Nutzer für verwaistes Fleischhaus gesucht

Heilbronn - Eines der schönsten Häuser Heilbronns, das Fleischhaus an der Kramstraße 1, wird nach dem Auszug des Naturhistorischen Museums seit einem Jahr nur ab und zu bespielt, für Ausstellungen.

Von Kilian Krauth

Nutzer für verwaistes Fleischhaus gesucht

"Bei allen Veränderungen hat auch das Denkmalamt ein Wörtchen mitzureden."

Joachim Hennze

Heilbronn - Eines der schönsten Häuser Heilbronns, das Fleischhaus an der Kramstraße 1, wird nach dem Auszug des Naturhistorischen Museums seit einem Jahr nur ab und zu bespielt, für Ausstellungen. Bis spätestens 30. Juni will die Stadtverwaltung die künftige Nutzung festlegen. Die SPD-Fraktion hat jetzt bei einer Veranstaltung unter Moderation von Stadtrat Gerd Kempf die kommunalpolitische Ideensammlung eröffnet.

Auf Distanz ging Kempf zu Günter Emigs Traum, das Gebäude zum Kleist-Haus umzuwandeln. Für angeregte Diskussionen unter gut 50 Besuchern sorgten andere Ideen: So schlug etwa Christoph Eberlein vor, an die Historie anzuknüpfen und hier das Standesamt anzusiedeln − inklusive Bar oder Restaurant für kleine oder größere Nachfeiern. Auch ein Haus der Energie sei denkbar, ein Nahverkehrszentrum oder eine Tourismuszentrale fürs Heilbronner Land. Rätin Marianne Kugler-Wendt regte "temporäre Nutzungen und ein Bürgerhaus für die Innenstadt" an. Architekt Karl- Adolf Herzog erkannte "einen würdigen Ort für das jüdische Erbe unserer Stadt". Reif sei die Zeit aber auch für ein interkulturelles Zentrum.

Markthalle

Bis ins Detail ausgearbeitete Entwürfe für eine regionale Feinschmecker-Markthalle mit Gastronomie und Außenbewirtschaftung präsentierte Architekt Reiner Weber. Seine Pläne gehen auf eine drei Jahre zurück liegende Ideensammlung zurück. Sie waren an der Finanzierungsfrage gescheitert. Das Rathaus hatte schon damals kein Geld für Investitionen übrig, außerdem ist ein Verkauf des Fleischhauses bis heute tabu. Webers Pläne sehen neben einer Verkaufstheke im Erdgeschoss auch die Öffnung der vergitterten Fensterbögen an der Südseite sowie einen gestalterisch abgehobenen Aufzug vor. Wie Denkmalpfleger Dr. Joachim Hennze zu verstehen gab, habe bei solchen Veränderungen die übergeordnete Behörde im Regierungspräsidium Stuttgart ein Wörtchen mitzureden.

Die SPD nutzte die Veranstaltung auch für Grundsatzfragen zum Umgang mit den historischen Häusern von Heilbronn. Vor dem Hintergrund des Abbruchs der gelben Villa an der Badstraße führte Architekt Claus Kohout im Namen der Lokalen Agenda 21 mit einem spannenden Lichtbildervortrag den Gästen "die zweite Zerstörung Heilbronns" vor Augen. Gleichzeitig sensibilisierte er sie für verborgene Schätze. Um weiteren Bausünden wie etwa an der Allee 18 vorzubeugen, regt die Agenda eine Reihe von Maßnahmen an: eine Erhaltungssatzung wie in Alt-Böckingen, eine Gestaltungskommission, eine Stiftung und eine städtische Schutzliste, die anders als das RP der besonderen Heilbronner Situation Rechnung trage. Die Grünen haben dem Rathaus bereits einen entsprechenden Antrag zugestellt, gab Stadtrat Karl-Heinz Kimmerle zu verstehen. Herbert Tabler (SPD) wusste, eine solche Liste habe man bereits in den 80ern erarbeitet; offenbar sei sie verschollen.

Politikum

Dass bereits 1928 genau 38 Gebäude in der Stadt auf die "höchstmögliche Schutzstufe" gestellt worden seien, erklärte Denkmalpfleger Hennze. Den Wiederaufbau in den 50er Jahren wollte er nicht verteufeln. Gegen die Sünden späterer Jahre habe das neue Landesdenkmalschutzgesetz in Heilbronn leider erst 1992 gegriffen.

Für die Aufbauetappen Verständnis zu wecken, versuchte Architektenkammerchef Karl-Adolf Herzog. "Erst baut man das Notwendige, dann baut man zur Erleichterung und erst später zur Freude." Außerdem hätten Bauherren früher aus Liebe zu ihrer Stadt gebaut, heute eher aus Gründen der Rentabilität. "Leute wie den Kaufmann und Kulturmenschen Gerhard Zehender findet man inzwischen kaum noch." Letztlich sei die Politik gefordert: damit die Entwicklung des Stadtbildes nicht übermäßig von Investoreninteressen bestimmt wird.