Natürlich wird er sie alle vermissen

Ludwig Müller sagt nach gut zwölf Jahren der Wartbergschule Ade

Von Gertrud Schubert

Natürlich wird er sie alle vermissen
Treffsicher nicht nur am Billardtisch. Für die Schüler ist ihr Rektor einer, der mitmacht, wann immer er kann.Foto: Dittmar Dirks

Heilbronn - Warum? Das fragen ihn seine Schüler immer wieder. Er ist doch topfit, gesund, immer freundlich und geht jeden Tag fröhlich in seine Wartbergschule. Aber nur noch bis Mitte August, dann wird Ludwig Müller 63 Jahre alt, räumt sein Schulleiterzimmer und verschwindet in den Ruhestand. Wird er seine 420 Kinder und 45 Lehrer und Ganztagsschulleute vermissen? Müller murmelt leise etwas von "unverschämte Frage".

Gemeinsam Warum dann also? Weil er sich nicht kaputt machen will. Weil er aufrechten Hauptes einen neuen Lebensabschnitt anfangen will. Und weil die Schule gut aufgestellt ist, "so kann man sie beruhigt weitergeben". Die zwölf Jahre Müller haben alles von Grund auf umgekrempelt. Dass es aber nicht nur Müllerjahre waren, das weiß in und rund um die Wartbergschule jeder. Ohne Konrektorin Heike Wolff wäre das nicht zu machen gewesen. Dann die Lehrer, das Ganztagsschulteam, Hausmeister, Schulsekretärin, Förderverein, die Lions und − die Eltern, sie alle ließen sich mitreißen und erlebten, dass stimmt, was Müller sagt: "Das Wichtigste an einer Schule ist, dass Eltern, Lehrer, Schüler eine gemeinsame Idee haben, wie Schule sein muss." Ganztagsschule muss sie sein. Sie muss die unfassbar große Vielfalt ihrer Schülerschaft als Potenzial begreifen. Und sie muss Atmosphäre schaffen.

Undenkbar vor wenigen Jahren: Schülerkunst auf einem Hauptschulflur. Und was für welche! Da kann manch Gymnasium nicht mithalten. "Kunst an der Schule − die Kunst Schule zu machen": Für das Großprojekt lockte Ludwig Müller zehn Künstler aus ganz Deutschland in seine Schule. Sie, die Schüler, viele Folgeprojekte mit Michael Hieronymus, einem ehemaligen Wartbergschüler, hinterließen höchst beachtliche Spuren. "Kunst sorgt für großes Wohlbefinden", daran wollte Ludwig Müller seine Schüler und Lehrer teilhaben lassen. Mit der Zirkusfamilie Riedesel holte er alle paar Jahre für die Grundschüler ein Selbstbewusstseinstraining ins Schulhaus. Selbstvertrauen, Geschicklichkeit, Mut lernten sie mit dabei − unmerklich.

Unvorstellbar auch, ein Schulgelände mit der ganzen Schulgemeinde auf den Kopf zu stellen. Jede Klasse, die Kleinen wie die Großen entwarfen ihren Traumschulhof und stellten ihre Pläne wie Landschaftsarchitekten in der Halle aus. Alle wählten, was ihnen am wichtigsten ist: Labyrinth und Atrium, Burgbergtunnel, Kletterwand und Bauwagen, insgesamt neun Projekte verwirklichten die Schüler, unterstützt von ihren Lehrer, Eltern und Fachleuten. Was haben sie dabei nicht alles gelernt: Rechnen, Physik, Chemie, Planen am Computer und miteinander Arbeiten, Auskommen, Mitmachen. Der kreative Umgang mit dem Bildungsplan belebte das Schulleben.

Kunterbunt Unglaublich, dass Müller die doppelstöckige Sporthalle als sein "schönstes Schulerlebnis" bezeichnet. Wahrscheinlich weil sie so kunterbunt und toll ist. Und weil er mit unendlicher Beharrlichkeit alle Verzagtheit und allen Widerstand aus dem Weg räumte. Jahre hat das gedauert. Schon sein Vorgänger hatte versucht, die Sportmisere zu beenden. Es ist gelungen.

36 Jahre war Ludwig Müller Lehrer. Da war so viel los. Da hat er so viel erlebt. Und immer haben die Hauptschüler gespürt, dass da einer vor ihnen steht, der sie versteht: ein Starkstromelektriker, der sich auf dem zweiten Bildungsweg zum Lehrer gemausert hat. So einer ist anders, den kann man ernst nehmen.