Plötzlich war Schluss

Heilbronn - Vor 20 Jahren war es ein faustdicker Skandal, heute erinnern sich wahrscheinlich nur noch direkt Betroffenen daran: Die Stadt Heilbronn schloss die Nachsorgeklinik auf der Anhöhe südlich von Sontheim, um einen Personalnotstand im Jägerhaus-Krankenhaus zu beheben. Angekündigt Mitte März war schon am 1. April 1991 die Sontheimer Krankenhausära beendet.

Von Gertrud Schubert

Heilbronn - Vor 20 Jahren war es ein faustdicker Skandal, heute erinnern sich wahrscheinlich nur noch direkt Betroffenen daran: Die Stadt Heilbronn schloss die Nachsorgeklinik auf der Anhöhe südlich von Sontheim, um einen Personalnotstand im Jägerhaus-Krankenhaus zu beheben. Angekündigt Mitte März war schon am 1. April 1991 die Sontheimer Krankenhausära beendet.
 

Schachfiguren

Die 24 Schwestern fühlten sich wie "Schachfiguren, die man herumschiebt". So stand es damals in der Stimme. In ganz Deutschland hatte Heilbronn nach Pflegekräften inseriert − erfolglos. Deshalb wurden mithilfe der Sontheimer Schwestern zwei Stationen im Jägerhaus-Krankenhaus gerettet: eine wurde wieder eröffnet, die andere vor der Schließung bewahrt. Der Protest von Beschäftigten, Patienten und Angehörigen in der Nachsorgeklinik blieb ungehört. Stattdessen vertröstete sie der damalige Krankenhausdezernent Harald Friese: Sollten die 20 Schwesternschülerinnen bleiben, könnte das 75-Betten-Haus nochmals geöffnet werden. Daraus wurde nichts.

So stand das schlossartige Gebäude zehn Jahre leer, bis nach aufwendigem Umbau 2001 die Alice-Salomon-Schule einzog. In der Schule für Erziehungshilfe bekommen zurzeit 45 Jungen und Mädchen pädagogische Spezialzuwendung, weil sie im gewöhnlichen Schulbetrieb auffallen, stören oder untergehen.

Wer die Schule betritt, wird mit der erstaunlichen Geschichte des Hauses konfrontiert. Rektorin Claudia Fritz hält ein besonderes Gästebuch bereit. "Hier geboren" steht auf dem Einband. Von 1946 bis 1972, als die Frauenklinik im Gesundbrunnen eröffnet wurde, sind die Heilbronner hier auf die Welt gekommen. Augenärzte hatten Belegbetten. In den 70er Jahren wurde das Haus Nachsorgeklinik für ältere Patienten, die sich von Schlaganfall oder Herzinfarkt erholten.

Jüdisches Altenheim

Gebaut hatte das schöne Anwesen der Israelitische Landes-Asyl- und Unterstützungsverein. 32 Frauen und Männer zogen 1907 ein und wollten in dem neuen Altenheim Wilhelmsruhe ihren Lebensabend verbringen. In der NS-Zeit suchten immer mehr Juden hier Schutz und Unterschlupf, 1936 entstand ein Erweiterungsbau.

Zehn maskierte Männer stürmten im November 1938 das Haus und versetzten die 150 Bewohner in Angst und Schrecken. Sie zertrümmerten systematisch alle Gegenstände. 1940 wurden die Juden aus dem Sontheimer Altenheim abgeschoben, nach Theresienstadt und an andere Orte deportiert. Mindestens 118 der ehemaligen Bewohner wurden ums Leben gebracht.