmutet, wurde vor 40 Jahren stillgelegt. Bereits 1393 wird die heutige Steinstraße erstmals erwähnt, sie liefert damit eine der ersten Spuren zum Abbau.

Hinweise zur Verwendung des Heilbronner Schilfsandsteins brachte Spaeth im Stadtarchiv zu Tage. Weit über die Stadt hinaus wurde er beim Bau etlicher, teils weltberühmter Gebäude verwendet: vom Kölner Dom bis hin zum Hauptbahnhof von Amsterdam. Selbst am Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses kam er zum Einsatz – weil sich der aus Heilbronn stammende Bildhauer Jakob Müller beim Kürfürsten anno 1602 ausdrücklich dafür stark machte.

Viele Zeugen In Heilbronn selbst blieb der feine Stein lange öffentlichen Bauten vorbehalten, privat setzte man aufs Fachwerk. Erst als der Rat über eine neue Bau- und Feuerordnung ab 1787 die kostenlose Lieferung des Materials festschrieb, „brachte die private Bautätigkeit eine Reihe stilvoller Häuser hervor“, berichtet Spaeth. Im 19. Jahrhundert schließlich erlebte das Material seine höchste Blütezeit. In den neuen Vorstädten wurden ganze Straßenzüge damit errichtet. Im noblen Osten entstanden prachtvolle Villen, die anders als die meisten Gebäude der Innenstadt den Feuersturm vom 4. Dezember 1944 überstanden. Doch selbst lange nach dem Zweiten Weltkrieg mussten herausragende Gebäude einer großen Baukultur fallen: bis hin zum Jugendstiltheater auf der Allee.

Immerhin wurden beim Wiederaufbau einige prägende Denkmäler restauriert. Und seit den 90er Jahren scheint eine neue Sensibilität im Umgang mit historischer Bausubstanz Raum zu greifen. Leuchtendes Beispiel ist der Turm der Kilianskirche, aber auch in der Südstadt und im Osten finden sich einige schöne Beispiele. Eberhard Spaeth ist ihnen mit der Kamera nachgegangen. So beginnt seine Multivisionsschau an der 1958 errichteten Fassade des neuen Hauptbahnhofes, um mit dem Postamt No. 2 nicht nur einen imposanten Sandsteinbau ins Bild zu rücken, sondern auch dessen reiche Verzierungen und Reliefs.

Während Wilhelmskanal, Götzenturm und Bollwerksturm ebenso wie Weinbergmauern von der alltäglichen Verwendung zeugen, lässt der Stein in der City manches vom Glanz des alten Heilbronn erahnen. Zumal, wenn er im Abendlicht scheinbar leuchtet: am Deutschhof und am Marktplatz, an Brunnen und Schulen und an Grabsteinen. Die Wiederentdeckung des Sandsteins lässt sich sogar an manchen Neubauten ablesen. Einen muss Spaeth noch in seine Multivisionsschau einbauen: den Klosterhof, dessen Fassade auf die große Heilbronner Sandsteintradition anspielt.

Der wildromantische Steinbruch am Jägerhaus wurde vor 40 Jahren still gelegt. Heute dient er als Naturschutzgebiet und als Ausflugsziel.
Nicht nur im Alten Friedhof, sondern auch im Hauptfriedhof an der Wollhausstraße sind viele historische Grabmale aus Schilfsandstein gefertigt.
Wie hier die Wilhemstraße sind in der Südstadt noch ganze Straßenzüge vom traditionellen Baumaterial geprägt: auch wenn nicht alle Bewohner und Besitzer angemessen damit umgehen.Fotos: Eberhard Spaeth